Zoomkonferenz Herz über Kopf

Es war an einem Morgen Ende November, als M und ich es endlich geschafft hatten, einen gemeinsamen Termin zu finden. Ich war ganz gespannt, ob meine technischen Fähigkeiten in der Elternzeit so eingerostet waren, dass ich das mit der anstehenden Zoomkonferenz verkacke oder ob es reibungslos durchlief.

Da ich ja nach wie vor der Oberkontrolletti bin, hing ich seit halb zehn vor einem Bildschirm, der erst 10 Uhr mit mir sprechen sollte. Macht aber nix, denn ich habe schließlich immer etwas zu tun: Samus neues Bett heraussuchen, E-Mails schreiben, Zahnarzttermine vereinbaren etc.. Viertel nach zehn allerdings zweifelte ich an mir, ob ich es mal wieder verbockt hatte mit der Technik, und Mist diesmal gar kein Oberstufenschüler in der Nähe, der helfen kann.

Also tippte ich M eine kurze WhatsApp-Nachricht. Diese antwortete auch sofort und informierte mich, dass es gleich losginge, aber es länger gedauert hätte mit einem Patienten vor mir. Gut, das technische Rindvieh Sue wieder gedanklich eingefangen und brav abgewartet. Circa 10:20 Uhr begann meine Sitzung, die ich mir im Vorfeld sehr kontrolliert und ganz anders vorgestellt habe.

Irgendwie entfiel das ganze Smalltalkgedöns zu Beginn, was ich eh für absolute Zeitverschwendung halte, und M kam gleich zur Sache. Gab es da nicht mal son Film „Zur Sache, Schätzchen“? Der Inhalt ist sicher Lichtjahre von meinem Thema entfernt, aber die Überschrift hätte ich für den Blogbeitrag auch gut vorstellen können.

Ich wurde also direkt gefragt, was mein Anliegen sei. Genau das hatte ich im Übrigen auch erwartet. Brav erzählen, ein paar Zwischenfragen erhalten, paar Tipps bekommen, wie ich die Themen angehe, schönen Dank und auf Wiederhören, bis zum nächsten Mal, Frau Blümchen.

Es kam anders. Ich berichtete natürlich schon zu Beginn, weshalb ich unüblicherweise den Kontakt zu einer Person suche, die mal eben 500km entfernt lebt. Ja, weil die üblichen Verdächtigen leider am Ende mit ihrem sogenannten Latein mit mir sind, obwohl gerade die das doch hoch und runter gepaukt hatten…

Während ich also in einen kleinen Laberfluss geriet, stellte mich M zeitgleich in mein Energiefeld (zumindest habe ich das so verstanden). Dabei wurden mir immer Zwischenfragen gestellt.

Was ich als Erstes total spannend fand, war, dass es schon energetisch gesehen wohl problematisch ist, wenn man per Kaiserschnitt entbindet, aber zunächst nicht bzw. nicht nur für den Säugling, sondern eben auch für die Mutter. Der Druck, der durch das Pressen nicht entweichen könne, lasse wohl den Körper unruhig werden, hippelig, unausgeglichen. Ein Grund für meine zunehmende Ungeduld, Projektsucht, Angespanntheit? Klingt für mich zumindest irgendwie ziemlich plausibel.

Selbstverständlich werden die Rationalisten unter uns zehntausend andere Gründe finden, weshalb ich diese Gemütszustände aufführe. Aber hey, hinterfragt euch doch mal, warum ihr euren Partner oder einen Freund liebt und andere eben nicht. Gemeinsame Interessen sind nicht immer die Antwort auf alles, denn schließlich gibt es das Sprichwort: Die Chemie muss stimmen. Gefühle lassen sich schwer rational erklären. Das Erlebte hier auch nicht, aber es leuchtete mir ein, dass man das „Geburtstrauma“ eventuell auflösen sollte.

Immer wieder war auch mein inneres Kind Thema. Auch, dass ich einen Konflikt mit einer Person klären müsste, welcher mit ca. 14 Jahren aufgetreten war und mich stark prägt und belastet. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht so genau darauf eingehen, um was es hierbei genau ging oder um wem, weil es einfach absolut persönlich ist, aber ich möchte euch hierbei zum Ausdruck bringen, dass es einen Vorfall in exakt diesem Alter gab und die Heilpraktikerin das keinesfalls hätte von irgendjemanden wissen können. Wir versuchten die Thematik auf jeden Fall zu lösen. Ob es geklappt hat, werde ich wahrscheinlich irgendwann sehen oder vielmehr spüren.

Als hätte ich hierbei nicht schon Rotz und Wasser geheult, und jeder, der mich kennt, weiß, dass dies so gar nicht typisch für mich ist, kam natürlich irgendwann Samu zur Sprache. Das mein kleiner Spatz meine Achillesverse ist, ist auch nichts Neues, aber das dieser plötzlich zu mir sprach, ließ alle Dämme brechen. M hatte mich und meinen Sohn zusammen in ein energetisches Feld gestellt und teilte mir mit, dass es Samu so ganz und gar nicht schlecht ginge oder er auf irgendeine Weise unzufrieden sei. Im Gegenteil: ER SEI IN MEIN LEBEN GETRETEN, UM MICH ZU HEILEN!!! Von meiner Schuld, die meine Seele empfindet, für Dinge, die im Diesseits nicht mehr greifbar sind (auch darauf möchte ich hier gar nicht näher eingehen).

