Die Facebook-Diskussionsgruppe ahoi e.V.

Bereits in der Schwangerschaft erfuhr ich von einem befreundeten Pärchen, die selbst betroffenen sind, von der ahoi-Facebookgruppe. Da man dort nur aufgenommen wird, wenn man in irgendeiner Form mit dem Thema Dysmelie zu tun hat, bedeutete dies erstmal eine Anfrage zu stellen und kurz zu erklären, weshalb ich aufgenommen werden wollte. Dies war aber in der Tat sehr unkompliziert und es dauerte nicht lang, bis meine Anfrage bearbeitet wurde.

Ich muss gestehen, dass ich damals natürlich wie ein Schwamm war. Ich saugte in meiner Schwangerschaft sämtliche Beiträge der letzten Monate auf, wenn nicht gar Jahre. Selbstverständlich half es mir auch zu erfahren, welche unterschiedlichen Formen von Handfehlbildungen es gibt. Somit konnte ich mich mental auf die mir bevorstehende Situation ein wenig besser einstellen. Auch der Blog von Julia (https://zehnfingersinddreizuviel.com/), ich berichtete bereits davon, war unglaublich wertvoll für mich, denn ich hatte plötzlich das Gefühl, nicht allein auf diesem gottverdammten, ungerechten Sch…planeten zu sein. Natürlich taten mir ihre Beiträge in der Seele weh, natürlich heulte ich Rotz und Wasser und natürlich wusste ich, dass mir diese ganzen schmerzvollen Erfahrungen mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso bevorstehen werden, aber es schuf auch so ein unsichtbares Band der Verbundenheit zwischen zwei Müttern, die sich noch nicht einmal kannten.

Ebenso finde ich es nach wie vor unglaublich toll, dass dort alle Eltern mit ihren Sorgen und Ängsten rund um ihre Kinder zu Wort kommen können, ohne in irgendeiner Form diskriminiert oder belächelt zu werden und durch die Community Hilfe finden. Dabei geht es um ganz unterschiedliche Themen.

Im Hinblick auf die medizinischen Belange wird beispielsweise Folgendes diskutiert: In welcher Klinik/bei welchen Ärzten finde ich die beste Hilfe für unsere Situation? Welche Hilfsmittel gibt es und ab welchem Alter sind diese geeignet? Gibt es Erfahrungen mit Zehentransplantationen?

Auf der anderen Seite gibt es aber auch unglaubliche Tipps und Tricks rund um die Bewältigung des Alltags mit unseren Mäusen. So wurden mir sehr viele Ängste genommen, weil ich plötzlich durch Bilder oder Videos miterlebte, dass es überhaupt kein Problem für Kinder darstellt, mit einer Hand zu essen, mit einer Hand zu schneiden, oder auch sich mit einer Hand an und aus zu ziehen. Es geht alles, es geht halt nur ein bisschen anders.

Auch erlebt man unglaublich viele Kinder und Jugendliche, die sich von nichts abbringen und einschüchtern lassen, so nach dem Motto: Du schaffst das nicht, gibt es nicht! Nein, sie sind wahrscheinlich oft viel stärker als andere Kinder und erbringen in unterschiedlichen sportlichen Bereichen Höchstleistungen.

Es ist ganz wunderbar, daran teilhaben zu können, denn es verleiht mir mit meinem Baby Mut, dass auch Samu alles können wird. Obwohl mir das intuitiv schon irgendwie auch klar ist. Die größte Sorge mache ich mir ja nach wie vor um unsere Gesellschaft. Als Mutter von einem älteren Kind sowie als Lehrerin weiß ich, wie gemein, diskriminierend, ausgrenzend und einfach unglaublich hässlich Kinder sein können.

Auch in diesem Zusammenhang helfen mir Beiträge der Gruppe oft, mich mal runterzufahren und mich zu beruhigen. So sehe ich Menschen, die ihre wunderbaren, glücklichen Familien posten; Menschen, die Instrumente spielen, die man nicht für möglich hält; Menschen, die Berufe ergreifen, die einem als Nichtbetroffener nicht machbar erscheinen. Ich erhalte Einblicke in mir völlig fremde Familien, die mich aber eins lehren, nämlich dass nichts unmöglich ist. Denn niemandem bleibt etwas verwehrt, nur weil ein Körperteil fehlt. Beruflicher Erfolg ist völlig normal, gesellschaftliche Integration ebenso und erst recht, und das ist für mich das Wichtigste, dass man in Partnerschaften oder durch gute Freunde erfährt, dass man geliebt wird, für das, was man ist: ein Mensch.

An dieser Stelle möchte ich mich deshalb ganz herzlich bei all den Gruppenmitgliedern für eure wertvollen Beiträge und euren Einblick in eure Privatleben bedanken. Ihr habt mir in vielen schweren Stunden geholfen und tut es noch.

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