Einschätzung des Spezialisten

Als nun Herr Prof. Dr. H seinen Befund beendet hatte, entschuldigte er sich und verließ fast fluchtartig das Zimmer. Er müsse weiter zum nächsten Patienten. Und zack, weg war er. Hochgerechnet war dieser Arzt vielleicht insgesamt 5-10min im Raum. Auf die Rechnung, die mit großer Wahrscheinlichkeit wieder einige hunderte Euro beinhalten wird, bin ich gespannt…

Sei es drum, wenigstens war Herr Prof. Dr. Habenicht noch da und das war uns wichtig. Dieser Spezialist ist wirklich unglaublich einfühlsam, kompetent und lieb. Er beantwortete in aller Ruhe meine eine Million Fragen und wirkte dabei in keinster Weise gestresst oder genervt.

Ich versuche im Folgenden einmal seine Antworten wiederzugeben: Eine Ursache für die Fehlbildung zu suchen, sei in der Tat Blödsinn, denn er würde es, wie seine Kollegen, als eine Laune der Natur bezeichnen. Es gebe überhaupt keine Hinweise, dass die Fehlbildung in irgendeinem Zusammenhang mit der Genetik der Eltern stünde, da es weder bei weiteren Geschwistern, noch bei dem Nachwuchs der Kinder selbst jemals wieder auftrete. Die Symbrachydaktylie komme bei Jungen häufiger vor als bei Mädchen und tatsächlich sei dabei die rechte Hand stärker betroffen als die linke. Dennoch hätten die Kinder und Jugendlichen bei der Entwicklung keinerlei Einschränkungen. Sie fänden einfach ihre Alternativen damit umzugehen. Aufgrund dessen halte er Physio- und/oder Ergotherapie auch für nicht unbedingt erforderlich. Es sei allerdings wichtig, dass regelmäßige sportliche Betätigungen im Alltag integriert werden, damit auch der Brustmuskel nicht vernachlässigt wird. Am besten biete sich hierbei wohl das Schwimmen an. Andere Dinge wie Fahrradfahren, aufs Klettergerüst steigen oder auch sonstige körperliche Ertüchtigungen würden für Samu kein Problem darstellen, die Kinder fänden ihre Methoden, wir sollten uns überhaupt keine Sorgen machen. Natürlich könne es sein, dass unser Kleiner bei dem ein oder anderen Sport auf eine Prothese zurückgreifen wird, aber oft habe er als praktizierender Arzt erlebt, dass die meisten am besten ohne klarkämen. Mit diesen Dingen müssten wir uns sicherlich auch erst später auseinandersetzen.

Zusätzlich hatte ich noch ein paar anatomische Fragen beispielsweise, ob die Arme wirklich gleich lang sind und ob eine Wachstumsfuge angelegt ist. Dies bejahte Herr Prof. Dr. Habenicht, machte uns jedoch darauf aufmerksam, dass es manchmal sein könnte, dass der Arm nicht immer so schnell mitwachse.

Wegen der Fingerknospen bräuchte ich mir auch nicht so viele Gedanken zu machen. Es sei nur wichtig, dass diese nicht durch Haare o.ä. abgeschnürt würden. Falls diese rot anliefen, sollten wir in die Klinik. Insgesamt hätten diese rudimentären Anlagen sicherlich keine physische Funktion, wohl aber eine emotionale für die betroffenen Menschen. Deshalb würde er auch nicht empfehlen, diese aufgrund irgendwelcher Ängste vorschnell entfernen zu lassen. Wir sollten uns auch nicht wundern, falls sein betroffener Arm im Winter schnell auskühle. Das sei normal und man könnte mit Handwärmern da ganz gut entgegenwirken.  

Als Letztes interessierte mich natürlich noch, inwiefern man irgendetwas bei Samu machen kann und wie weit die operativen Möglichkeiten gediehen waren. Ich weiß nicht, ob ich ein Wunder erwartete, aber er erklärte mir natürlich, dass Handtransplantationen bei Kindern in Deutschland nicht vorgenommen würden. In Amerika, genauer gesagt in Philadelphia, ist dies Ärzten bei einem Jungen schon gelungen, das wusste auch der Arzt, aber was er mir dazu sagte, ging mir unter die Haut. „Frau L, wenn eines meiner Kinder betroffen wäre, würde ich ihm diese Operationen niemals antun, nur damit es zwei Hände hat!“. Die Nebenwirkungen und die Abstoßungsreaktionen seien viel zu unberechenbar und deshalb stünde Kosten und Nutzen in keinem Verhältnis.

Was bei Samu eventuell machbar ist, sei die sogenannte Zahntransplantation, um einen Pinzettengriff herzustellen. Er wäre zwar an der Grenze des Machbaren und genaueres müsse man auch erst nach den Röntgenbildern in 1,5-2 Jahren beurteilen (denn die Anlage der Handwurzelknochen sehe man im Säuglingsalter noch nicht), aber er denke, dass dies möglich sein könnte. Ein Restrisiko von einem Prozent bestehe natürlich, dass der eigene Körper die Gliedmaßen dennoch abstoße und dann sei alles „futsch“.

Diese Einschätzung traf mich wirklich bis ins Mark. Niemals hätte ich gedacht, dass bei Samu doch die Zehentransplantation möglich ist. Ich habe mich bereits nach der Geburt völlig von diesem Gedanken verabschiedet, da ich nicht davon ausging, dass dies überhaupt zur Debatte steht, wenn die Mittelhand fehlt. Mein Mann und ich hatten uns bereits vor Samus Ankunft darauf verständigt, dass wir keine gesunden Gliedmaßen amputieren lassen werden. Als er dann da war und Herr Dr. K und Frau Dr. E mit ihren Einschätzungen richtig lagen, war ich zwar auf der einen Seite enttäuscht, aber auch ein stückweit froh, diese Entscheidung somit nicht treffen zu müssen. Blöd, dass wir nun doch wieder Überlegungen diesbezüglich anstellen mussten.

Eigentlich sind wir uns als Familie nach wie vor einig, aber ich möchte natürlich auch nicht, dass mein Kind mir später einen Vorwurf macht, dass wir so entschieden haben, da diese Operationen ja doch ein paar kleine Vorteile mit sich bringen. Insgesamt hatte ich allerdings auch hierbei das Gefühl, dass uns Prof. Dr. Habenicht davon abriet, obwohl diese Eingriffe früher im Wilhelmsstift auf seiner Tagesordnung standen. Er betonte immer wieder, dass Samu auch so zurechtkommen werde, dass man sich als Familie 100%ig sicher sein müsse, und dass natürlich auch Risiken bestünden. Ich denke also, dass wir an unserer Entscheidung festhalten werden. Vielleicht gibt es aber betroffene Eltern, die das ganz anders sehen und uns ihre Erfahrungen mitteilen möchten. Da wären wir natürlich trotzdem sehr interessiert.

