Corona – oder auch die „Never ending story“

Lange habe ich mir überlegt, ob ich mich hier zu diesem Thema äußere, da sich ja bereits sehr viele Hobbyvirologen, Pseudomediziner, fabrikneue Politologen oder auch einfach nur Ich-weiß-alles-besser-Kandidaten hinreichend in sozialen Medien, oder wo auch immer dafür Platz zu sein scheint, zu Wort melden. Oft habe ich mir dabei die Frage gestellt, woher Menschen, die mit Verlaub i.d.R. aus anderen Universen als das meinige stammen, plötzlich eine Fülle an wissenschaftlichen Studien absolviert haben, um ALLES beurteilen zu können; und das innerhalb eines Jahres – verrückt…. Mittlerweile zerfleischen wir uns ja aber bekanntlich nicht nur untereinander, sondern auch Menschen, die sich eigentlich damit auskennen müssten. So bleibt es immer spannend am Coronahorizont.

Ehrlich gesagt, will ich hier weder meine persönliche Meinung zum Covid-Virus kundtun, noch will ich eine politische Debatte auslösen, sondern einfach nur meine Erfahrungen damit schildern.

Als der ganze Sch… begann, arbeitete ich noch in der Schule, war aber bereits schwanger. In den ersten Wochen scherzte ich noch mit meinen Schülerinnen und Schülern darüber, dass mich nur eine Erkältung erwischt hätte und ich schon keine Coronabazillusschleuder sei. Ich machte mir am Anfang relativ wenig Gedanken über das Ganze und war der Ansicht, dass der Virus a, schnell in den Griff zu kriegen sei und b, sowieso einen riesen Bogen um Europa machen würde.

Wie naiv das war, hätte mir eigentlich als begeisterter Resident Evil Fan klar sein müssen. Irgendwann beschlich auch mich langsam ein mulmiges Gefühl, nicht wegen mir, denn wie wir ja bereits wissen: Unkraut vergeht nicht! Aber da wuchs nun so ein kleiner Mensch in mir heran und dazu kam, dass ich eh die ganze Zeit von diesem unguten Gefühl geplagt wurde… Also war ich ganz froh, dass ich mich relativ schnell ins Homeschooling verabschieden konnte.

Zugegeben, ich hätte mir dort ein wenig mehr Freizeit gewünscht, wie es wohl auch an vielen Schulen der Fall gewesen sein muss. Aber Dank engagierter digitalisierungsbeauftragter Kollegen wurde mir das Glück nicht zuteil meinen Popo in die Sonne zu strecken und Zeitung zu lesen, weil Systeme wie Moodle oder E-Mailserver ständig aufgrund der Überlastung abstürzten. Nein, unsere Schule war mal wieder Vorreiter und nutzte die Plattform „Teams“. Damit war der Freizeitgedanke dahin und ich möchte hiermit mal eine Lanze für alle meine eifrig arbeitenden Kolleginnen und Kollegen brechen: Nein, es war nicht jeder Lehrer faul und hatte viel private Zeit (natürlich sind da auch ganz viele auszunehmen; Faultiere gibt es überall). Dank Corona hatte meine Arbeit eine ganz neue Intensität erreicht und zwar eine, die ich nicht unbedingt für gesund halte. Ich sollte nämlich nun zwischen Lockdown im Kindergarten auch noch meine Goldkinder aus der Schule optimal bespaßen.

„Ist ja auch dein verdammter Job“, höre ich da schon wieder den ein oder anderen sagen. Richtig! Aber es ist nicht mein verdammter Job, Email- und Chatanfragen der Kollegen, Eltern oder Schüler 24/7 zu beantworten, nebenbei mein Kleinkind zu bespaßen, Unterricht auf einem mir völlig fremden Terrain (da anderes Medium) vorzubereiten, mal eben ca.240 bearbeitete Aufgaben jeden Tag zu kontrollieren und zu feedbacken und dazu noch an sämtlichen Dienstbesprechungen teilzunehmen, die oft eh am nächsten Tag hinfällig waren, da die oberste Behörde seitens der Politik neue Anweisungen erhielt – aber hey, ich war wenigstens daheim. Auch bekam ich natürlich beamtengetreu jeden Monat pünktlich mein Gehalt.