Ihr Lieben da draußen, glaubt mir bitte eins, der Verstand sagt natürlich auch zu mir: „Ja, klar!“. Aber es ist mir scheißegal, wie das klingt, was Leute von mir dachten oder in Zukunft denken (ich löse mich auch hier immer mehr von dem irrealen Glauben everybodys darling sein zu können), aber ich habe eine unglaubliche Seelenruhe in diesem Moment erfahren und gespürt. Eine Sorglosigkeit, die ich noch nie, seit dem 2.September 2020, im Bezug auf meinen kleinen Sonnenschein empfunden habe und ehrlich gesagt lohnte sich genau deshalb die Sitzung Herz über Kopf.

Körper und Seele – das große Ganze

Auch wenn mir Wolle Petry erst einmal das Leben erleichterte, suchte ich dennoch sofort nach Ursachen. Wie konnte das bitte sein, dass man mit Mitte 30 einen Lebertumor bekam, wenn auch gutartig? Ok, suedom und gomarro waren lange Zeit mein Lebensmotto, aber mal ganz ehrlich… da übertreiben es andere viel mehr und Drogen etc. hatte ich nie konsumiert.

Im Rahmen meines körperlichen und seelischen Zustandes bin ich für mich irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass die Schulmedizin eins in meinen Augen gänzlich falsch macht: sie betrachtet immer nur ihr Fachgebiet und nie den gesamten Körper. Zu diesem gehört für mich nicht nur Haut, Haar und Knochen sowie der überschaubare Rest (lol), sondern auch unser Seelenzustand. Ich bin davon überzeugt, dass alles im Einklang sein muss, damit einem nicht nur sprichwörtlich die Sonne aus dem Arsch scheint.

Damit sich bei mir wieder alles verbindet und ich für mich in den richtigen flow komme, von der schiefen Bahn gerate oder wie immer man das auch nennen mag, bin ich durchaus auf der Suche nach den Ursachen für gewisse körperliche und seelische Themen. In diesem Zusammenhang bin ich auch auf sehr alternativen Pfaden unterwegs gewesen, vor allem im letzten Jahr. Wer damit nichts anfangen kann und sich einzig auf den Doctore seines Vertrauens verlässt, sollte jetzt die Bremse reinhauen und möglichst nicht weiterlesen, denn ja, gewisse Dinge werden gleich wieder sehr verrückt klingen…

Nachdem ich lange darüber nachgedacht habe, ob ich mir Hilfe suche, was meine Verarbeitung der ganzen bad news in den letzten 1,5 Jahren anbelangt, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es nicht schaden könnte, dies irgendwie zu bearbeiten. Schließlich habe ich wirklich keine Lust, dass sich durch die fehlende Beschäftigung mit den Dingen weitere Wehwehchen auftun.

Ich bin mir ziemlich sicher, und davon bin ich schon sehr lange überzeugt, dass uns gewisse Personen nicht zufällig im Leben begegnen. So ist es für mich kein Zufall, dass ich mich doch für Samus Physiotherapeutin entschied und nicht für eine andere Praxis, die mir seitens einer Nachbarin empfohlen wurde. Durch diese Begegnung und die immer weiter entstehende private Verbindung zu Manja hörte ich auch das erste Mal von einer Freundin von ihr, die im Osten Deutschlands, also dort, wo die Sonne aufgeht, eine Praxis für Osteopathie und Heilpraktiken hat. Aufgrund meiner Vorgeschichte brachte Manja durch sie in Erfahrung, ob ich gewisse ätherische Öle zu mir nehmen darf, ohne meiner Leber zu schaden.

Ich weiß nicht mehr, wie es genau dazu kam, aber M (Heilpraktikerin) lotete mich mit Namen, Geburtsdaten kinesiologisch aus der Ferne aus. Dabei kam heraus, dass ich ein massives Problem mit den Themen Schuld, Wut oder Trauer hätte. Mir fielen natürlich sofort unendlich viele Dinge ein, die damit in Zusammenhang stehen könnten.

Mein Verstand tut sich natürlich nach wie vor sehr schwer, solche Themen oder Ansätze in mein Leben zu lassen. „Viel zu allgemein! Könnte ja auf jeden zutreffen! Inwiefern hat Manja ihr im Vorfeld Dinge von mir erzählt?“ – all diese Gedanken sausten durch meinen Kopf. Die Herzstimme schrie mich allerdings an, dass ich mich dennoch mit M unterhalten sollte. „Schaden kann es zumindest nicht. Vielleicht lache ich im Nachhinein höchstens über das Gesagte und gut“, dachte ich mir. Dass es allerdings anders kommen sollte und wie anders, das hätte ich mir noch vor wenigen Wochen nicht vorstellen können.

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Wolle Petrys Diagnose…

Ich ließ Wolle Petry erst einmal seine Arbeit machen und war mir durchaus bewusst, dass man die Doktoren in ihren Monologen besser nicht unterbricht, sonst werden sie nämlich irgendwie ungemütlich.

Nachdem er nun Laura alles referiert hatte, fragte ich frech, ob man mir denn jetzt ‚mal bitte übersetzen könne, was denn nun Sache sei und das bitte auch für Leute, die fernab jeglicher medizinischer Galaxien sind.