Am Ende schaute uns der Arzt noch eindringlich an und sagte einen Satz, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht und mich jedes Mal wieder zum Heulen bringt, denn er ging mir extrem unter die Haut. Er lautete: „Liebe Familie L, akzeptieren Sie Ihr Kind doch einfach so, wie es ist!“.

Erste Diagnose

Eine weitere Viertelstunde verging, bis die Ärzte den kleinen Raum betraten, in dem wir bereits Platz nehmen durften. Sie kamen zu Dritt, eine Assistenzärztin, Herr Prof. Dr. Habenicht aus Hamburg und Herr Prof. Dr. H (Leiter der Klinik). Nachdem wir ganz kurz begrüßt wurden und sich alle vorgestellt hatten, begutachteten die Herr- und Damenschaften ca. zwei Minuten unser Kind und dessen Händchen. Zusätzlich wurde noch der Brustmuskel abgetastet, um das Poland-Syndrom auszuschließen.

Danach sprach Prof. Dr. H seine Diagnose in ein Diktiergerät. Ständig unterbrach er dabei, um sich bei dem Spezialisten zu versichern, ob er die richtigen Fachbegriffe verwendet, was mich ehrlich gesagt stark irritierte. Ich will nicht arrogant klingen, aber durch mein selbst initiiertes Handfehlbildungsstudium war ich manchmal kurz davor ihn zu fragen, ob ich nicht derweil die Diagnose aufsprechen soll, während er noch einmal ein paar Lateinnachhilfestündli nimmt. Wenn man den Leiter einer Klinik für Handchirurgie vor sich hat, dachte ich eigentlich davon ausgehen zu können, dass man derartige Fehlbildungen bei Kindern schon einmal gesehen hat, wenn vielleicht auch nur in der Theorie.

Herr Prof. Dr. Habenicht erklärte mir allerdings später im Gespräch, dass es aktuell maximal 10-20 Fälle im Jahr gebe. Scheiße man, ich hätte wetten können, dass es zwischen 100-200 sind. Auch habe ich in der Ahoi e.V. Gruppe gelesen, dass lediglich eins von 1250 Kindern mit Gliedmaßenfehlbildung geboren werde. Es würde mich hierbei natürlich die Quelle interessieren, denn laut Statistischem Bundesamt kamen 2019 in Deutschland rund 770.000 Kinder zur Welt.  Das heißt, falls der Spezialist recht hat, käme ein Kind mit einer Handfehlbildung auf ca. 77.000 Geburten. Selbstverständlich sind nur zwischen 10-20 Kinder mit Handfehlbildungen gemeint, dennoch erscheint mir die Einschätzung ein Kind auf 1250 mit einer Dysmelie, egal welcher Art, sehr hoch gegriffen. Wer dazu etwas weiß, kann dies ja gern durch einen Kommentar unter dem Beitrag erläutern.

Ich für meinen Teil würde mir natürlich eine höhere Zahl an Betroffenen wünschen (bitte an der Stelle nicht falsch verstehen!!!), denn viele Menschen mit diesem Krankheitsbild bedeutet mehr Forschung, da durch sie selbstverständlich auch mehr Geld eingenommen werden kann. Mit so wenig Fallzahlen im Jahr habe ich allerdings wenig Hoffnung.

Am Ende wurde Samus Einschränkung durch Herrn Prof. Dr. H , mithilfe seines kompetenten Kollegen aus Hamburg, folgendermaßen bewertet: Symbrachydaktylie vom peromelen Typ, kein Poland-Syndrom, rudimentäre Reste der Finger, Handgelenksbeugefalte besteht, dennoch sind Handgelenksstrukturen fraglich. Ansonsten keinerlei weitere Komplikationen oder Auffälligkeiten. Besonders der letzte Satz war für uns als Familie natürlich enorm wichtig!

Langersehnter Termin in der Orthopädischen Klinik

Am 23.3. war es endlich soweit, wir hatten unseren Termin in einer orthopädischen Klinik im süddeutschen Raum, zu dem auch Herr Prof. Dr. Habenicht, als beratender Arzt, anwesend war, der lange Zeit als Leiter des Wilhelmstiftes in Hamburg fungierte. Wir erhofften uns dadurch, dass wir unserer kleinen Maus die Fahrt nach Hamburg ersparen können, um dort die Hand von Frau Dr. Hülsemann einschätzen zu lassen.

Obwohl die Zahlen im Hinblick auf Corona wieder stiegen, durften wir Samu dennoch zu Zweit zu diesem für uns wichtigen Termin begleiten. Ich hatte das im Vorfeld per E-Mail angefragt (übrigens muss man die elektronische Kommunikation mit der Klinik durchweg als positiv bewerten), da ich wusste, dass ich aufgrund meiner Emotionalität bei solchen Untersuchungen gern dazu neige, mir Sachverhalte falsch zu merken, Dinge vergesse zu fragen, oder mein Hirn einfach nicht voll und ganz aufnahmefähig ist. Aus diesen Gründen bin ich immer froh, wenn mich mein Mann bei solchen wichtigen Gesprächen begleitet.

Insgesamt erhoffte ich mir natürlich sehr viel von diesem Termin, immerhin sollte ja die Koryphäe schlechthin zugegen sein und nicht irgendwelche Wald- und Wiesenärzte, die sich mit ihren hochprofessionellen Tipps dennoch immer schwer zügeln können.

Gott sei Dank war der liebe Gott an diesem Dienstag im März gnädig mit uns und wir hatten weder einen Lockdown im Kindergarten, noch waren wir in Quarantäne oder hatten Stau – sehr erstaunlich für meine Verhältnisse (aber dazu mehr in einem bald erscheinenden Beitrag, der den Titel „Karma“ tragen wird). Na gut, ging ja auch um Samu und nicht um mich.

Nachdem wir unseren Großen in der Bespaßungsanstalt namens Kindi abgegeben hatten (angemerkt sei hierbei, dass wir einen sehr guten Kindergarten haben, der wirklich viel mit den Kids unternimmt) , machten wir uns auf zu unserem nächsten Halt, denn Jamie of Monrepos, unser weltbester adliger Hundling, musste auch noch versorgt werden. Und somit schmissen wir ihn bei seinen Kumpels für einen halben Tag im Hundelabradorparadies raus. Nach einer weiteren Dreiviertelstunde Fahrt kamen wir schließlich bei der Klinik an. Da ich ja ein Oberkontrolletti bin, hatten wir noch eine halbe Stunde Puffer. Aber mein Mann musste natürlich SOFORT ins Parkhaus fahren, was uns später noch teuer zu stehen kommen sollte… Außerdem möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass es auch Parkplätze an der Straße gegeben hätte, aber nein, ein Parkhaus ist viel sicherer, vor allem am helllichten Tag.

