Urlaub am Comer See

Im August begaben wir uns in unseren ersten Familienurlaub an den Comer See (Italien). Samu war mittlerweile neun Monate alt und ein aufgewecktes, kleines Kerlchen. Seine anfängliche Schreiphase hatte er zwar überwunden, allerdings war er dennoch ein Skeptiker und ganz und gar nicht ein Sonnenscheinchen fremden Menschen gegenüber, wie man dies von seinem Bruder gewöhnt war.

Ich hatte als aller erstes Bammel, wie sich den nun die etwa achtstündige Autofahrt gestalten würde, denn das ist ja bei Kindern immer so eine Sache, der eine steckt es locker weg, der andere sagt spuckend jedem Rastplatz auf der Autobahn „Grüß Gott!“. Schweißgebadet setzte ich mich also nach hinten zu meinem Großen, während Samu im Maxi Cosi entgegen der Fahrtrichtung die tolle Aussicht auf den Sitz vor sich genoss – ganz ehrlich, spannend ist anders. Er machte es aber wirklich erstaunlich gut und meine anfängliche Panik erwies sich als völlig unbegründet. Mal abgesehen von gelegentlichen Heißhungerattacken blieb der kleine Schnuppi friedlich und schonte Mamas Nerven. Der Urlaub konnte also beginnen.

Da wir ja nun nicht nach Sibirien gefahren waren und es somit nicht zur Debatte stand, mein Kind und seine kleine Hand, wie wir seine rechte Glücksflosse mittlerweile liebevoll nennen, in einen dicken Winteroverall zu hüllen, musste ich mich nun auch innerlich wieder darauf vorbereiten, dass ich mit Blicken rechnen muss.

Wir hatten ein traumhaftes Domizil mitten am See gebucht. Ich glaube unter normalen Umständen wäre dies auch schon eine Million Jahre im Voraus ausgebucht, denn eine Unterkunft, die ein Haus mit einer Terrasse direkt am See bietet inkl. Strandzugang gab es wohl auch nur aufgrund der Corona Pandemie. Da uns diese allerdings mächtig auf den Sack ging und wir uns nicht mehr einsperren lassen wollten, wagten wir die Reise nach Italien und fanden dieses Juwel.

Auch wenn der Vermieter nur italienisch sprach und sein Englisch von jedem Vorschulkind ergänzt werden könnte, kamen wir irgendwie mit der Hausübergabe klar. Ich bemerkte, dass er Samu in seinem Maxi Cosi eine Weile betrachtete und sicherlich auch feststellte, dass etwas anders war, er wirkte dabei jedoch so, als hätte er im Gespräch danach nicht klar sagen können was. Sicherlich kann ich mich hierbei täuschen, es war jedoch mein Gefühl oder meine Eingebung und wie wir ja wissen… Hihi, Sues Intuition ist meistens nicht ganz so schlecht.

Die erste Begegnung mit einem Fremden im Urlaub war damit überwunden und oh Wunder, es war überhaupt nicht schlimm. Wahrscheinlich findet vieles einfach nur in meinem Kopf statt, aber den Schalter zum Abstellen habe ich eben leider noch nicht gefunden. So wartete der nächste Test auch schon wenige Stunden auf mich, denn unser Großer zog plötzlich seine Badehose an. Faszinierend, wie Kinder plötzlich über motorische Fähigkeiten verfügen, die sie vorher vehement bestritten haben, indem Sätze geäußert werden wie: „Ich kann mich nicht allen an- und ausziehen, du musst mir helfen, MAMA!“. Übrigens erlebe ich dabei sehr selten, dass die Papas gebeten werden, die das ohne Zweifel genauso gut können. Nein, Mama muss ran und das mit Säugling im Arm und abschleckendem Hundling, da man sich plötzlich in der Hocke befindet – aber ja: „Wir schaffen das!“, sagte ja bereits eine Muddi der Nation.

Wir mussten also augenblicklich zum See aufbrechen und da wir uns immer noch nicht in Sibirien befanden und es scheiße heiß war, musste meine kleine Maus natürlich mit und zwar im kurzen Body. Am Ufer des Sees tummelten sich schon jede Menge Badegäste und so gesellten wir uns dazu, während unser Hund auf der Terrasse unseres tollen Ferienhauses über uns thronte und aufpasste, dass auch ja keiner ertrank. Diese Panik wurde mit lautstarkem Zurückfiepen begleitet. Somit war nicht mein Kind die Hauptattraktion, sondern mein blondes, trotteliges Schaf, wie ich ihn gern nenne, der zur Belustigung der Leute beitrug. Kennt das eigentlich jemand von euch, wenn man sich zu Tode schämt, während es alle ringsherum eher amüsant finden? Also mich machte mein Hund grundnervös, weshalb ich beschloss mich zu meinem Labbi zu begeben und mit ihm darüber zu wachen, dass Papa und K1 (erstes Kind) nicht ums Leben kamen. Das Positive an der Sache war, dass mich Marlo Jamie of Monrepos (ja, so heißt das Tierchen tatsächlich) so ablenkte, dass ich meine ganzen Sorgen um Samu glatt vergessen hatte.

Am Nachbarzaun wartete allerdings gleich die nächste Bewährungsprobe auf mich… Und bitte versteht mich nicht falsch, ich möchte noch einmal ganz dringend darauf verweisen, dass ich mein Kind über alles liebe, aber ich war zu diesem Zeitpunkt noch ganz und gar nicht in der Akzeptanz mit meinem/ unserem Schicksal. Wie sich das änderte, werde ich noch berichten.

So stand da nun also auf dem Nachbargrundstück eine unglaublich positiv wirkende ältere Dame, die mich an die „alte Kate Winslet“ (keine Ahnung wie die Schauspielerin heißt) aus dem Film Titanic erinnerte. Sie sprach nur Italienisch, und damit meine ich nur Italienisch, kein einziges Wort auf Englisch, Deutsch etc. – nada. Dennoch wissen wir ja alle, dass Kommunikation nicht nur über Sprache funktioniert, also verstand ich auch ohne klare sprachliche Äußerungen, aufgrund ihrer Gestik, dass wir näher treten sollten.

Was soll ich sagen, ich hätte fast geheult, wie liebevoll sie mit Samu interagierte. So eine unfassbar liebe Person war das und mein kleiner Sonnenschein hatte seine helle Freude an den Lauten, die so ganz anders klangen als Mamas und Papas Geplapper. Kein einziges Mal hatte ich das Gefühl, dass sie mein Kind mit anderen Augen betrachtete als irgendeinen anderen Menschen auf dieser Welt und sie nahm mir komischerweise auch meine ganze Angst im Hinblick auf andere Begegnungen in diesem Urlaub. Sie erfüllte mein Herz mit einer unfassbaren Wärme jedes Mal, wenn wir sie in dem einwöchigen Aufenthalt trafen. Schade, dass ich ihr das nie verbal kommunizieren konnte. Ich hoffe, sie hat es einfach gefühlt…

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