Flashback – Tag im Mai 21

Kennt ihr das: Ihr steht auf, die Sonne lacht, alles beginnt wie bei „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und ihr habt keine Ahnung, dass dieser Tag noch völlig scheiße werden wird?

Es war ein Samstag im Mai 21. Nachdem man diesen Monat total vergessen konnte, erbarmte die liebe Sonne sich nun doch einmal ihre Kraft zu entfalten. Schon der Morgen begann verheißungsvoll. Ich ließ meine Kinder bei Oma und Opa und konnte seit Wochen endlich wieder die Hundewellnessrunde ohne dicke Jacke, Schal, wolligen Socken und frostigen Temperaturen begehen. Das Jahr war im Hinblick auf den Wärmegrad eine Katastrophe. Bis auf einige wenige Tage fühlte ich mich, als hätte es mich nach Sibirien verschlagen. Umso schöner ist es dann natürlich, wenn man den großen Zeh an die frische Luft hält und feststellt, dass eine dünne Jacke genügen sollte.

Ich genoss also den Sonnenschein draußen mit meinem Jüngsten und trank auf der Terrasse einen Kaffee, während mein Ganove No 1 derweil mit seinen Großeltern das Gartencenter unsicher machte. Plötzlich standen meine Nachbarjungs am Zaun. Ich plaudere gern mit ihnen und ich mag sie total, denn sie sind voll lustig, goldig und einfach knuffig. Der Jüngere ist ein kleiner Kamikaze wie mein Großer. Der Ältere hingegen ist ein eher sensibles Kind, voll lieb und sehr bedacht (seine Mutter würde dies aktuell wahrscheinlich nicht unterschreiben, aber ich nehme ihn stets so wahr).

Nun sah er Samu, musterte ihn sehr lange und frug mich schließlich, ob seine Hand noch wachse. Ich erklärte ihm, dass dies nicht so ist und dass der kleine Kerl so geboren wurde. Er müsse halt später so eine Hand bekommen wie einer dieser Superhelden. Der Name einer dieser Figuren fiel mir natürlich in diesem Moment nicht ein. Ich musste diesen später erst durch meine Marvelsuperheldenfanfreunde in Erfahrung bringen. Ganz aufmerksam hörte das Kind mir zu. Nach einer Weile des Nachdenkens (es verging bestimmt eine Viertelstunde) sprach mich der Nachbarjunge erneut an und schaute dabei auf seine Hände: „Du Sue, ich glaube ich bin total froh, dass ich diese zwei Hände habe. Ich habe lieber die als eine Superhand“.

Ich war Gott froh, dass meine Nachbarin in diesem Moment die Nudeln kredenzte, denn so verschwand er, bevor er meine Reaktion sah, ins Haus. Das Mäusle hatte überhaupt nichts Falsches gesagt, aber diese Bewertung flashte mich total. Natürlich wünschte ich mir für Samu auch nichts sehnlicher als eine zweite normale Hand, aber ich hatte mir erhofft, dass mein kleiner Junge mit der Superheldengeschichte bei den Nachbarkids nicht als das „behinderte Kind von nebenan“ abgestempelt wurde. Ich hatte diesen Tipp im Umgang mit anderen Kindern bei der Ahoi Gruppe gelesen. Hatte wohl beim ein oder anderen super funktioniert – bei mir ging der Schuss absolut nach hinten los. Die Aufklärung, dass Samu so geboren wurde und fertig, hätte sicherlich vollkommen genügt.

Ich schnappte nach Luft, aber die aufsteigenden Tränen ließen sich schwer zurückhalten. Nun stand ich da wie angewurzelt, meinen Säugling im Arm. Nach gefühlten endlosen Sekunden konnte ich mich bewegen und flüchtete ins Haus. Meinen Samu wieder verstecken. Oder mich? Ich wusste es in diesem Moment ehrlich gesagt nicht. Alles holte mich plötzlich wieder ein, aufgrund der profanen und total wertfreien Feststellung eines Fünfjährigen. Mir liefen minutenlang einfach nur die Tränen, während mein kleiner Krieger mich auf dem Bett einfach nur angrinste. Keiner war da, außer Samu ich und meine unfassbar negative Gedankenwelt.

Ich schrieb mit zwei guten Freundinnen, die mich versuchten aufzubauen, aber so richtig gelang es nicht. Als mein Mann mich informierte, dass er früher käme, begrüßte ich dies total und flüchtete mich erst einmal ins Getümmel des Supermarktes. Wieder Zuhause angekommen, war es Zeit für die nächste Hunderunde und mein Gatte verabschiedete sich mit Samu in den Wald.

Meine Gelegenheit die Krise zu bewältigen. Also schüttete ich mir mal flux ein Glas Wein hinter die Binde und schrie Alexa an, sie möge bitte sofort und in voller Lautstärke die Böhsen Onkelz spielen. Danach ging es besser, bis jetzt, wenn ich diese Zeilen tippe. Ich stelle mir erneut die Fragen, die bereits in der Schwangerschaft tagtäglich um mich kreisten: Wie kann ich das schaffen? Wie forme ich meinen Jungen zu einem selbstbewussten Kind? Werde ich daran zerbrechen? Drehe ich irgendwann durch? Kann ich das alles allein bewältigen? Ehrlich gesagt, weiß ich es nach so Tagen wie heute nicht. Natürlich bin ich in der Lage meine Krone zu richten, sobald Mann und die Kinder das Haus betreten, aber ist meine Seele in der Lage das alles zu verkraften?

Eine nette Mama, die ich durch Instagram kennenlernte, versicherte mir heute, dass alles besser werde und man mit der Zeit damit umzugehen lerne. Ich hoffe es, denn sonst muss ein ganzes Weinanbaugebiet nur für mich herhalten…

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