Wir packten also langsam unsere Sachen zusammen (und wer mit Kindern reist, weiß, dass man tunlichst genau alles beisammenhaben sollte, sonst wird einem die Hölle heiß gemacht) und liefen Richtung Klinik. Vor dieser angekommen, durfte man sich natürlich erst einmal Romane auf netten Hinweisschildchen durchlesen und schlau machen, wie es hier in Sachen Corona ablief. Ich möchte dabei anmerken, dass die Klinik hierbei sehr fortschrittlich war, denn man konnte sich bereits vor Betreten per E-Mail „einchecken“ und musste nicht die Zettel ausfüllen, die in unserem Spital jedes Mal gereicht werden. Gibt es eigentlich eine Studie dazu, wie viele Wälder Dank Corona und seiner Zettelwirtschaft abgeholzt werden? Falls nicht, wird es aber wirklich Zeit.

Drinnen angekommen wurde uns, wie wir es ja bereits gewohnt waren, die Wohlfühlatmosphäre schnell genommen, denn es fauchte uns eine Frau mittleren Alters an, dass nur eine Person zulässig sei, das stünde schließlich auch überall. Ich blieb ganz freundlich (was übrigens wirklich erstaunlich für mich war) und erklärte ihr ruhig, dass wir extra aus XY angereist seien und wir das im Vorfeld mit Frau S von der handchirurgischen Abteilung abgeklärt hätten. Da entgegnete die blöde Büchs doch, dass sie auch jeden Tag aus E anfahren müsse. Ich habe meinen Mann in unserer ganzen Beziehung selten, wirklich ganz ganz selten, aus dem Korsett hüpfen sehen, aber dies war ein Moment, wo ihm sprichwörtlich die Hutschnur riss. Die gute Frau wurde kurz mit zwei Sätzen eingenordet, sodass sie nur noch: „Ok.OK.“ stammeln konnte und mein Mann pfiff in einem Affenzahn mit dem Maxi Cosi an ihr vorbei. „Chapeau“, dachte ich mir, hätte ich jetzt besser nicht regeln können und trappelte stolz hinterher. Dass ich der dummen Pute nicht noch den Mittelfinger hochhielt, verdankte sie nur meiner guten Erziehung.

Wir fragten uns durch das endlose Labyrinth an Gängen, Abzweigungen und Aufzügen, bis wir schließlich dort landeten, wo wir hin wollten, nämlich in der Hand- und Plastischen Chirurgie. Eine Dreiviertelstunde ließ man uns in dem schönen lichtdurchfluteten Wartezimmer Platz nehmen, bevor man uns endlich aufrief. Wissen die eigentlich, dass das mit Baby in so einer Schale eine Zumutung sein kann? Ich meine, warum macht man denn eigentlich Termine in diesem Land? Und man darf mir ganz sicher glauben, dass ich persönlich auch zwei Stunden oder mehr in einem Wartebereich meinen Arsch platt sitzen würde und kein Problem damit hätte (aktuell mit zwei Kids wäre das sogar als Wellnessaufenthalt bezeichnen), aber mit einem Säugling, der noch nicht einmal drei Monate alt ist, finde ich so etwas wirklich grenzwertig. Naja egal, Samu wurde schließlich von einer Dame aufgerufen. Dabei erklang natürlich die Kriegerbezeichnung Samu Rai, nicht Rea oder Ray gesprochen. Ich kann es selbstverständlich niemanden verübeln, denn keiner weiß, dass wir den Zweitnamen englisch aussprechen, aber ich fragte mich schon, ob sich das jetzt so einbürgerte, denn ich hatte keinen Bock alle Personen immer zu korrigieren. Ich bin es schon bei meinem Großen leid, dessen Namen man ebenfalls nicht deutsch spricht, aber es so viele tun…

Vor lauter Aufregung verwarf ich diese Gedanken aber schnell, denn das eigentlich wichtige, nämlich die Untersuchung, stand ja nun unmittelbar bevor…

Interessante Erkenntnis

Am selben Tag, als ich das erste Mal im SPZ war, besuchte mich am Nachmittag eine Freundin, damit unsere großen Jungs zusammen spielen konnten. Ich berichtete ihr von meinen Erfahrungen, die ich am Morgen in der Klinik gemacht hatte. Danach erzählte sie mir, dass sie neulich einen Bekannten wieder getroffen hat. Der siebzehnjährige Junge, namens Luca, sei selbst betroffen und hätte ihr quasi einen kurzen Erfahrungsbericht gegeben, wie es ihm bis jetzt mit nur einer Hand im Leben ergangen sei. Dabei gebe es wohl nichts, was er nicht könne, er mache es halt nur auf seine Art. Auch mit komischen Reaktionen in seinem Umfeld habe er nicht oft umgehen müssen. Insgesamt sei sein Leben ziemlich normal verlaufen. Auch eine Freundin habe er aktuell.

„Klar,“, dachte ich mir, „dies ist eine wundervolle Geschichte, die ich mir genauso wünschen würde für mein Kind, aber ohne persönlichen Bezug klingt alles immer so unwirklich!“.

Doch dann erzählte mir meine Freundin etwas, was mich vom Hocker riss. „Ist dir eigentlich jemals etwas bei meinem Mann aufgefallen?“, fragte sie. „Nö. Was soll mir denn aufgefallen sein?“, entgegnete ich. „Er hat auch nur 2 Finger an einer Hand!“.

Also mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht mit dieser interessanten Information am Nachmittag. Die beiden lernten wir durch meinen großen Sohn kennen, da die beiden Buben zusammen in den Kindergarten gehen. Seit einem halben Jahr haben wir nunmehr Kontakt und ich würde behaupten, ihrem Mann dabei mindestens alle zwei Wochen zu begegnen. Bis heute ist mir dies nie aufgefallen. In einem Gespräch erfuhr ich, dass dies durch einen Arbeitsunfall mit 20 Jahren zustande kam und sie ihn bereits so kennenlernte.

Nicht die Geschichte mit Luca gab mir unglaublich Hoffnung auf ein völlig normales Leben für Samu, sondern die der beiden. Zum einen lernten sich zwei Menschen kennen und lieben, obwohl eine Einschränkung vorlag und zweitens habe ich diese in einem halben Jahr noch nicht einmal bemerkt. Dies beweist doch, dass es völlig wurscht ist, was jemand ggf. für Handicaps hat, wenn der Mensch sympathisch und liebenswert ist.

Am Abend erhielt ich dann noch das Beweisfoto. Vielen lieben Dank für die Aufklärung und damit für die unglaublich wichtige Erkenntnis meinerseits. Denn auch meine Freundin sagte damals in der Schwangerschaft immer: „Ist doch nur die Hand!“. Heute weiß ich, dass dies nicht nur eine Floskel war.