„Also Frau Lo, wir haben es mit einer klassischen FNH zu tun, wie ich Laura schon erklärt habe. Diese ist auch ganz typisch ausgeprägt und hat Lehrbuchcharakter, weshalb ich mir einhundert Prozent sicher bin. Dies ist ein gutartiger Tumor, der niemals entartet. Aufgrund des Größenwachstums sollte man diesen lediglich beobachten. Auch ihre Zyste am Eierstock schätze ich zum einen kleiner ein, zum anderen finde ich auch diese nicht beunruhigend. Meine Frau hat seit 20 Jahren son Ding und hat es nie raus operieren lassen. Jede OP birgt schließlich auch Risiken.“ – Herzlichen Dank für die sehr coole Übersetzung für Fachidioten und die ehrlichen Ratschläge ohne Profitgedanken!

Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen und ich wollte noch einmal wissen, wie ich denn nun aber mit der Diagnose des Kollegen umzugehen habe. „Ich haue eigentlich nie Kollegen in die Pfanne,“ nein dachte ich mir… die eine Krähe hackt der anderen in der Regel kein Auge aus, also bin ich gespannt, was jetzt kommt… „aber ich würde mir überlegen, ob ich diese Vorgehensweise nicht der Ärztekammer melde. Denn sie sind insgesamt eine gesunde Frau, mit idealen Blutwerten, einer eindeutigen FNH, und zwei kleinen Kindern, vielleicht mit ein- zwei Kilo zu viel, aber das ist nicht so tragisch. Wenn Sie den Kollegen fragen würden, ob er mit diesen medizinischen Voraussetzungen seine Frau operieren würde, und er dürfte nicht schwindeln, dann müsste er die Frage mit einem klaren NEIN beantworten.“

Mal abgesehen von der dämlichen Anspielung auf mein Gewicht (das ja, das gebe ich durchaus zu, nach zwei Schwangerschaften und unzähligen Abnehm-Versuchen immer noch zu hoch war), welche man sich hätte aber auch sparen können, war ich unendlich dankbar für diese Neuigkeiten.

Man glaubt es vielleicht nicht, aber ich fühlte mich, als hätte Dr. Wolle mir gerade ein neues Leben geschenkt. Es war schöner als jeder Geburtstag, ja es war schöner als jegliches Weihnachten, Ostern oder alles zusammen.

Während mich monatelang die blanke Panik ergriffen hatte, dass meine Kids eventuell ohne Mama groß werden mussten, falls etwas schief läuft (vor allem mein kleiner Samu, den ich doch speziell beschützen und stärken muss), konnte ich endlich wieder durchatmen. Und das meine ich wirklich wörtlich. Als ich das Krankenhaus verließ, nahm ich alles viel deutlicher wahr: den Wind, die Temperaturen, den leichten Nieselregen, den Geruch von Pflanzen – einfach alles. Es war ein Geschenk, das mir gemacht wurde. Ein Geschenk, was sich durch nichts Materielles ersetzen lässt. Ein Geschenk, das man Leben nennt.

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Ärzteodyssee Klappe die ??? – vergessen

Ich kam also zu einem Ort, an dem die Sonne niemals scheint. Zunächst fiel mir auf, dass ich hier niemals arbeiten könnte. Ohne Tageslicht würde ich depressiv werden. Davon schienen auch einige Damen am Empfang nicht weit entfernt… Oder wie war das: In jedem Haus wohnt mindestens ein Drachen?

Ich meldete mich also brav an und versuchte höflich zu bleiben, als ich schon wieder in einem barschen Ton irgendein Papier unter die Nase gehalten bekam. Während ich im Privaten schnell aus dem Karton knalle, habe ich mich draußen relativ gut unter Kontrolle, nahm somit den Wisch, füllte ihn ordnungsgemäß aus und setzte mich dann in das Wartezimmer.

Diese Überlegung… Notierst du gleich deine Erlebnisse in den Laptop oder nicht? „Ach nee, lass lieber, dann kommst du gleich dran und musst erst dein ganzes Zeug zusammenpacken“, ermahnte mich mein Verstand. Ja, Pustekuchen gleich drankommen. Ich wartete wirklich zwei Stunden, obwohl vor mir nur ein kleines Kind im Warteraum war und es erst danach richtig kuschlig wurde.

Im Übrigen fand ich das mit der kleinen Maus echt hart, denn mit ca. einem Jahr an einen Raum gefesselt zu sein, ist eine Katastrophe. Der Knopf, dessen Papa das bravourös meisterte, erinnerte mich an meinen Samu. Es ist wirklich schlimm, wenn man sich mit einem kleinen Menschenkind schon in so jungen Jahren ständig in Kliniken herumtreibt, anstatt das Leben zu erkunden. Es klingt jetzt vielleicht bescheuert, aber man entwickelt speziell zu diesen Kindern noch einmal eine ganz andere Verbindung…

Nach einer Milliarde Jahre wurde ich dann doch gebeten, meinen Allerwertesten ins Behandlungszimmer zu schwingen. Es wartete ein Herr Dr. K auf mich, der mich an Wolle Petry mit grauen Haaren erinnerte. Zudem war eine studentische Maus zugegen, deren Nervosität jeder im Raum förmlich riechen konnte.