Ja, ich kann Menschen verstehen, die plötzlich zum Coronaquerdenkermutant werden, weil sie einfach verdammt noch mal ihre Existenz bedroht sehen und die Hilfen in typischer deutscher Manier zu spät gezahlt werden. Auch kann ich nachvollziehen, dass es schwierig ist, dass man als junger Mensch keine Party besuchen kann, um sich dort mit maximaler Fake-Optik (denn in der Schule und zuhause trägt man heutzutage oft eher Gammellook) zu präsentieren und dem anderen Geschlecht, vielleicht auch dem gleichen anzubieten. Bitte versteht mich nicht falsch, ich verurteile das keineswegs, denn ich war kein Stück anders. ABER und das ist das, was mir richtig auf’s Gemüt schlägt… wir machen nun das ganze Theater seit über einem Jahr mit und Corona hat es geschafft, dass es selbst mir massiv auf den Sack geht.

Ja, ich beziehe gerade Elterngeld. Ja, ich gehe mit zwei Kleinkindern eh gerade nicht mehr jeden Tag essen wir noch ein paar Jahre zuvor. Ja, ich bin Dank meiner Kinder oft ab 21 Uhr im Bett. Und ja, ich habe weniger ein Problem mich an Besucherregeln zu halten, wie andere. ABER wie lange soll das Hin und Her denn noch andauern? Mein Zweijähriger ist nun das x-tausendste Mal vom Kindi ausgeschlossen, da ich keinen Anspruch auf die Notbetreuung habe (klar zurecht). Und selbst obwohl er noch so klein ist, stelle ich Veränderungen hinsichtlich seines Verhaltens gegenüber dem Kindergarten und den sozialen Kontakten, die damit einhergehen, fest.

Kinder, die bereits die Vorschule oder auch die Schule besuchen, tun mir unendlich leid und ich befürchte, dass wir hinsichtlich der sozialen, aber auch der kognitiven Entwicklung noch lange etwas von Corona haben werden. Deshalb appelliere ich an alle mit gesundem Menschenverstand und vor allem auch an diejenigen, die endlich ihr Leben zurückwollen, endlich mal ein bisschen Vernunft walten zu lassen. Ist es sinnvoll, wenn sich Jugendliche im Wald verstecken und mit 20 Leuten dort ihre Saufeskapaden abhalten? Ist es sinnvoll, wenn sich eine Million Familien am Sonntag bei einer Waldkugelbahn für Kinder versammeln? Klar, die meisten stecken eine Infektion relativ harmlos weg, manche aber eben vielleicht auch nicht. Ich für meinen Teil würde Samu gern noch ein paar Jahre mit seinen Großeltern gönnen (davon zwei Risikopatienten). Deshalb fände ich es super, wenn der ein oder andere mal seinen Egoismus ein bisschen zurückschrauben und auch an Menschen in seiner Umgebung denken könnte. Gut, ich gebe zu: 3,18 Millionen Infizierte insgesamt, mit ca. 2,8 Mill Genesenen (Stand April 22) seit dem Ausbruch der Pandemie im Verhältnis zur derzeitigen Einwohnerzahl von ca. 83 Millionen gesehen, lässt die Lage nicht ganz so schwarz erscheinen. Ich möchte hiermit allerdings noch einmal mit Nachdruck auf mein persönliches Glück verweisen: Mein Kind war eins auf 77.000 Geburten, das es traf… Man sollte sich bei Corona also genau überlegen, zu welcher Art Glücksspieler man gehört…

Abschließend möchte ich zusammenfassen, dass Europa sicherlich schon viel schlimmere Dinge überwunden hat, ich verweise nur kurz auf Wirtschaftskrisen und Hungersnöte, Weltkriege, den Holocaust sowie Diktaturen (zu Letztgenanntem möchte ich nur anfügen, dass wir uns keineswegs in einer solchen befinden, denn sonst wären mehrere tausend Menschen wohl bereits auf mysteriöse Weise verschwunden). Wer kurz inne hält und intensiv darüber nachdenkt, wird feststellen, dass wir alle nach wie vor in einer absoluten Luxusgesellschaft leben, in der leider ein Jeder, sei er/sie/es mit Intelligenz gesegnet oder eben auch nicht, seine Meinung zu allem und jedem äußern darf. Dennoch vereint uns am Ende des Tages wahrscheinlich eins: CORONA SUCKS!!!

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