Wunsch auf Mord im Affekt

Kennt jemand da draußen das auch, natürlich außer mir: Es steht ein wichtiger Besuch oder Termin n und der Tag beginnt schon kacke??? Nun hatte ich bereits am Vortag mit meinem Ehemännchen einen nicht gerade kleinen Disput, da er anstatt sich auf DR!!! W vorzubereiten, lieber überlegte, wie er seinen Fitnessstudiovertrag so umstellte, dass wir ein paar Kröten sparen können. WIR ist in diesem Zusammenhang im Übrigen das falsche Pronomen, erklärte ich ihm.

Wie ich nun mal als typische Wasserfrau so bin, habe ich mich bereits am Vorabend schon mächtig reingesteigert, kam vom Hundertsten ins Tausendste und war noch mega stinkig, als ich am nächsten Tag meine zarten Füßchen aus dem Bett schwang. „Wie immer. Alles managed Muttern hier!“, dachte ich noch und beauftragte meinen Fitnessstudiokönig wenigstens die U-Untersuchung mit Samu zu erledigen, damit ich mich feinsäuberlich auf unseren hohen Besuch vorbereiten konnte.

Mein Mann nahm mir also wenigstens den Gang zum Kinderarzt ab, während ich krampfhaft überlegte, was ich der guten Frau nun mitteilte, weshalb eine Pflegestufe für mein Kind sinnvoll ist. Zum einen trabe ich natürlich jede Woche brav zur Physio. Allein die Vorbereitung, die Anfahrt, die Therapie und die wöchentliche Bürokratie in der Klinik verschlingen schon jede Menge Zeit (auch wenn ich Manja, Samus Therapeutin, sehr liebgewonnen habe). Dazu kommen Übungen zur Stabilisation, die ich versuche, tagtäglich mit Samu umzusetzen.

Natürlich habe ich ansonsten den ganz normalen Wahnsinn, wie jede andere Mama eines Säuglings auch (außer die Stillerei; diesen Programmpunkt haben wir ja Gott sei Dank gestrichen), allerdings ist der kleine Knopf auch erst 5 Monate alt. Entscheidend finde ich, dass mein Kind auf Hilfsmittel und Therapien in seinem Leben angewiesen sein wird (zumindest hin und wieder mal), um die gesunde Entwicklung des Körpers im Auge zu behalten oder auch den reibungslosen Eintritt ins Schulleben später einmal sicherzustellen.

Aus diesem Grund bin ich mir noch nicht darüber im Klaren, wann ein normaler und vor allem voller Berufseinstieg wieder möglich sein wird. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mit einem gesunden Kind spätestens in 1,5 Jahren wieder 100% arbeiten würde. Jetzt traue ich mich das vorerst nicht. Allein die Tatsache, dass ich durch die anstehenden Maßnahmen, Therapien, Fahrten zu Ärzten etc. kein volles Deputat angeben kann, rechtfertigt in meinen Augen schon einen Pflegegrad. Und man kann mir glauben, dass ich diesen ganzen Scheiß natürlich liebend gern lassen würde, da ich ein vollständig gesundes Kind habe – dem ist aber nun einmal leider nicht so, auch wenn NUR die Hand fehlt, wie so viele immer sagen.

Mein Mann kam schließlich mit Samu nach Hause. Auch der Kinderarzt hat wieder einmal bestätigt, dass unserem kleinen Kanarienvogel (er trällert in letzter Zeit so) sonst nichts fehlt – Gott sei Dank. „Ja und, wie groß und schwer ist er aktuell?“, frug ich nach. „Ähm, keine Ahnung. Schau doch im Heft nach!“, entgegnete mir mein Gatte. „Also gut, Ruhe bewahren und nicht gleich wieder eskalieren“, dachte ich mir, denn eigentlich hat man diese Daten sofort abgespeichert. Vielleicht können dies aber in der Tat nur wir Mütter. „Wo ist das Heft?“, wollte ich wissen. Denn im Wickelrucksack, wo es angeblich zu finden sein sollte, war es nicht. Ich solle mal die Augen aufmachen, natürlich sei es da, bla bla… Meine Eskalationsstufe erlangte schon langsam wieder die Farbe DUNKELROT. Als er schließlich selbst nachsah, musste er feststellen, dass Muttersilla noch keine Brille benötigt.