Termin im SPZ Nr.1

Im März stand nun unser erster vielversprechender Termin im SPZ unserer Stadt an; so zumindest die Hoffnung. Ich dachte Aufschluss darüber zu erlangen, ob für mein Kind die Beantragung eines Pflegegrades sowie ein Behindertenausweis überhaupt Sinn machen, bzw. ab welchem Alter dies empfehlenswert ist. Ebenso wollte ich Informationen darüber erhalten, wie sich das mit Physio- und Ergotherapie verhält.

Mein Morgen am 19.03. begann allerdings schon nicht so erquickend. Da mein Mann Frühschicht hatte und somit bereits um 4:15 Uhr das Haus verließ, blieb das Gassi gehen mit unserem Hund inklusive Kleinkind bei Regen an mir hängen. Meinen Großen nahm netterweise eine Freundin mit in die Kita, damit wenigstens dieser zusätzliche Stress bei einem wichtigen anstehenden 9:00 Uhr Termin entfiel. Abgehetzt saß ich nun bereits angezogen, aber stillend, 8:25 Uhr auf der Couch, um brav 8:40 Uhr das Haus verlassen und zur Klinik fahren zu können (eins ist dabei sicher: ich habe nicht viele Talente, aber organisieren, strukturieren, planen und Termine verwalten, das kann ich!!!), als plötzlich das Telefon klingelte. „Frau L., sind Sie schon im Haus?“, quäkte es ins Telefon. „Ähm, nein, aber gleich. Ich habe ja aber auch erst 9 Uhr einen Termin.“, antwortete ich. „NEIN! 8:30 Uhr!“, entgegnete die Dame am Telefon. Ich dachte, dass es nun mit mir zu Ende geht, Dank Stilldemenz, holte aber zur Überprüfung meinen Timer. Dort war jedoch ganz klar die Uhrzeit: 9 UHR vermerkt. Nach gefühlter Ping-Pong-Schleife am Telefon, wer jetzt Recht hätte, bat ich die freundliche Frau um eine Lösung. „Na dann kommen Sie halt noch. Kann dann halt sein, dass man weniger Zeit für Sie hat.“, bekam ich auf die Ohren. Naja, ich will nicht überheblich sein, aber dass man sich für Privatpatienten weniger Zeit nimmt, ist mir irgendwie noch nie passiert, denn die sollen ja gern wiederkommen.

Also zog ich nun meinem Kind die Brustwarze weg, packte es hastig in den Maxi Cosi und fuhr mit erhöhter Geschwindigkeit stinksauer zur Klinik. Bei Madame B, mit der ich telefoniert hatte, meldete ich mich an und führte noch einmal eine ähnliche Diskussion mit ihr wie bereits 15min zuvor. Mit dem Ausgang, dass sie mir verklickern wollte, dass Sie am Empfang die Termine telefonisch vergebe und Irrtum ihrerseits ausgeschlossen sei. Aha, ein Wunder an Mensch also…

Sei es drum, ich schluckte meinen Ärger runter und begab mich ins Wartezimmer, aus dem mich bereits 5min später Frau Dr. K, eine nette und freundliche, etwas ältere Kinderärztin abholte. Wir führten zu Beginn ein kurzes Gespräch, warum ich mich ans SPZ gewandt habe. Ich erläuterte ihr, dass ich mir weniger die Aufklärung von medizinischen Fragen erhoffte, sondern vielmehr, wie es mit Samu und den Therapien weitergehen kann. Ebenso, wie es sich mit Anträgen verhält (wie bereits oben dargelegt).

Zunächst wurde unsere Maus eingehend untersucht. Dabei wurde nichts anderes festgestellt, als bei den anderen Kinderärzten auch – keine Hand, aber sonst fit und gesund. Ein wenig zittrig vielleicht, aber das ist Samu immer, wenn er sich aufregt oder ihm kalt ist. Danach fertigte Dr. K einen Familienstammbaum an und befragte mich zu unseren Familienmitgliedern sowie deren Erkrankungen – ähnliches haben wir ja bereits im Genetikum erstellen lassen. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte sich die Ärztin hier die Zeit sparen können, denn das war ja bereits zu Papier gebracht worden und mitbringbar… Naja, nun galt es halt alles noch einmal zu berichten. Auch mit Frau Dr. T, die Handchirurgin, die Samu bereits untersucht habe, hätte sie in Vorbereitung auf unser Gespräch Kontakt aufgenommen. Diese ließ wohl ausrichten, dass sie mit Frau Dr. Hülsemann aus HH Kontakt aufgenommen habe und diese ihr mitteilte, dass wir Samu mit 1,5 Jahren, vorzugsweise an einem Donnerstag, vorstellen sollten. Warum dies ausgerechnet nur an einem Donnerstag gehen solle, ist mir zwar nicht klar, aber gut. Vielleicht kann uns das ja in M. (kleines Städtchen im Süden Deutschlands) erklärt werden, dort haben wir nämlich einen Termin erhalten, zu dem auch der Spezialist aus HH, Herr Dr. Prof. Habenicht anwesend sein wird.

Nach der Abklärung der medizinischen Fragen war nun Zeit für meine. Leider hieß es im Hinblick auf Physiotherapie und Anträgen nur, dass dies nur umfassend von den Spezialisten im Haus beantwortet werden könne. Frau Dr. K würde meine Anliegen weiterleiten und man trete dann wieder telefonisch mit mir in Kontakt. Super… Ehrlich gesagt hatte ich mir Aufklärung in allen Bereichen mit einem einzigen Termin erhofft. Immer wieder in die Seuchenhölle Krankenhaus zu fahren in Zeiten von Corona fand ich ehrlich gesagt nicht so prickelnd. Deshalb war der erste Termin insgesamt etwas ernüchternd, denn die medizinische Untersuchung hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht. Klar, wenn Samu dort therapiert werden kann, bis er 18 Jahre alt ist, worauf man wohl bis dahin Anspruch hat, dann natürlich schon, aber auch dann wäre mir ein Gesamttermin mit einem Physiotherapeuten und dem Sozialdienst lieber gewesen. So heißt es: Fortsetzung folgt…

Anmerkung zum Beitragsbild: Das hier verwendete Bild entstammt der folgenden Internetseite (https://www.caritas-region-trier.de/hilfe-und-beratung/lebensphasen/kinder/sozialpaediatrisches-zentrum/sozialpaediatrisches-zentrum). Ich möchte darauf hinweisen, dass unser SPZ nicht das in Trier ist.

Beurteilung von Frau Dr. T

Nachdem ich mich quasi am Sonntag selbst entlassen hatte, da ich es auf der Wöchnerinnenstation mit den ganzen Gänsen von Pflegeschwestern nicht mehr aushielt, marschierte ich am Dienstag natürlich wieder in die Klinik, damit Frau Dr. T nun die Hand unseres Sohnes beurteilen konnte. Ich erwartete ehrlich gesagt schon eine Wartezeit von ca. zwei Stunden, wie es eben bei uns Erwachsenen üblich ist, wenn wir zu einer Spezialuntersuchung müssen. Man ließ bei einem kleinen Mickimaussäugling allerdings Gnade walten und nachdem wir uns angemeldet hatten, wurden wir eigentlich schon ins Behandlungszimmer gebeten.

