Mrs. Spaßbefreit reist an

Am Freitagabend 17:30 Uhr hatte sich nun Madame Doktor! W. angekündigt. Hierbei muss NOCH EINMAL kurz los werden, dass ich das schon ziemlich frech finde, so spät bei einer Familie mit Säugling und Kleinkind aufzuschlagen, denn ab dieser Uhrzeit richten wir für gewöhnlich das Abendessen und bereiten dann die Kinder fürs Schlafengehen vor. Aber gut, was will man machen? Zu sagen, dass dies ne Unverschämtheit ist, bringt einem sicher nicht den gewünschten Erfolg…

Miss Peggy Bundy (sie sah wirklich fast so aus) traf natürlich pünktlichst hier ein. Ich hatte von Frau Oberkorrekt auch nix anderes erwartet. Zunächst musste ich erst einmal n bissi schmunzeln, als sie wie wild an unserem Gartentor rüttelte und es einfach nicht auf bekam. „Typisch für diese Berufsgruppe“, dachte ich mir, schluckte aber nen blöden Kommentar, den ich ohne Zweifel bei guten Freunden gebracht hätte, runter.

Sie betrat also unser trautes Heim, ohne ihre Schuhe ausziehen. Nächster Fauxpas auf meiner Liste, denn ich finde, dass man zumindest den Anstand besitzt und nachfragt, ob man diese ausziehen soll, wenn man ein fremdes Haus betritt. Aber gut, gibt ja genug Leute, die durch die Kinderstube mit dem D-Zug gefahren sind. Leider auch viele in guten Jobs oder gehobenen Positionen. Würde die am liebsten alle mal zur Nachschulung einbestellen, aber das ist ein anderes Thema.

Ich für meinen Teil war zumindest höflich und bot Wasser und Kaffee an und fragte, wie die Fahrt hierher gewesen sei. Ersteres wurde verneint, Letzteres unter einem Nuscheln beantwortet, wobei ich 0.0 verstand, aber ok, Mrs. Spaßbefreit war ja auch nicht für Smalltalk gekommen.

Wenn ich es allerdings richtig verstanden hatte, war die Anreise doch mit ein paar Hundert Kilometern verbunden. In Zeiten von Corona konnte ich zwar überhaupt nicht nachvollziehen, wieso man diese Fahrtstrecke auf sich nimmt, anstatt das ganze via Teams, Zoom oder Co. abzuwickeln, aber auch das war ja wieder nicht mein Problem.

Frau Dr. W setzte sich also in unsere Küche, um feinsäuberlich den Laptop aufzuklappen und die Tastatur anzuschließen. Und dann begann der endlose Fragenmarathon, der in jeglicher Hinsicht emotionsbefreit war. Unseren Großen hatten wir derweil an Oma und Opa verkauft, sonst hätte der die Dame mit seinen lustigen Kinderfragen sicherlich völlig aus dem Konzept gebracht.

So war das Frage- und Antwortspiel irgendwann beendet und es musste noch mein Kind begutachtet werden. „Könnten Sie ihn bitte irgendwo hinlegen, damit ich mir selbst ein Bild von ihren Schilderungen machen kann?“. „Klar, Madame“, dachte ich mir „das Vorführen meines Sohnes bin ich mittlerweile schon gewohnt.“.

Selbstverständlich bin ich mir bereits im Vorfeld darüber im Klaren darüber gewesen, dass sie Samu sehen und anschauen will, aber warum zur Hölle können diese Leute nicht einmal ein bisschen Mitgefühl für einen aufbringen? Denken die eigentlich, dass es uns als Familie Spaß macht, so einen Antrag zu stellen? Denken die wirklich, dass ich die Pflegekasse ausnehmen will? Herr Gott Sack, meinem Kind fehlt die rechte Hand und ich wünschte auch, dass es anders wäre und ich die ganze Scheiße hier nicht machen müsste.

Auch würde ich sicherlich anders in den Beruf einsteigen, wenn ich könnte. Da ich aber nicht abschätzen kann, wie viel Therapiebedarf Samu die nächsten Monate und Jahre hat, fange ich erst einmal mit weniger Stunden an. Aber gut, war alles kein wirklicher Grund für Frau Doktor mir einen positiven Ausgang meines Antrages in Aussicht zu stellen.

Auch dass wir auf einige Hilfsmittel angewiesen sein werden, spielte für sie erstmal keine Rolle. Das könnten wir ja dann beantragen, wenn es so weit sei. „Ähm kurze Frage… Die nächste Begutachtung findet doch erst wieder mit 18 Monaten statt, oder? Denn falls ja, benötigt mein Kind bis dahin natürlich schon so einiges!“. „Du dumme Pute“, dachte ich mir. Sie bestätigte die Aussage, machte mir dennoch wenig Hoffnung. Ich war so sauer, dass ich mir den Kommentar: „Dann müssen wir wohl in Widerspruch gehen, denn die meisten unserer Kontakte mit betroffenen Kindern haben Pflegestufe 2 im Säuglingsalter erhalten“, nicht verkneifen konnte.

Am Ende mussten noch bauliche Maßnahmen überprüft werden. Was der Wannen- oder Duscheinstieg mit einer fehlenden Hand zu tun haben, fragte ich dieses Mal nicht. „Steht sicherlich auf der Checkliste und muss feinsäuberlich abgearbeitet werden“, dachte ich mir nur so. Dass mein Kind zwei völlig gesunde Füße hat, spielt dabei wohl weniger eine Rolle. Egal, nach einer Dreiviertelstunde war das Schauspiel Gott sei Dank vorbei. Dass mein Zweijähriger ohne Socken, Schuhe und im Schlafi gerade noch von der „Nachbarin“ gebracht wurde, bekam Pegg Bundy Gott sei Dank gar nicht so mit, hätte sicher einen weiteren Minuspunkt gegeben so mit Großeltern als Unterstützung.

Jetzt habe ich mir ja aber in meinem Leben ganz generell vorgenommen, positiver in sämtlichen Lebensbereichen zu denken und erwarte einfach, dass das Universum uns auch das zugesteht, was es anderen betroffenen Familien an Hilfestellung sendet. Ich werde berichten…

Bildquelle: https://www.pexels.com/de-de/foto/himmel-strasse-dunkel-draussen-5881407/

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