Auf einmal sah ich Panik in seinem Gesicht. Nicht leichte Panik, sondern Panik, Panik. Dies verriet mir, dass sich das Heftchen zum einen nicht im Haus befinden konnte und es zum anderen vermutlich auch nicht nur beim Kinderarzt vergessen wurde. Ich sah ihn an und war fassungslos, denn immerhin brauchten wir genau dieses Büchlein für Mrs. Oberkorrekt am Abend. „Wo zur Hölle ist dieses fucking Buch?“, schnauzte ich meinen Gemahl an. „Glaub‘ ich muss nochmal los. Ist das sicher nicht hier?“. „Nein, ist es nicht. Und wie du musst noch mal los?“. „Ich habe es vorhin aufs Autodach gelegt.“.

Ich hoffe, DIE ein oder andere hegt hin und wieder auch ab und zu diese Gefühle gegenüber dem Angetrauten, aber ich hätte in diesem Moment töten können, im Affekt versteht sich. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wann ich das letzte Mal so wütend auf meinen Mann war, aber ich hatte wirklich tiefgründige Mordgelüste. Ausgerechnet Samus U-Heft. Ausgerechnet das Buch in dem so viele wichtige Dinge stehen und ausgerechnet das Exemplar, welches wir am Abend benötigten, am Freitagabend wohlgemerkt und es war bereits 12 Uhr. Die Idee es SOFORT neu vom Arzt ausstellen zu lassen, damit ich vor Scham nicht im Grund und Boden versinken muss, konnte ich damit gleich wieder vergessen. Es nützte nix, er fuhr los und ich konnte nur hoffen, dass er Samus Büchle am Stück und vollständig finden würde.

Was soll ich sagen… Es war mir natürlich nicht vergönnt, wie ihr auf dem Blogbeitragsbild sehen könnt. Das U-Heft meines Sohnes kam zwar vollständig zurück, aber es sah aus, als wäre Cola und Kaffee drüber geleert worden. Auch mein meditativer Satz: „Ich resch mich net uff, ich resch mich net uff!“, half hier nichts mehr. Ich musste ganz schnell weg, denn sonst hätte ich für nix garantieren können, immerhin habe ich alle Staffeln Dexter gesehen.

Es fühlte sich so an, als hätte mein Mann Samu auf ganzer Linie verraten, ja fast, als hätte er ihn körperlich angegriffen. Erst war der Fitnessstudiovertrag wichtiger und jetzt das. Dass meine Gefühle natürlich jenseits von jeglichem rationalen Denken entfernt waren, weiß ich natürlich mit einem gewissen Abstand selbst, aber dennoch wusste ich mir in dieser Situation nicht anders zu helfen, als zu gehen, bevor die Situation vollkommen eskalieren würde. „Ich bin jetzt zwei Stunden einfach weg, vielleicht auch drei, vielleicht auch solange ich will“, giftete ich ihn an. „Pass gefälligst auf Samu auf, ich hole den Großen vom Kindi ab.“

Gesagt getan. Kind 1 wurde durch seinen Lieblings-Spielfreund bespaßt. Dieser hat Gott sei Dank sein Zimmer im Dachgeschoss. Also konnten die Kids Mozilla weder sehen noch hören.

An dieser Stelle möchte ich meiner Freundin Caro für den Schnaps danken und Meli für die Notfallkippen! Ihr habt meinem Mann einiges erspart (lach). Und mittlerweile ist der Vulkan auch wieder etwas abgekühlt. Macht euch also keine Sorgen da draußen, das Ehemännchen atmet noch.

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