Frau Dr. T war zunächst sehr überrascht gewesen, dass sie mich am Montag nicht mehr auffinden konnte, da mir doch eigentlich mitgeteilt worden sein müsste, dass sie komme. Ähm nein, wie so üblich, war das eben überhaupt nicht klar gewesen und ich wollte keine Nacht länger im Krankenhaus verweilen. Nun gut, zumindest nahm es mir die Ärztin nicht krumm.

Sie betrachtete nun ca. 2min Minuten meinen Samu, der voll eingepackt in seinem Maxi Cosi zu verschwinden schien. Da er auch alles äußerst spannend fand, heulte er nicht. Dies war vor Beginn meines Termins nämlich meine große Angst, dass mein Herzblatt zwei Stunden lang die Patienten und das Personal mit seinem schrillen Pfeifen in Schach halten würde und meine Nervenzellen noch mehr absterben. Aber nein, er war wirklich äußerst brav und nahm auch die Untersuchung geduldig hin.

Die Ärztin und ihre Assistentin waren hierbei wirklich äußerst umsichtig und lieb, denn ich war mal wieder den Tränen mehr als nahe. Ich konnte einfach mit der Situation, dass meinem Kind die rechte Hand fehlt noch überhaupt nicht umgehen und es zerriss mir das Herz. Auch jede weitere Begutachtung und das damit zusammenhängende drüber reden, zermürbte mich. Natürlich wusste ich, dass ich die Tatsachen irgendwann akzeptieren und meinem Schatz ja auch ein positives und unterstützendes Vorbild sein muss, aber aktuell war es halt nicht so weit und es machte mich fertig.

Nach der Untersuchung und der Begutachtung der Hand erfuhr ich nicht viel Neues. Sein linkes Patschehändchen war völlig normal ausgebildet; wie man auch sehen konnte. Bei seiner Rechten fehlen alle Finger. Diese sind lediglich als Fingerknospen angelegt. Eine Mittelhand ist in den Aufnahmen leider auch überhaupt nicht erkennbar und somit mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vorhanden. Ob es Handwurzelknochen gebe, könne man noch nicht genau sagen. Das sei erst in einem Alter um die 1,5/2 Jahr abschließend beurteilbar. Es sehe aber zumindest so aus, als hätte Samu die Wachstumsfuge, was bedeutet, dass seine Arme gleich lang sein würden – eine sehr wichtige und erleichternde Information für mich. Sollte dies doch nicht der Fall sein, könne man über eine Knochenverlängerung nachdenken. Das klang natürlich wieder ganz gruselig für mich.

Frau Dr.T riet mir, Samu ca. mit einem Jahr in Hamburg vorzustellen. Physio und Ergo fände sie richtig. Eine Prothese würde sie eher nicht empfehlen, die Kinder kämen so gut klar. Samu werde alles mit links machen (und 40 Fieber haha), ich solle mir nicht so viele Sorgen machen. Er wird sein Leben schon gut meistern. Und mal wieder schossen mir die Tränen in die Augen.

Begutachtung der Hand Numero uno

Nachdem ich in den letzten Beiträgen geschildert habe, wie sich die Anfangszeit mit unserem kleinen Sonnenschein gestaltet hat, möchte ich in den folgenden Beiträgen schildern, welche medizinischen Erkenntnisse bei unserem Jungen gezogen wurden.

Die erste Untersuchung fand bereits relativ früh statt, nämlich noch im Krankenhaus. In der letzten Nacht, bevor man uns entließ, mussten unbedingt noch Röntgenaufnahmen für die anstehende Begutachtung bei Frau Dr. T gemacht werden. Die Ärztin war mir bereits bekannt, da sie zu einem Schwangerschaftsvorsorgetermin erschien, den ich mit Frau Dr. E in der Klinik beging. Damals wurde mir ja noch ein voll funktionsfähiger Daumen in Aussicht gestellt, der dann leider auf wundersame Weise verschwand. Im Nachhinein war der kleine Samu schon ein wenig wie ein Überraschungsei. Man weiß eben erst 100%ig, was heraus kommt, wenn man die Kugel öffnet.

Die Röntgenuntersuchung war auf jeden Fall ebenso spektakulär wie die vielen anderen Ereignisse, die ich in meiner Klinik des Vertrauens erlebte. Ich meine es war 22 Uhr, als ich mit meinem Babybett endlich zum Fahrstuhl rollen durfte (Corona war die Ausrede für alles). Allein versteht sich, denn das Nachtpersonal ist leider überall rar. Also schleppte ich mich mit fetter Kaiserschnittnarbe und einem schlafenden Kind, dem das Ganze gleich gar nicht schmecken würde, ein paar Etagen nach unten. Dort angekommen war ich auch erst einmal wieder lost in space. Ich kam mir ein wenig vor wie in der Horrorserie The Walking Dead, denn das Licht flackerte und ich war verwundet, spärlich bekleidet und völlig hilflos in einem Krankenhaus, das scheinbar kein Personal mehr zu haben schien.

Ein netter junger Mann mit russischem Akzent trat aus irgendeinem Raum heraus und befreite mich aus meiner langsam aufsteigenden Panikattacke. „Frau Lorenz, Sie kommen zum Röntgen?“. „Ich nicht, aber der Zwerg hier. Mit mir wäre es sicher einfacher“, entgegnete ich. „Das bekommen wir schon hin“, meinte Herr XY (er stellte sich mir leider nicht vor) ruhig. Dass er sich dabei ziemlich verschätzt hatte, gestand er sich hoffentlich später auch ein, denn eine Babyhand zu röntgen, ist glaub‘ wie eine Expedition zum Mars zu planen, schier unmöglich.