Sie sollte mir nun einen Zugang legen und verteilte erstmal das ganze Behandlungsbesteck auf dem Boden. Danach rutschte sie ständig ab beim Pieksen; ich sah am Ende aus wie ein vermöbelter Streuselkuchen. Zu guter Letzt verzählte sie sich auch noch bei der Ultraschallsonografie, sodass dem netten Dr. Wolle dann doch irgendwann der Kragen platzte und er sie ermahnte, sie solle sich doch ein wenig besser konzentrieren und zusammenreißen. Was soll ich sagen, ich hätte auch sauer sein können, schließlich wurde mein Körper vergewalwurschtelt, aber sie tat mir einfach nur leid. Ich weiß aus unzähligen eigenen Erfahrungen, dass Lehrjahre oft keine Herrenjahre sind.

Als sich das Team aber dann doch irgendwann einspielte, konnte das, für was ich eigentlich gekommen war, untersucht werden, nämlich der böse Leberherd. Während mir meine Rippen zerdrückt wurden, beantwortete ich irgendwie noch fleißig Fragen, erklärte dem Wolle Petry, was mir in meiner Heimatklinik geraten wurde, berichtete von meinem zusätzlichen Gewächs am Eierstock (welches er dann auch noch anschaute) und wartete letztendlich ab, was der Chefarzt der US einer Uniklinik so zu sagen hatte.

„Also Laura“, begann er seiner Assistentin zu referieren (Laura, Lara, Lina – ich weiß es ehrlich gesagt nimmer, ist aber aufgrund des Datenschutzes ja auch gut so), „hier sehen wir eine ganz klassische FNH mit dem typischen Muster. Frau Lo hat diese exakt, wie im Lehrbuch beschrieben“, säuselte er weiter und redete und redete. Selbstverständlich war das alles nur Fachchinesisch für mich. „FN-Was?“, dachte ich mir nur, hoffte aber darauf, dass es nichts Schlimmes sei, da der Prof. ja wohl sonst anders reagiert hätte – oder?

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Labyrinth 

Es war ein Tag im November 2021, als ich mich schweren Herzens von meinem kleinen Schnuppi am Morgen verabschieden musste. Ich setzte mich ins Auto, um in die 60km entfernte Uniklinik zu fahren und heulte erstmal die Hälfte der Strecke.

Nur nicht vor den Jungs los plärren, denn mein Großer hätte mit knapp drei Jahren die Welt nicht verstanden und mein kleiner Mausbär merkt auch sofort, wenn bei Mama irgendwas nicht stimmt. Natürlich realisierte er es dennoch irgendwie. Besonders die nicht sprechenden Stinkis haben für negative Schwingungen noch besondere Antennen, denn der Abschied fiel besonders schwer.

So saß ich nun also in meinem weißen SUV- Schlitten und führte mir wieder einmal vor Augen, wie unwichtig plötzlich Status-Symbole wie Haus, Pool, großer Garten, Auto und Co. sind, wenn die f… Gesundheit den Bach runter geht. Wieder und wieder ging mir durch den Kopf, was ich denn nun tun werde, wenn die Ärzte dort dieselbe Diagnose stellen und ich eine komplexe OP mit langwierigem Klinikaufenthalt überstehen musste. Selbst wenn Unkraut nicht vergeht und ich das alles gut überstehen sollte, hatte ich ja mit mindestens fünf Wochen ungewollter Bett-Herumlümmelei zu rechnen. Wie sollte das gehen mit den Kids? Und Langeweile und Schmerzen waren dabei in meinem Gedankenkarussell die kleinste Sorge?

Und was wäre wenn… Es ist schwer, sich mit dem eigenen Tod gedanklich zu befassen, aber es musste sein. Ich hatte mit meinem Mann bereits darüber gesprochen, was alles zu erledigen wäre, wenn ich doch diese Operation mit ungewissem Ausgang über mich ergehen lassen musste. Es müssten nämlich hunderttausend verschiedene Dinge geklärt werden: Patientenverfügung (sofern ich zumindest aufwache), Notartermin zwecks Testament, Vorstellungen wie eine Beerdigung aussehen könnte etc. pp. – alles keine leichten Themen. Ehrlich gesagt, ist es ein richtiger Scheiß, sich darüber Gedanken zu machen, aber vielleicht sollte sich jeder diesen Themen widmen, denn tick tack, wann die Uhr abläuft, weiß niemand und dann stehen die Hinterbliebenen oft da (leider auch schon bei Freunden, Bekannten, Verwandten mitbekommen).

„Tief durchatmen“, sagte ich mir, bevor ich die heiligen Klinikhallen betrat. Hallen oder doch eher ein Labyrinth? Es fühlte sich eher nach Letzterem an, denn bevor ich mal zu der Abteilung durchgedrungen war, zu der ich nach den ganzen Coronagrenzkontrollen gelangen sollte, verging locker eine halbe Stunde.

In diesen Momenten lobe ich mir meine disziplinäre Erziehung, in der ich lernte: Viertelstunde vor der Zeit ist Soldatenpünktlichkeit. Obwohl es komischerweise bei meinen verballerten Freundinnen auch immer irgendwie funktioniert, wenn sie eine halbe Stunde zu spät kommen, also grundsätzlich… Während das bei denen aber locker flockig durchläuft, wäre der Frau Lo gesagt worden: „Tut uns leid, Ihren Termin können Sie jetzt nicht mehr wahrnehmen.“

So war ich also froh, als ich nicht ganz so abgehetzt bei der Anmeldung ankam. Dort hieß es selbstverständlich: Coronatest abgehen, Erstanamnesebogen ausfüllen, Pipi ins Becherchen machen und Blutabnehmen und dann zack zack zur Ultraschallsonografie in den Keller. „Danach kommen Sie wieder hoch zur Auswertung“, sagte mir die sehr freundliche Empfangsmitarbeiterin.

