Das Schreiben als Therapie

Ja, ich gebe es zu! Ich bin nicht die Person, die vor anderen nah am Wasser gebaut ist. Ebenso wenig bin ich jemand, der sein Herz bei Seelenklempnern ausschütten kann. Durch einen psychologischen Anteil im Studium weiß ich natürlich, dass zur Behebung der eigenen Blockaden, Ängsten und Traumata immer externe Personen von Nöten sind… Aber was soll ich sagen? Ich fasse sehr schwer Vertrauen zu Menschen. Das mag vielleicht für einige Freunde, Bekannte oder auch Leute, die mich kennen, suspekt klingen, bin ich doch laut, direkt und erzähle gern und viel. Nur in meine Seele schauen, das können die wenigsten.

Am liebsten habe ich in der Vergangenheit meine eigenen Sorgen und Probleme verdrängt, indem ich anderen mit ihren Schwierigkeiten geholfen habe. Auch war es ein sehr ausgeprägtes Hobby von mir, mich für die Gerechtigkeit im Allgemeinen einzusetzen. Dass sich dabei viele freuten, weil der Pitbull das Maul aufriss, sie davon profitierten, ich mir dadurch aber selbst immer wieder gern Steine in den Weg legte, lasse ich mal dahingestellt.

Obwohl ich dieses Verhalten in den letzten Jahren schon extrem minimiert habe, kann ich es bis heute nicht ganz lassen. In der Regel wird mir aber immer wieder aufgezeigt, wie Menschen in einer Gesellschaft funktionieren: Geht es um ihren eigenen Arsch oder um die Bedürfnisse ihrer Familie, so wird die Person, die sie vertritt, natürlich supportet. Erhofft man sich irgendwann einmal eine selbstlose Gegenleistung, wird man dabei außerhalb des Freundeskreises oft enttäuscht. Ja, ich habe meinen Glauben an das Gute in JEDEN Menschen irgendwie verloren. Viele sind absolut nicht vertrauenswürdig oder loyal. Die meisten sind sich leider selbst die Nächsten, narzisstisch und arrogant, drehen sich wie eine Fahne im Wind, lästern gern über andere, sind profitgeil, geiern nach Anerkennung durch ihre Vorgesetzten oder haben anderweitig einen an der Waffel.

Und unter diesen ganzen Aasgeiern soll ich dann einen mir völlig wildfremdem Menschen, einem Phönix quasi, finden, der mir auf Anhieb sympathisch erscheint und dem ich meine Probleme anvertrauen will? Ich würde mir zwar eine relativ gute Menschenkenntnis bescheinigen, aber sind wir doch mal ehrlich: 1.Einen Termin heutzutage bei einem Psychologen zu ergattern, wäre ja bereits wie ein Sechser im Lotto und 2. Dann noch einen finden, der mir taugt? – ein wenig schwierig bei dem bereits angesprochenen Glücksspielerfolg…

Ich kenne im übrigen sowohl Patienten als auch Psychologen. Erst Genannte haben oft kein wirkliches Vertrauensverhältnis zu ihrem Gegenüber, aber trauen sich nicht zu wechseln oder gar die Therapie zu beenden. Die Letztgenannten in meinem näheren Umfeld wollen durch ihren Job meiner Meinung nach eher ihr eigenes Seelenheil herbeibeschwören. Dass dies nicht funktioniert, weiß eigentlich jeder nach dem ersten Semester Psychologie – die meisten probieren es scheinbar dennoch. Gut, sicherlich gibt es einige ganz wunderbare Therapeuten da draußen, aber da sucht man vermeintlich die Nadel im Heuhaufen oder auch den Heiligen Gral wie bereits bei den Hebammen. Nur gibt es hierbei einen entscheidenden Unterschied: Fragt man nach einer Geburtshelferin wird man in der Regel nicht schräg angeschaut.

Aufgrund der genannten Gründe habe ich für mein Leben beschlossen, viele Dinge mit mir selbst auszumachen. Freunde will ich immer ungern noch mit meinem Müll vollladen, denn jeder hat heute sein Päckchen zu tragen. Auch mit meiner Familie ist das so eine Sache. Und mein Mann und ich haben im Moment wenig Zeit überhaupt Zweisamkeit zu verbringen. Diese will ich am allerwenigsten mit dunklen Gedanken überschatten. So kam ich zum Schreiben und verarbeite somit quasi meine Gedanken und Gefühle am Schreibtisch mit meinem Laptop.

Falls jetzt jemand denkt: „Oje, die Arme, das klingt aber traurig“, dem möchte ich versichern, dass dies ein guter Weg für mich ist. Ich verteile somit alles sinnbildlich gesprochen auf sehr viele Menschen, nämlich meine Leser, auf dich, der diesen Beitrag gerade liest. Und das positive Feedback von ganz vielen Personen zeigt mir, dass mein gewählter Weg aktuell der richtige für mich ist. Mag ja sein, dass dies irgendwann anders ist.

Im Moment finde ich es ok, wenn Fremde über mich sagen: „Sue ist höflich, aber distanziert.“ (Zitat eines Theaterkursteilnehmers). Ich bin damit nicht allein, wie ich neulich in meinem Gewerkschaftsblättle las. Darin wurde Caro Blofeld vorgestellt, eine Berufsschullehrerin aus Ost-Württemberg, die wohl ein humoristisches Tagebuch veröffentlicht hat. Als ich das Interview mit ihr überflog, musste ich schmunzeln, denn diese mir völlig unbekannte Frau erinnerte mich an mich selbst. Ich möchte kurz die ersten Zeilen zitieren (und dabei ist die Überschrift ja schon geil): „Goethe würde Metal hören“

(Quelle: https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/goethe-wuerde-metal-hoeren/, Zugriff am 20.05.21)

11.05.2021 – Interview: Christoph Ruf, freier Journalist

  • E&W: Frau Blofeld, wenn Lehrerinnen oder Lehrer Bücher schreiben, geht es oft um Eltern, Kolleginnen und Kollegen oder Schülerinnen und Schüler. Was hat Sie bewogen, eines zu schreiben, das Sie selbst als „humoristisches Tagebuch“ einer Lehrerin mit Metal-Leidenschaft bezeichnen?

Caro Blofeld: Ich mochte Bücher noch nie, in denen es darum geht, wie dumm und nervig doch angeblich die Schülerinnen und Schüler oder die Helikopter-Eltern seien. Zumal die oft sehr pauschal sind. Ich habe vor ein paar Jahren angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben, habe dann aber schnell gemerkt: Das bin ich nicht. Das ist bei „Teach ’em all“ anders. Wer das Buch liest, kennt mich danach besser als meine Mutter. Wobei das auch nicht so schwierig ist.

  • E&W: Das Buch wimmelt von lustigen Anekdoten aus dem Schulalltag, aber eben auch aus Ihrem Privatleben, in dem Clubbesuche oder Festivals eine gewisse Rolle spielen. Hatten Sie keine Angst, zu viel von sich preiszugeben?

Blofeld: Nein, wobei mich das selbst gewundert hat. Ich bin offenbar ein Mensch, der kein Problem damit hat, wildfremden Menschen gegenüber am Büchertisch sein Leben auszubreiten, der im direkten Gespräch aber länger braucht, sich zu öffnen.

Besonders die letzten Zeilen zeigten mir: Ich bin nicht allein!

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