Gefühlt eine Million Mal versuchte der nette Assistenzröntgenmeister mir zu erklären, dass die Hand (also die gesunde) auch ausgestreckt werden müsste und gefühlt eine Million Mal versuchte ich ihm zu erklären, dass dies mit so kleinen Neugeborenenpatschehändchen fast unmöglich ist. Wer sich mit Babys auskennt, weiß eigentlich, dass diese fast immer ihre Finger zusammenkrümmen. Gut, wird nicht allzu oft vorkommen, dass da unten Besuch U1 vorbeischneit, aber ein bisschen Fachkenntnis wäre dennoch wünschenswert. Naja, egal, Herr XY war wenigstens sehr freundlich und extrem geduldig. Weshalb allerdings beide Hände geröntgt werden mussten, erschloss sich mir überhaupt nicht; dem leitenden Kinderarzt der Klinik am nächsten Morgen im Übrigen auch nicht. Aber als Frischlingsmama eines Kindes mit Besonderheit tut man ja brav, wie einem geheißen. Der ganze Spaß dauerte letztendlich 1,5h und wir waren die einzigen Gäste im Erdgeschoss. Es war ein riesen Act, die beiden Händchen so in Position zu bringen, dass die Bilder erstellt werden konnten. Dass ich mich dabei weigerte, meinem Samu Klebeband anbringen zu lassen, machte die Situation zwar nicht besser, aber kann sicherlich von allen Lesern nachvollzogen werden. Am Ende waren die Bilder für Frau Dr. T im Kasten und ich fix und fertig. Nun war ich aber gespannt wie ein Flitzebogen auf ihre Beurteilung…  

Die Nachtschichten bringen mich um

Im Hinblick auf meine heutige Überschrift vermuten wahrscheinlich alle Leserinnen und Leser, dass Samu uns nachts kaum schlafen lässt. Nein, mein Kind ist seit dem 3.Lebensmonat tatsächlich nicht mehr das Problem. Alle 10 Tage steigt mein Puls gefühlt auf 200, denn immer dann heißt es die 2 Nachtschichten meines Mannes irgendwie überleben. Ich weiß nicht, wer von euch da draußen eine ähnliche Situation hat und diese gut meistert… Sollte sich auf jeden Fall jemand hinsichtlich meiner folgenden Schilderungen wiedererkennen, so bitte melde dich, denn ich bin für jeden Ratschlag dankbar.

Als wir unser felliges Familienmitglied kauften, war die Freude groß, der Weitblick leider nicht. Für mich war sonnenklar, dass ein Hund und ein Baby kein Problem darstellen werden. Ja, EINS ist in der Tat auch kein Problem. Mit zwei Kindern und einem Mann, der sich des Nächtens rarmacht, sieht das allerdings wieder ganz anders aus…

So heißt es bereits 16:15 Uhr: „Ade, ihr Lieben, bis morgen früh!“. „Ja, viel Spaß auf der Wellnessfarm!“, rufe ich meinem Mann dann oft hinterher. Denn während er sich mit Kollegen über Kapitalanlagen, Einreisebestimmungen oder den neusten Klatsch und Tratsch in den verschiedenen Dienstgruppen austauscht, heißt es hier daheim: AIR LO FLIEGT WIEDER. Und das meine ich keinesfalls ironisch, sondern leider bitterernst.

Bekommt es irgendjemand da draußen gebacken, mit einem Hund am Abend Gassi zu laufen und zwei Kleinkinder zur selben Zeit zum Einschlafen zu bringen, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein oder das Tablet laufen zu lassen? Wenn ja, dann kann ich nur noch einmal an DICH appellieren: BITTE MELDE DICH (klingt im Übrigen wie die Vermissten-Sendung im Trash-TV, aber egal, ich bin echt verzweifelt).

Ich muss dazu sagen, dass ich gerade in den ersten Wochen nach der Elternzeit meines Mannes auf die Hilfe meiner Eltern oder der meiner Schwiegerleute zurückgreifen konnte. Besonders zuletzt Genannte helfen auch heutzutage noch oft aus, wenn sie denn auch darüber informiert werden, dass sie dies bitte tun sollen. Mein Gatte ist Meister darin, Dinge zu organisieren, zu erfragen oder zu kommunizieren…NICHT! Und ich bin nun mal niemand, der andere gern um Hilfe bittet und ihnen ständig auf den Senkel geht. Jedes Mal aufs Neue flehe ich darum, Absprachen zu treffen, damit ich etwas entlastet werde und zwar einen Monat im Voraus, da meine Schwiegereltern auch noch berufstätig sind und jedes Mal grüßt das Murmeltier und ich erfahre 15 Uhr, dass ich mal wieder auf mich allein gestellt bin – Danke, Ehemann!

Nun habe ich schon die verschiedensten Ratschläge erhalten, aber irgendwie kann ich mit keiner Lösung so richtig leben. Vorschlag 1: Lass deinen Hund abends nur in den Garten. Abgelehnt weil: Jamie ist es gewohnt, nicht in sein Revier zu k… Ich muss ihn ja schon immer bei Durchfall beknien, dass er doch nun bitte auf 500qm mal sch… geht. Vorschlag 2: Telefoniere mit dem Babyphone und gehe Gassi. Abgelehnt weil: Zum einen schlafen die Kids in unterschiedlichen Räumen. Zum anderen vertraue ich weder der Technik noch darauf, dass meine Kinder nicht aufwachen und deshalb traue ich mich selbst keine 10min um den Block. Vorschlag 3: Nimm die Kinder mit auf die Hunderunden. Abgelehnt weil: Erstens ist es mit den drei Jungs echt spannend zu laufen und damit ist ebenso eine Achterbahnfahrt meines Pulsschlages garantiert und zweitens macht dies auch nur Sinn im Sommer, denn mit allen bei Kälte und Dunkelheit durch unseren Wald laufen ist irgendwie nicht so erquickend. Vorschlag 4: Bessere Abstimmung und Hilfe annehmen. Abgelehnt weil: Schon hundert Mal versucht, aber da muss der Ehegatte mitspielen und endlich etwas hinsichtlich seiner Kommunikationsfähigkeiten verbessern. Vorschlag 5: Mann austauschen 😉 (Spaß)! Abgelehnt, weil: auch keine Option. You see: It’s very COMPLICATED! (Einen Hundesitter bekommt man hier übrigens auch nicht so ohne Weiteres).

Und während ich so tippe, fliege ich wieder von Zimmer zu Zimmer. Kandidat 1 hat den Schneller verloren, kurze Zeit später hat Kandidat 2 schlecht geträumt, später sicherlich auch noch Durst. So geht das die ganze Nacht. Froh bin ich schon immer, wenn dann der Fellige nicht noch Magen-Darm hat und in einer 20-minütigen Fürsprache davon überzeugt werden muss, irgendwann einmal im Garten etwas zu verrichten, bevor er platzt. Aber ratet… Genau! Natürlich passiert dies ausschließlich in den Nachtschichten meines Mannes. Und nachdem ich dann mal wieder 2min in der Nacht geschlafen habe, weil meine Lauscher ständig auf Empfang sind, kommt mein Schnatz heim und ratet… Jep, er muss erstmal schlafen. Unterstützt wird das von ALLEN, denn der arme Bub hatte schließlich Nachtschicht. Nach den Nachtwachen, die wir Mamas ständig hinter uns bringen, fragt dabei natürlich keiner…

Oh du schöne Elternzeit

Bereits als Erstgebärende war die Elternzeit bei uns ein ganz großes Thema. Da ich ja eigentlich laut Ärzten nicht so einfach schwanger werden konnte, freute ich mich, dass es geklappt hatte und ich nach dreijähriger Abstinenz an meine Refischule zurückkehren konnte. Alles war ganz wunderbar vorbereitet und mit meinem Schulleiter so ausgetüfftelt und abgesprochen, dass das RP ja sagen musste. Ja, bis ich im Februar wusste, dass ich schwanger bin und mein Mutterschutz natürlich, wie soll es anders sein bei mir, pünktlich zu den Sommerferien beginnen würde und ich im September bereits Mama sein werde. Dies hieß für mich: Aus der Traum? Denn eins war klar, sollte ich nicht nach der Mutterschutzfrist zurückkehren, würde die Stelle anders besetzt werden.