Also gut, ich schlappte halb neun los, um erneut eine Reise in unbekannte Gefilde zu wagen. Dass ich erst 13:30 Uhr das Tageslicht des dritten Stocks wieder sehen durfte, hätte ich mir so auch nicht vorgestellt, denn da wollte ich eigentlich längst meinen Großen vom Kindi abgeholt haben. Aber Erstens kommt es anders… – naja, ihr kennt das Sprichwort.

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Gedankenkarussell

Nachdem ich in meinem Leben innerhalb kürzester Zeit durch das ortsansässige Spital aus dem Universum gekickt wurde, denn so fühlte es sich zunächst nach den Aussagen der Ärzte an, beschloss ich, wie nahezu immer in meinem Leben, nicht aufzugeben und mir erst einmal eine andere Meinung einzuholen. „Heulen kannst du danach weiter“, dachte ich und vereinbarte einen Termin in der etwas weiter entfernten Uniklinik, die mir ja bereits der Radiologe wärmstens ans Herz gelegt hatte und wer nicht hören will… Ihr wisst sicher, wie es weiter geht.

Gott sei Dank musste ich mal wieder aufgrund meines Sonderstatus nicht lange auf einen Termin warten; ein Monat ist im Vergleich zu anderen armen kranken Seelen echt noch erträglich. Dennoch hatte ich in diesen knapp 30 Tagen extrem viele Ängste und mir gingen die Worte der vermeintlichen Spezialisten nicht aus dem Kopf: „Bauch aufschneiden. Leber aushängen. Hoch komplexe OP.“

Natürlich ist man sich darüber bewusst, dass es Schicksale gibt, bei denen Kinder einen Elternteil verlieren. Und schon die Konfrontation dieser Geschichten, beispielsweise durch unser liebes sensationsgeiles TV, hat mich nach der Geburt meiner Stinkis immer schon ins Tal der Tränen gezogen. Ich kann allerdings jedem versichern, dass dies noch einmal zu einer anderen Hausnummer wird, wenn es die eigene Lebenswirklichkeit betrifft.

Ich sah mich plötzlich mit Fragen konfrontiert, die man sich Mitte 30 eigentlich nicht stellen sollte, aber immerhin bestand die Gefahr, dass ich das Gleiche präsentiert bekomme, wie im Krankenhaus vor Ort. Also fing ich an, mir darüber Gedanken zu machen, wie meine Kinder im Falle dessen, dass etwas schief geht, es je verwinden werden, dass sie ohne Mama groß geworden sind. Weiterhin waren natürlich Existenzfragen ein großes Thema, denn wie sollte es der vollarbeitende Papa mit zwei Kindern und Hund allein schaffen?

Vor allem mit einem kleinen Mann, der mit einer Einschränkung leben muss. Wie bekommt es denn der Papa hin, die ganzen emotionalen Katastrophen, die da eventuell anstehen, adäquat aufzufangen?

Wie soll er auch noch die ganzen administrativen Dinge, die sonst immer Mama managte, in den Alltag einbauen? Und dann die ganzen Besuche bei Spezialisten, Physiotherapeuten, Prothesenherstellern und Co., die eventuell wieder anstehen.

Meine LowerLoopSpirale drehte sich stetig weiter in Richtung bösen Abgrund. Ich war das erste Mal wirklich nahe eines Nervenzusammenbruchs. Ich konnte die ganzen Ereignisse der letzten 1,5 Jahre langsam nicht mehr verarbeiten. Erst die Schwangerschaft, dann die ständigen Sorgen und Ängste um den kleinen Mausezahn und jetzt noch die Ungewissheit, was mit mir so weiter abgeht.

Wie nahezu immer im Leben gibt es aber auch in diesen dunklen Stunden Hoffnungsschimmer. Es waren genau zwei Sätze eines lieben Menschen, die mich aus meinem Gedankenkarussell rissen: „Hör auf zu denken, dass sich das Universum nur um dich dreht, das ist eine Illusion. Es geht immer weiter und im Zweifel auch für deine Familie!“ – hart, aber herzlich. Genau das sind Dinge, die wir manchmal benötigen. Eine verbale Schelle, die uns aufhören lässt Trübsal zu blasen. Ja, tatsächlich. Es würde weiter gehen und auch zu den Worten: „Universum“, „Illusion“, „dich“ (im Sinne des eigenen Egos) sollte ich ein paar Monate später noch einen anderen Bezug bekommen. Und so hieß es für mich erst einmal: „Arme hochkrempeln, Popo hoch, the show must go on!“

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Was früher meine Leber war, ist heute…

eine Tumorbar (lol). Zumindest wurde mir das von den sogenannten Spezialisten gleich weisgemacht…

Ich schlappte also nichts ahnend zu den Herrschaften der Allgemein- und Viszeralchirurgischen Abteilung. Dort erklärte mir ein sehr netter Oberarzt, dass meine ganzen Bilder, die ich ja braverweise dabei hatte, von dem Programm der Klinik nicht ausgelesen werden können. Auch die übermittelten Dateien der Kollegen aus dem Keller seien wenig aussagekräftig. Dass es jedoch kein Hämangiom sein könne, das sei auch für ihn klar.

