Eine Schwester des Ostens oder auch Samus Physiothapetie

Wie bereits erwähnt, konnte ich mich noch nicht richtig mit der Entscheidung anfreunden, Samu mit seinen gerade einmal acht Wochen zu einer Physiomaus zu schleifen, aber irgendwie sagte mein Inneres wieder, dass es auch nicht schaden könne. Also rief ich in einer Praxis an, die mir von einer Nachbarin ans Herz gelegt wurde. „Wir haben leider erst im Juni wieder etwas frei“, tönte eine ältere Dame ins Telefon. „Also gut, dann tragen Sie uns da bitte ein“, entgegnete ich.

Da es aber nicht zu meinen charakterlichen Stärken gehört zu warten, versuchte ich es über unsere Klinik, schließlich waren wir da auch im SPZ. Wieder hatte ich eine sehr liebe Person am Telefon. „Ob das wohl zum Berufsbild gehört?“, dachte ich. Ich fühlte mich auf jeden Fall auch hier gut aufgehoben und bekam einen Termin für die kommende Woche, allerdings bei einer Frau F, die sich noch bei mir melden würde bezüglich eines Tages und der Uhrzeit.

Frau F meldete sich auch zeitnah bei mir und war mir von Anfang an sehr sympathisch, denn sofort war auch durch den Dialekt klar, dass es sich bei ihr um eine Schwester des Ostens handelte. Ich weiß nicht warum, aber es sorgt bei mir immer gleich für Wohlfühlatmosphäre, Vertrauen und Heimatgefühl. So schnackten wir bestimmt auch schon beim ersten Telefonat 15min, um einen simplen Termin zu vereinbaren. Kamen irgendwie vom Hundertsten ins Tausendste – passiert oft bei Menschen aus dem Ostblock (inkl. alle Staaten östlich der ehemaligen DDR); viele Menschen sind da weniger verstockt, habe ich den Eindruck.

Beim ersten Termin, der natürlich pünktlich eingehalten werden konnte, da er nicht mit Frau B vom SPZ vereinbart wurde (habe die blöde Trulla nicht vergessen und wurde jeden Dienstag auch brav beim Vorbeischlappen an sie erinnert), war ich schon ziemlich aufgeregt. Wieder eine neuen Person die Geschichte rund um Samu erzählen, vielleicht wieder schwer Verdauliches in diesem Zusammenhang ertragen, wieder jede Woche mit meinem Mausbär durch Klinikhallen schlappen und dabei überlegen, ob ich selbstbewusst das Ärmchen frei lasse oder den Pulli drüber streife. Ich glaube ich habe Letzteres bis ganz zum Schluss getan, weil ich immer noch nicht mit der Situation umgehen konnte.

„Hey, ich bin MF. Ihr wollt sicher zu mir und du bist der kleine Samu. Wartet noch kurz, ich bin gleich für euch da“, überrollte uns Samus selbstbewusste, dynamische Physiotherapeuten in einem mir sehr bekannten und beliebten Dialekt (und da sch… ich drauf, was der Rest der Nation von uns hält!). „Jawohl geht klar“, antworte ich, wusste aber gar nicht, ob sie es noch gehört hatte. So schnell, wie Frau F verschwunden war, sauste sie wieder mit Handtüchern an uns vorbei, hielt uns die Tür auf und sagte: „So hereinspaziert, kann losgehen“.

Ich glaube, wenn Menschen dabei gewesen wären, die mich gut kennen, hätten diese sofort erkannt, dass ich mich ganz unsicher verhielt. Gar nicht suelike: crash boom bang. Ganz vorsichtig packte ich Samu aus seinen Winterklamotten und versuchte zeitgleich an bisschen zu berichten, wer wir waren. Dabei wurde ich ziemlich schnell unterbrochen mit dem Satz: „Ihr seid aber nicht nur da wegen der Hand?“. „Ähm doch. Betroffene Eltern haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht“, stotterte ich verunsichert. „Na dann schauen wir mal… Na du kleiner Mann. Schon wieder ein neues Gesicht und dann auch noch mit blöder Maske“. Dass die Physiomaus plötzlich völlig in der Kommunikation mit meinem Kind vertieft war, lenkte mich unglaublich ab, auch von meinen aufsteigenden Tränen. Ich weiß nicht genau, was an ihr das Gefühl bewirkte, aber ich empfand mein Kind schon nach wenigen Minuten als keines mehr, was anders war oder als therapiebedürftig eingestuft wurde.

Nachdem wir die ganzen Parameter zu Samus Geschichte abgehakt hatten, begann die Turnstunde, die Samu zumindest beim ersten Mal noch äußerst interessant fand und mich nicht blamierte. So war es Thema, dass Rotationen wichtig sein, aber man ihn auch dringend über seine rechte Seite animieren müsste nach Dingen zu greifen oder diese zu schlagen, je nachdem auf welchem Entwicklungsstand der Säugling aktuell sei. Natürlich wäre ich nicht da gewesen, wenn meinem Kind nicht die Hand fehlen würde, dennoch hatte die Therapiestunde etwas von einer Krabbelgruppenstunde nur ohne andere Babys, denn netten Smalltalk hatte ich alle mal. So erhielt ich am Ende sogar noch den äußerst wichtigen Tipp, dass unser Schnuller viiiieeeel zu groß sei für dieses kleine Mäuschen. Besser hätte es auch die Stillmafia nicht beobachten können, denn dass die Dinger durchs Abkochen und Desinfizieren aufquellen, war mir beim täglichen Gebrauch natürlich nicht aufgefallen. Allein dafür hatte sich die Sitzung bei der Physiothapetie, wie mein 2,5-Jähriger damals immer sagte, gelohnt.

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