Nach langen Überlegungen zuhause, bot sich mein Mann an, die Elternzeit zu übernehmen. Allein deswegen behaupte ich, dass ich den weltbesten Schnatz habe, denn wie viele Männer der draußen würden das machen? Also ich meine mehr als die hierzulande üblichen zwei Monate, in denen die Frau ja meist gleichzeitig zuhause ist. Richtig! Fast niemand. Ich kenne in meinem Freundeskreis nur noch ein einziges Pärchen, die das ähnlich hielten, wie wir und wo der Papa ein halbes Jahr mit dem kleinen Spatz seine Freude hatte. Ja, warum denn auch nicht? Denn ich bin da schon Emanze genug zu sagen, dass MANN beim Kinderkriegen nicht nur seinen Spaß haben kann. Wir haben zwar auch Spaß, zumindest hoffe ich das für alle da draußen, aber dann hat man den Salat über den ich ja nun bereits ausführlich berichtete. Also warum sollten die Väter nicht auch ein bisschen in die Pflicht genommen werden bzw. einen prägenden Teil in der Kindererziehung übernehmen?

Ich habe dahingehend mal ein wenig recherchiert und war sehr überrascht, dass in Japan und Korea die Männer ebenfalls 52 oder 53 Wochen in Elternzeit sind, sprich ein ganzes Jahr!!! In Europa sind wohl Frankreich und Portugal Spitzenreiter (28/22 Wochen) und danach folgen viele Länder mit den üblichen zwei Monaten. Mich überraschte auch zu lesen, dass die türkischen Männer im Durchschnitt wohl wenigsten zwei Wochen zuhause bleiben, während in der USA und in der Schweiz kein einziger Tag Vaterschaftsurlaub genommen wird – verrückt!

Wir für unseren Teil können auf jeden Fall sagen, dass man dadurch unglaublich was verpasst. Vor allem ist die Zeit zu Zweit bzw. Dritt oder Viert so unendlich wertvoll. Mir hat der liebe Gott, das Universum oder wer auch immer, bei meinem Großen die Zeit in Form von Corona zurückgegeben und dafür bin ich unendlich dankbar. Denn ja, es war schon extrem hart, nach acht Wochen wieder voll in den Beruf einzusteigen, auch wenn man i.d.R. mittags daheim ist, Feierabend hat man deswegen noch lang nicht (auch wenn das Volk da draußen immer davon ausgeht). Zumindest konnte ich meinen Großen dann ins Tragetuch nehmen oder ins Bettchen neben mich legen – war viel wert. Aber die Zeit verfliegt so schnell und deswegen habe ich den Lockdown sowas von dermaßen genossen. Es war Zeit mit meinem Kind, wertvolle Zeit. Während viele schimpften, und ja es hat auch mich starke Nerven gekostet, vor allem, als ich wieder schwanger war, dennoch war es ein Geschenk.

Dieses Geschenk habe ich mir bei meinem zweiten Schatz nicht nehmen lassen und es war völlig klar, dass ich daheim bleiben würde. Dennoch hat ja auch das Ehemännchen Anspruch auf zwei Monate nach dem Elterngeldanspruch 12+2. Also war die große Preisfrage, wie wir die verteilen. Meine Kollegin aus der Schule riet mir davon ab, den ersten Monat gemeinsam zu starten, da die Häsle ja viel schliefen und der Mann eigentlich eh nichts tun könne. Wir haben uns Gott sei Dank dennoch dafür entschieden, den ersten Monat gemeinsam zu verbringen und das aus verschiedenen Gründen.

Zum einen ist Samu ein Winterkind. Das bedeutete, die Zahlen waren mal wieder extrem hoch im Landkreis und die Kindergärten dicht. Nun weiß glaub jede Mehrfachmama, was es bedeutet, wenn man ein Kind stillen will, während der Zweijährige ungelogen nur Scheiße baut und man gerade noch verhindern kann, dass die Rolle vorwärts nicht unbedingt im OG am Treppengeländer ins EG erfolgt. Zum anderen wusste ich auch dieses Mal nicht, ob mir ein Kaiserschnitt bevorstand oder nicht. Wie ich ja bereits geschildert habe, war eine Spontangeburt geplant, aber leider wurde nichts daraus. So und dann steht man genauso da, denn jeder Arzt warnt vor zu schwerem Heben. Und wir reden hier weder von Gewichtheben noch anderen Aktivitäten, sondern es sind ganz profane Dinge wie eine Einkaufstüte schleppen, verboten. Sehr witzig natürlich, wenn man ein weiteres Kleinkind hat, um nicht zu sagen ausgeschlossen. Aber es hilft natürlich unglaublich, wenn man erst einmal eine helfende Hand hat und deswegen bin ich sehr froh, dass mein Mann den ersten Monat mit mir und dem kleinen Schatz verbracht hat. Des Weiteren war es auch für die ganze besch… Bürokratie unglaublich hilfreich, denn die muss ja auch in den ersten Wochen erledigt werden. Das schönste an der Elternzeit mit Samu war jedoch, dass wir alle Vier (Fünf inkl. Felligem) die Anfangszeit genießen konnten und als Familie zusammen waren. Wir haben oft einfach nur zusammen im Bett gelegen und alle gekuschelt. Das war eine Zeit, die ich nie vergessen werde, weil ich sie als so unglaublich wertvoll empfunden habe. Gott sei Dank haben wir den zweiten Monat meines Mannes in die Zeit zwischen Weihnachten und Samus ersten Geburtstag gelegt und wieder freue ich mich wie ein kleines Kind auf die gemeinsame Zeit. Ich werde berichten…

Was Babys so niedlich macht und alles vergessen lässt

Nun sollte man ja eigentlich bei meinen bisherigen Schilderungen davon ausgehen, dass bereits ein Kind einen an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt, denn wir erinnern uns an die Beiträge zum Thema schreien, stillen und schlafen. Spätestens nachdem man die AGB’s beim ersten Kind nicht gelesen hat, dürfte es unmöglich erscheinen, sich noch eins anzutun. Warum macht man das als Eltern oder vielmehr als Frau? Und welche Mutter hierbei behauptet, sie hätte noch nie für wenigstens eine Millisekunde das Gefühl gehabt, sich oder das kleine Monster aus dem Fenster zu schmeißen, die lügt schlicht und ergreifend.