Ok, und dann ließ der nette Doc, der ebenfalls zwei kleine Kinder hatte Sätze von sich, die mich im Nachhinein nur mit dem Kopf schütteln lassen; zumindest im Anbetracht der Beweislage, denn ich erinnere daran, dass sämtliche Bilddateien ja angeblich nicht gut lesbar waren und damit überhaupt nicht aussagekräftig sein konnten.

„Also Frau Lorenz, eins ist ja mal Fakt: Sie haben einen Leberherd. Dieser ist vom Größenwachstum sehr auffällig. Das bedeutet, es spielt überhaupt keine Rolle, ob wir es hier mit einem gut- oder bösartigen Tumor zu tun haben, das Ding muss raus. Bedeutet für Sie: wir müssen Ihren Bauch komplett aufschneiden und die Leber aushängen. Dies wird ein sehr schwieriges Unterfangen, da große Blutgefäße in unmittelbarer Nähe sind. Ich denke, dass Sie als junge Frau gute Chancen haben, das ganze gut zu überstehen, aber sie müssen danach mit mindestens fünf Wochen Klinik rechnen.“

In meinem Kopf flogen eine Milliarde Sternchen. Ich hatte zwar klar und deutlich verstanden, was mir gerade mitgeteilt wurde, aber ich wollte das Gesagte absolut nicht wahrhaben. „Wie zur Hölle konnte denn unserer Familie so viel Scheiße in so kurzer Zeit widerfahren?“, schoss es mir durch den Kopf.

Ich solle mir mal Gedanken machen, wann der nächstmögliche Termin für mich sei und mich dann sofort wieder melden. Er würde dir ganze Sache auch nochmal mit Herrn Dr. R., Chefarzt der Klinik, besprechen, hörte ich den Arzt aus einem Paralleluniversum sagen.

„Ja, ja, ich klär das mal ab“, log ich, denn ich wollte nichts wie raus aus dieser Klinik. Mir war zu diesem Zeitpunkt schon völlig klar, dass ich mir auf jeden Fall eine Zweitmeinung einholen würde, bevor ich mir den Bauch aufschnippeln lasse mit ungewissem Ausgang. Die Angst blieb jedoch unterschwellig einige Wochen bestehen. Denn ich hatte wahnsinnige Panik, dass ich eventuell meine Kinder nicht aufwachsen sehen kann…

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Klinik meines Vertrauens

Ich hörte den Arzt der Radiologie noch sagen: „Klären Sie Ihren Befund bitte dringend in einer Uniklinik ab, auf keinen Fall in der in unserer Stadt!“. So und was machte ich??? Klar, ich vereinbarte einen Termin in unserer Stadt und in der Klinik, in der Samu und ich schon die tollsten Dinger erlebt hatten, die ich hier bereits zum Lesen serviert habe.

Weshalb ich das immer tue, obwohl ich im Vorfeld schon weiß, dass dies totaler Bullshit wird, kann ich euch echt nicht sagen. Ich denke an dieser Stelle war es Bequemlichkeit und die leise Hoffnung, dass eine andere Station andere Erfahrungen liefert. Tut sie leider nicht, um das schon einmal vorweg zu nehmen…

Zunächst wurde wieder ein Termin bei sämtlichen Chefärzten klar gemacht – der Rubel rollt, sag ich dazu nur. Dass diese dann oft beim Golf spielen sind, wie einem noch ganz ehrlich kommuniziert wird, interessiert auf der Abrechnung dann niemanden. Aber ganz ehrlich, in der Regel sind mir ihre Oberarztkollegen eh lieber: na an der Praxis und insgeheim die heimlichen Chefs.

Erster Halt: ich durfte mein Hämangiom in der Ultraschallsonografie abchecken lassen. Dabei fuhr mir eine Ärztin mit dem Gerät gefühlte hundert Jahre über den Bauchraum, während ich fleißig Yoga-Atemtechniken absolvierte: „Einatmen, ausatmen, halten…“ und dasselbe Spiel immer und immer wieder. Zwischendurch wird irgendwelches Fachchinesisch an die Assistenz diktiert und weiter geht’s im Text.

Nach wie vor finde ich es immer spannend, dass alle Berufsgruppen scheinbar davon ausgehen, dass man das Gleiche studiert hat, denn die Begriffe, die einem um die Ohren fliegen, scheinen für alle im Raum selbstverständlich, nur eben für einen selbst nicht. Natürlich wäre ich nicht Sue, wenn ich die Herrschaften mittlerweile nicht unterbrechen würde. Also wollte ich wissen, was denn jetzt so super daran sei, wenn das Geräusch „echoarm“ ist. „Naja Frau Lorenz, damit kann ich eigentlich fast sicher sagen, dass Sie keinen Leberkrebs haben. Was das allerdings jetzt letztendlich ist, weiß ich auch nicht. Das muss der Herr Dr. R oben abklären“.

Na hervorragend, kein Leberkrebs mit 35 – was für eine gute Nachricht! Ich weiß nicht, ob die Damen und Herren die Zeitspanne meines Tumors beachtet haben, aber mit Leberkrebs hätte ich es wahrscheinlich keine fünf Jahre inkl. Nobelpreisblutwerten geschafft.

