Die Begrifflichkeit „Behinderung“

Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr mir die Begrifflichkeiten rund um das Thema „Behinderungen“ in den letzten Jahren bereits zuwider geworden sind und mir tierisch auf den Sack gehen; und zwar lange vor Samu.

Bereits im Jahr 2006 (ich machte zu dieser Zeit mein Abi nach) lernte ich durch ein Schulprojekt, das den Titel „Menschen mit Behinderung“ trug, dass die unterschiedlichsten, bösartigen Bezeichnungen für Menschen mit Handicap oder für deren Eltern unglaublich verletzend sein können. Obwohl ich zunächst (ich gestehe dies zu meiner Schande) überhaupt gar keine Böcke auf das Thema hatte, denn es standen nach meiner damaligen Ansicht durchaus attraktivere Projekte zur Auswahl, fuchste ich mich schnell rein und entwickelte mit meiner Klassenkameradin Madeleine ziemlichen Eifer bei der Erarbeitung.

Im Rahmen dieser gemeinschaftlichen Hausarbeit, die es immerhin auf 383 Seiten brachte, fiel mir und der Mitschülerin das Thema „Schulen für Menschen mit Behinderungen“ in Baden-Württemberg zu.

Ich denke, dass ich durchaus von WIR sprechen kann, wenn ich sage, dass die Erfahrungen in den unterschiedlichsten Bildungseinrichtungen sehr prägend und bewusstseinserweiternd waren. Für mich war danach nämlich beispielsweise klar, dass ich die Berufung „Sonderschulpädagogin“ nicht in die Wiege gelegt bekommen habe. Und das nicht, weil ich es ätzend fand mit Kindern zu arbeiten, die in vielerlei Hinsicht von Einschränkungen betroffen waren, sondern eher deshalb, weil ich jeden Nachmittag heulend nach Hause fuhr. Es war für mich emotional einfach zu viel. Ich spürte die Wärme, diese Lebensfreude und sah die neugierigen, funkelnden Augen dieser kleinen Knöpfe und wusste, dass sich es zum einen echt schwer haben in unserer abgefuckten Gesellschaft (entschuldigt bitte den Ausdruck an dieser Stelle, aber die Wahrheit muss man sagen dürfen) und zum anderen die Lebenserwartungen, gerade bei Kindern mit schweren geistigen Behinderungen, oft nicht allzu hoch waren. Ich fühlte mich rein in die Familien und empfand unglaubliches Mitleid und unerträglichen Schmerz. Heute habe ich auch einen kleinen Wurm, der mit einer Einschränkung leben muss…

Wie ihr vielleicht schon gemerkt habe, verwende ich ungern den Begriff „Behinderung“. Man kann mir sagen, was man will, aber für mich ist dieses Wort schon so unfassbar negativ konnotiert, dass ich schon brechen könnte, wenn ich es irgendwo lese oder es jemand ausspricht.

Natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass es nun einmal zum offiziellen Sprachgebrauch gehört und ich eben den „Behindertenausweis“ (was mir im Übrigen schon aufgrund der Wortwahl unglaublich schwer fiel) beantragen musste und nicht den Ausweis für Menschen mit Einschränkung. Auch ist mir klar, dass sowohl das eine als auch das andere exakt das Gleiche meint, dennoch hasse ich das Wort „Behinderung“ – und dies tue ich auch schon immer.

Für mich grenzt die Wortwahl eben oft schon aus oder stigmatisiert. So möchte der farbige Mensch heutzutage beispielsweise auch nicht mehr als „Neger“ oder „Mulatte“ bezeichnet werden – zurecht, denn die Begriffe sind z.B. durch die Kolonialgeschichte negativ belastet. Und auch Witze in diesem Zusammenhang über Menschen sind einfach Gott verdammt noch mal nicht zum lachen – weder über Menschen mit Einschränkungen/ Handicap etc., noch über Menschen mit anderen Hautfarben oder Homosexuelle.

Im Übrigen möchte ich mich kurz persönlich an einen alten „Freund“ wenden, da es gerade so schön in das heutige Thema passt. Lass dir bitte eins gesagt sein: Du bist eben nicht mein ältester Freund, wenn du im Status ein ziemlich dämliches GIF postest, dass einen Menschen mit fehlenden Armen darstellt, dem man gerade die Hand schütteln will, obwohl dies ja offensichtlich nicht möglich zu sein scheint. Der behämmerte Kommentar drunter tat dabei sein Übriges… Mit ein bisschen Feingefühl und als mein angeblich ältester „Freund“ wäre dir dieser Scheiß eigentlich in der Tastatur steckengeblieben, wenn man eben weiß, dass jemand im engsten Umfeld betroffen ist, aber sei es drum…

Kann sein, dass ich natürlich diesbezüglich mittlerweile auch sehr empfindlich reagiere, wie ein weiterer Eintrag in ein bis zwei Wochen zeigen wird, aber es kotzt mich einfach an, dass die meisten Menschen auf dieser Welt so fucking unsensibel auf der Welt herumgeistern. Ich möchte an dieser Stelle mit dem Zitat eines ehemaligen Bundespräsidenten enden und an dieser Stelle sei auch ausnahmsweise die Wortwahl vergeben:

„Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.“ (Richard von Weizsäcker)

Bildquelle: https://www.pexels.com/de-de/foto/diverse-aufmerksame-manner-vor-grauem-hintergrund-5303804/

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Sabine

Ich lese eure Story mit, von Anfang an. Mal mit mehr mal mit weniger Zustimmung. Aber heute hast du das Thema „Behinderung in der Gesellschaft“ oder ohne das „in“?
Du hast mir aus dem Herzen gesprochen und sowas von Recht!!!
Ich hoffe wir sehen uns auf dem Bundestreffen von Ahoi mit unseren Kids. Alles Gute.

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