Man wird ja aber nicht nur seelisch auf eine harte Probe gestellt, sondern auch körperlich. Während ich 2008 noch Konfektionsgröße 36 trug, 62kg wog und mit mir und der Welt ziemlich zufrieden war, möchte ich aktuell nach zwei Kindern nicht unbedingt über meine körperliche Verfassung sprechen. Auch das Thema Sport ist so ne Sache für sich. Die ersten acht Wochen geht sowieso nichts nach dem Kaiserschnitt, bei dem leider keine Bauchstraffung vorgenommen wurde, auch auf dringenden Wunsch hin nicht. Vielleicht hätte ich tiefer in die Tasche greifen sollen… Naja, also bleibt man das erste Vierteljahr sowieso fett, es sei denn man verliert Unmengen Kilos beim Stillen. Aber nein, ich gehöre natürlich nicht zu dieser Kategorie Mütter. Ich bin eher diejenige, bei der exakt ein Jahr nach der Entbindung gar nichts geht und damit meine ich wirklich gar nichts. War schon nach dem Ersten so. Sämtliche Ärzte versuchten die Ursache zu finden: Schilddrüse, Hormonstörung, Diabetis Typ I etc. pp – nach exakt 12 Monaten nahm ich plötzlich wieder super ab, aber dann zeigte der Test schon das nächste Vögelchen an. Und zack, wieder fett oder noch fetter. Ziel war es nur, niemals dreistellig zu werden.

Es dürfte also nun mehr als deutlich geworden sein, dass die süßen Mäuse nicht nur Segen ins Haus bringen, also für uns Mütter zumindest. Die Frage bleibt also: Wieso bekommen viele ein zweites oder drittes Häsle? Ich versuche es zunächst einmal mit dem sogenannten Kindchenschema zu erklären…

Rein wissenschaftlich gesehen gibt es dazu Folgendes zu wissen (ich zitiere, bevor ich mir den Finger wund tippe): „Das Kindchenschema bezeichnet die bei Menschen und bei vielen höheren Tierarten vorkommenden kindlichen Proportionen, die als Schlüsselreiz wirken und Fürsorgeverhalten und Kümmerungsverhalten auslösen, wodurch gerade im Tierreich gewährleistet ist, dass sich die Eltern um ihre Jungen kümmern, sie beschützen und großziehen. Die Evolution der höheren Arten verlangte bei der lange dauernden Großzucht zur Selbständigkeit einen Mechanismus, um die Eltern an das Kind zu binden. 1943 postulierte Konrad Lorenz den Begriff Kindchenschema als Bezeichnung eines Merkmalaggregats des Kleinkindergesichts. Zu diesen Merkmalen zählt ein großer Kopf, eine große Stirnregion und damit einhergehend eine relativ weit unten liegende Platzierung der Gesichtsmerkmale. Darüber hinaus zählen große, runde Augen, eine kleine Nase, ein kleines Kinn, rundliche Wangen und eine elastische, weiche Haut zu den Charakteristika. Der kindliche Kopf ist im Vergleich zum Körper größer als beim Erwachsenen, und die Gliedmaßen (Arme, Beine, Finger) sind kürzer. Evolutionsbiologisch betrachtet bedeutet dieses Aussehen für Kinder einen Vorteil. Die Eltern erkennen durch diese Merkmale die Schwäche und Hilfsbedürftigkeit des Heranwachsenden und werden dadurch zu Schutz- und Pflegeverhalten animiert. Dass dies funktioniert, wies Thomas Alley 1983 nach: Erwachsene verhalten sich gegenüber kindchenschemagerechten Merkmalen stärker schützend, fürsorglicher und weniger aggressiv, als sie sich gegenüber Merkmalen älterer Individuen verhalten. [Dass dies einwandfrei funktioniert, beweist das Beitragsfoto meiner Freundin Jacky – auch bei ihr wird ein Knuddel- und Liebhabreiz ausgelöst, was gegenüber Erwachsenen keinesfalls oft der Fall ist hihi] Das Gegenstück zum Kindchenschema – die erwachsenen Proportionen, insbesondere Gesichtsproportionen – wird als das Mutterschema bezeichnet, das bei Kleinkindern Vertrauen und Klammern auslöst.“ (zitiert nach: https://www.biologie-seite.de/Biologie/Kindchenschema).

Soviel zur Theorie. Aber es ist wirklich so, und man kann es sich als Nichteltern keinesfalls ausmalen, man sieht seine kleine Schnullerbacke mit diesen riesigen Kulleraugen an und fühlt sich wie im siebten Himmel. Zusätzlich sind die kleine Wurschtgewitter unglaublich niedlich, wenn sie versuchen, einen nachzuahmen, quietschende Geräusche von sich geben (natürlich sind hierbei eher die freudigen gemeint) oder einfach nur, scheinbar grundlos, laut loslachen. Außerdem sind Babys noch so unverbraucht und freuen sich über Kleinigkeiten wie einen Quirl, einen bunten Textmarker oder ein Geschirrtuch. Selbstverständlich ist auch alles toll, was knistert oder Geräusche von sich gibt, aber glaubt mir, dabei muss es sich nicht zwangsläufig um Spielzeug aus der Hölle handeln. In der Regel sind die kleinen Mäuse also ganz einfach zu befrieden: Windel frisch, genug gefuttert, keinen Furz quer sitzen haben und immer wieder was Neues aus der Umgebung erkunden lassen und zack: glückliches Baby. Und dieses Lächeln ist wirklich unbezahlbar. Hinzukommt, dass die kleinen Racker unglaublich gut riechen. Klar, manchmal sind Milchreste im Hals oder Käsefüße nicht so die Dinge, die man mit guten Gerüchen in Verbindung bringt, aber die Pupser schaffen es, dass man dennoch nahezu stündlich an ihnen schnüffeln will, weil sie unglaublich lecker nach Baby riechen. Zu guter Letzt sind die Ministinkis ja auch einfach nur eine Mickymousekopie von einem selbst, zumindest zu 50% und deshalb liegt es glaube ich in unserer Natur, dass man sie zum Fressen gern hat. Ich liebe meinen Samu auf jeden Fall aus tiefsten Herzen, völlig bedingungslos und auch trotz der ganzen Nebenwirkungen, die ein Kleinkind halt so mit sich bringt. Für seinen Bruder gilt selbstverständlich selbiges und auch fürs Ehemännchen, obwohl sich der wenigstens Gott sei Dank den Popo schon selbst putzen kann (Spaß). Meinen Schnatz liebe ich auch ganz besonders dolle, denn er ist immer mein Seelentröster und mein Fels in der Brandung, wenn ich mal wieder durchdrehe oder verzweifle. Lieb you am matchigsten!