Ich war also tatsächlich wenig überrascht, dass zumindest das ausgeschlossen wurde. Zusätzlich war die Kollegin sich auch noch in einem ganz sicher: kein Hämangiom und damit leider doch geringfügig besorgniserregend. Dass ihr angekündigter Chefarzt allerdings den Vogel für mich abschießen sollte, habe ich zu diesem Zeitpunkt im Keller meines Lieblingskrankenhauses noch nicht erahnen können…

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Großbaustelle Sue

Es ist zwar eine ganze Weile her, dass ich euch von meinen Erfahrungen rund um die Coronapandemie, den Impfungen und meine MRT-Untersuchungen berichtet habe, aber ich werde noch einmal kurz zusammenfassen, was mir passierte, damit klar wird, wie ich mich zur Großbaustelle entwickelte.

Im August 2021 wurde ich nach meiner zweiten Biontech-Impfung, aufgrund tagelanger unglaublicher Kopfschmerzen ins MRT geschickt, damit der Verdacht auf eine Hirnvenenthrombose ausgeschlossen werden konnte. Zumindest stellte sich dabei am Ende des Tages raus, dass mit meinem Überstübchen alles ok sei. Ich bat den Arzt doch einmal zu gucken, was mit meiner Leber so abgeht. 2016 wurde dort nämlich ein sogenanntes Hämangiom festgestellt, dass jährlich kontrolliert werden sollte.

Das Thema jährlich ist bei mir tatsächlich immer so eine Sache, denn irgendwie bekomme ich das, was eigentlich am wichtigsten sein sollte, nämlich die Gesundheit, in 365 Tagen nicht auf die Reihe.

So ging 2017 ohne Untersuchung ins Land, 2018 war ich schwanger, 2019 hatte ich noch mein kleines Baby, erinnerte mich aber zumindest daran, dass da ja etwas war und vereinbarte einen Termin ungefähr in der Mitte des Jahres. Wieder MRT, wieder der Befund: 100%iges Hämangiom, jedoch mit auffälligem Größenzuwachs. „Kein Grund zur Panik“, erklärte man mir. Ich kann euch sagen, jedes hochspekulative Finanzgeschäft ist heutzutage sicherer als die einhundertprozentigen Aussagen der Herrschaften im weißen Kittel.

Ich schlappte wegen irgendeines Wehwehchens ein paar Monate später zu meiner Hausärztin. Ganz beiläufig sprachen wir dabei über den Befund der Radiologie. Eins könnt ihr mir glauben, wenn Menschen grundnervös sind, dafür habe ich mittlerweile ganz sensible Antennen. Ich fragte sie also, was los sei. Kurz zusammengefasst, fand sie die Größenzunahme des Blutschwämmchens, wie es übersetzt heißt, und von deutschen Begriffen bin ich ja großer Fan, sehr merkwürdig. Ich solle das doch bitte noch einmal in der Klinik in einer Ultraschallsonografie abklären lassen.

Dieses Mal vereinbarte ich auch brav sofort einen Termin. Naja, und was soll ich sagen… Das Aufklärungsgepräch nahm ich noch mit (unklar ist mir bis heute, warum das extra stattfinden musste), aber der eigentliche Termin wurde mir aufgrund von Corona abgesagt, danach war ich schwanger.

2021 erinnerte ich mich also durch meinen erneuten MRT-Aufenthalt daran, dass dieses Viehsch ebenfalls kontrolliert werden musste und bat den Arzt danach zu schauen. Hatte übrigens mittlerweile die Radiologie gewechselt, mein Gefühl bei der vorhergehenden war nämlich schon immer scheiße, aber ihr wisst ja, mein Motto war leider viele Jahre: Kopf über Herz.

Natürlich war ein erneuter Termin aus abrechnungstechnischen Gründen nötig (haha), aber zumindest erhielt ich diesen gleich vier Tage später. Ja, was soll ich euch sagen… Der Arzt meinte nach der Untersuchung nur: „Frau L., wenn das ein Hämangiom ist, fress‘ ich einen Besen. Es sieht für mich eher nach einem Tumor aus. Dieser scheint auch schon wirklich groß. Ich rate Ihnen dringend zur Abklärung in einer Uniklinik, auf keinen Fall hier in der Stadt. Gegen die Radiologie sollten Sie übrigens rechtliche Schritte in Erwägung ziehen.“

Bums, da steht man da. Das zweite Mal in meinem Leben zog es mir sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weg. Sicherlich wurde ich kreidebleich, denn der Doctore versuchte gleich gegenzusteuern und mir die Panik zu nehmen. Es war jedoch zu spät. Erst Samu, jetzt ich. Ich muss euch ehrlich gestehen, dass unfassbare Todesangst (zumal ich noch eine Zyste am Eierstock verschwiegen habe) in mir aufstieg, und eins kann ich euch dabei versichern, es ging mir absolut in keinster Weise um meinen wertvollen Arsch, aber meine Kinder waren zu diesem Zeitpunkt knapp 3 Jahre und 8 Monate alt – eine sehr unschöne Situation, wenn man plötzlich zur Großbaustelle wird…

Antrag auf einen Behindertenausweis

Den nächsten großen Antrag, den ich irgendwie nie stellen wollte, lautete: Antrag auf einen Behindertenausweis. Ihr wisst, dass ich mit dem Wort „Behinderung“ allein schon meine Schwierigkeiten habe, einen Ausweis dafür rumliegen zu haben, ging mir aber so gänzlich gegen den Strich.

