Gedankenkarussell

Nachdem ich in meinem Leben innerhalb kürzester Zeit durch das ortsansässige Spital aus dem Universum gekickt wurde, denn so fühlte es sich zunächst nach den Aussagen der Ärzte an, beschloss ich, wie nahezu immer in meinem Leben, nicht aufzugeben und mir erst einmal eine andere Meinung einzuholen. „Heulen kannst du danach weiter“, dachte ich und vereinbarte einen Termin in der etwas weiter entfernten Uniklinik, die mir ja bereits der Radiologe wärmstens ans Herz gelegt hatte und wer nicht hören will… Ihr wisst sicher, wie es weiter geht.

Gott sei Dank musste ich mal wieder aufgrund meines Sonderstatus nicht lange auf einen Termin warten; ein Monat ist im Vergleich zu anderen armen kranken Seelen echt noch erträglich. Dennoch hatte ich in diesen knapp 30 Tagen extrem viele Ängste und mir gingen die Worte der vermeintlichen Spezialisten nicht aus dem Kopf: „Bauch aufschneiden. Leber aushängen. Hoch komplexe OP.“

Natürlich ist man sich darüber bewusst, dass es Schicksale gibt, bei denen Kinder einen Elternteil verlieren. Und schon die Konfrontation dieser Geschichten, beispielsweise durch unser liebes sensationsgeiles TV, hat mich nach der Geburt meiner Stinkis immer schon ins Tal der Tränen gezogen. Ich kann allerdings jedem versichern, dass dies noch einmal zu einer anderen Hausnummer wird, wenn es die eigene Lebenswirklichkeit betrifft.

Ich sah mich plötzlich mit Fragen konfrontiert, die man sich Mitte 30 eigentlich nicht stellen sollte, aber immerhin bestand die Gefahr, dass ich das Gleiche präsentiert bekomme, wie im Krankenhaus vor Ort. Also fing ich an, mir darüber Gedanken zu machen, wie meine Kinder im Falle dessen, dass etwas schief geht, es je verwinden werden, dass sie ohne Mama groß geworden sind. Weiterhin waren natürlich Existenzfragen ein großes Thema, denn wie sollte es der vollarbeitende Papa mit zwei Kindern und Hund allein schaffen?

Vor allem mit einem kleinen Mann, der mit einer Einschränkung leben muss. Wie bekommt es denn der Papa hin, die ganzen emotionalen Katastrophen, die da eventuell anstehen, adäquat aufzufangen?

Wie soll er auch noch die ganzen administrativen Dinge, die sonst immer Mama managte, in den Alltag einbauen? Und dann die ganzen Besuche bei Spezialisten, Physiotherapeuten, Prothesenherstellern und Co., die eventuell wieder anstehen.

Meine LowerLoopSpirale drehte sich stetig weiter in Richtung bösen Abgrund. Ich war das erste Mal wirklich nahe eines Nervenzusammenbruchs. Ich konnte die ganzen Ereignisse der letzten 1,5 Jahre langsam nicht mehr verarbeiten. Erst die Schwangerschaft, dann die ständigen Sorgen und Ängste um den kleinen Mausezahn und jetzt noch die Ungewissheit, was mit mir so weiter abgeht.

Wie nahezu immer im Leben gibt es aber auch in diesen dunklen Stunden Hoffnungsschimmer. Es waren genau zwei Sätze eines lieben Menschen, die mich aus meinem Gedankenkarussell rissen: „Hör auf zu denken, dass sich das Universum nur um dich dreht, das ist eine Illusion. Es geht immer weiter und im Zweifel auch für deine Familie!“ – hart, aber herzlich. Genau das sind Dinge, die wir manchmal benötigen. Eine verbale Schelle, die uns aufhören lässt Trübsal zu blasen. Ja, tatsächlich. Es würde weiter gehen und auch zu den Worten: „Universum“, „Illusion“, „dich“ (im Sinne des eigenen Egos) sollte ich ein paar Monate später noch einen anderen Bezug bekommen. Und so hieß es für mich erst einmal: „Arme hochkrempeln, Popo hoch, the show must go on!“

Bildquelle: https://www.pexels.com/de-de/foto/karussell-mit-lichtern-1403653/

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