An dieser Stelle möchte ich die ganzen Leute einmal zitieren, die immer wieder sagten: „Es ist doch nur eine Hand!“ Genau, also soll ich meinem Kind nun deshalb den Stempel „schwerbehindert“ in Form eines Dokumentes aufdrücken? Auch hier dauerte es Monate, bis ich eine Entscheidung treffen konnte.

Ich las vor allem mal wieder in meiner Lieblingsgruppe nach, wer warum wann und wie einen solchen Ausweis beantragt hatte oder eben nicht. Irgendwann erkannte ich, auch nach Rücksprache mit meinem Steuerberater, dass es schon Sinn machte, einen zu haben. Denn soweit ich das verstand, ist es ansonsten schon problematisch, wenn man Pflegegeld erhält.

Auch ist es wohl möglich, die KfZ-Steuer erlassen zu bekommen, wenn man das betroffene Kind für das Auto anmeldet. Ja, ihr habt richtig gelesen, das gilt auch, wenn es noch nicht volljährig ist. Ich habe es zwar noch nicht selbst ausprobiert, aber schon von mehreren Leuten mitbekommen, dass dies geht.

Des Weiteren ist es natürlich sonst für Vergünstigungen in der Spaßgesellschaft gut. So ein Eintritt im Zoo, im Europapark, im Spielewunderland oder wo auch immer, kann schon einmal den ein oder anderen Euro kosten. Hier kann man für sein Kind etwas sparen und ggf. für anfallende Kosten wie Fahrten zu speziellen Untersuchungen, Zuzahlungen bei Hilfsmitteln (hierfür ist das Ding/der Ausweis übrigens auch hilfreich, wenn man es hat) etc. zurücklegen. Hat man dann in diesem Ausweis beispielsweise noch ein H für hilflos vermerkt bekommen, gelten diese Vergünstigungen auch für eine Begleitperson.

Auch ist es einfacher, gewisse Anträge zu stellen, wie mir das SPZ mitteilte. Eine zusätzliche Kraft im Kindergarten müsste wohl über das Sozial Pädiatrische Zentrum der jeweiligen Stadt beantragt werden und mit einem entsprechenden Dokument sei dies leichter, dass das Personal auch tatsächlich bewilligt wird. Inwiefern das allerdings tatsächlich so ist, kann ich nicht beantworten, denn unser Kindergarten sieht das dankenswerter Weise als absolut nicht notwendig an. Angemeldet hatten wir Samu hier schon kurz nach seiner Geburt für die Wichtelgruppe, sprich für Kinder ab einem Jahr.

Was mein Kind aktuell sicherlich noch nicht betrifft, aber eventuell später, sind Ermäßigungen bei Bus- und Bahntickets, mehr Urlaub im Job und besserer Kündigungsschutz, Parken direkt in der Stadt, ohne lange Suche, oder auch Ermäßigungen beim Autokauf von 10-15% fast aller Autohersteller (ein Applaus für Letztere an dieser Stelle).

Ich konnte also nach intensiver Recherche keinen ersichtlichen Nachteil des Dokuments mit dem schrecklichen Namen ausmachen. Außer, dass es eben bescheuert klingt und ich das Ding aufgrund dessen schon hassen werde. Ich habe mir also vorgenommen, sofern wir es bewilligt bekommen, es ganz tief unten in Samus Ordner zu vergraben, bis ich mich damit abgefunden habe.

Ich füllte also wieder einmal das geduldige Papier aus, dachte nicht groß nach, kopierte noch die medizinischen Akten, die sich in meinem Besitz befanden, steckte alles in einen Briefumschlag und schickte es an unser zuständiges Landratsamt. Welches dies in eurem Fall ist oder über welche Behörde das generell in den jeweiligen Bundesländern zu beantragen ist, erfahrt ihr wahrscheinlich am schnellsten im Internet oder eben auch beim SPZ. Da wir mit Samu eh dort zur Physiotherapie gingen, vereinbarte ich gleich einen Beratungstermin mit einer Dame, die sich hervorragend auskannte und uns auch den gesamten Papierstabel inkl. Adresse gleich in die Hand drückte.

Beantragt im Oktober erhielten wir Bescheid Ende Januar. Ein großes Hurra geht an die Ämter, aber diesmal die other way round, wenn ihr versteht… Zumindest waren wir nun stolzer Besitzer eines grünen Dokuments, dass ohne Lichtbild gültig ist, und welches nun einmal diesen furchtbaren Namen trägt: „Schwerbehindertenausweis“. Auf der Rückseite wird der Grad der Behinderung angegeben (GdB). Wir haben 50% erhalten. Weshalb Menschen mit Diabetes und einer geheilten Krebserkrankung oft mehr zugesprochen bekommen, weiß ich zwar nicht, aber ich bin ja kein neidischer Mensch und gönne jedem, was ihm/ihr zusteht. In diesem Sinne, fühlt euch bitte ermutigt, es mir gleich zu tun und eure unguten Gefühle zu vergraben oder eben wie ich nach unten abzuheften.

Bildquelle: https://www.hamburg.de/schwerbehindertenausweis/2743942/eintragungen-schwerbehindertenausweis/