Erfahrungen und Feedback rund um meine schriftstellerische Tätigkeit

Ich muss gestehen, dass es schon einiges an Überwindung gekostet hat, hier mein Inneres nach außen zu kehren und die Beiträge, die ich erstmal eigentlich nur geschrieben hatte, um mich zu heilen, zu veröffentlichen. Ich tat es ja letztendlich doch. Weshalb habe ich euch in den vorangegangenen Artikeln bereits geschildert.

Bevor ich euch berichte, welche Erfahrungen ich nun mit meinem Blog gemacht habe, der sich eben nicht auf ein Publikum konzentriert, welches jeden Tag höher, schneller, weiter fliegen will und dabei mit durchgestyltem Outfit und einem makellosen Körper jeden versucht von sich zu überzeugen, um eine Million Leser zu ködern und dabei eine Trilliarde Euronen zu verdienen, möchte ich euch kurz von einem Gespräch berichten.

Es muss letztes Jahr irgendwann im Sommer gewesen sein, als mir eine Freundin erzählte, dass wiederum eine Freundin von ihr mein Schicksal teile. Das bedeutet, dass ihre Tochter ebenfalls betroffen ist. Sie hätte ihr wohl nun von meinem Blog berichtet, woraufhin diese ziemlich schockiert und entsetzt reagiert hätte, wie man sich damit und dann mit seinem ganzen Privatleben inklusive aller Ängste, Zweifel etc. an die Öffentlichkeit wenden könnte.  

Meine Mutter reagierte damals ähnlich, als ich bekannt gab, dass ich über Samu und mich einen Blog veröffentlichen würde. Ob ich mir das gut überlegt hätte? Ob das gut sei, Menschen an meinem Privatleben teilhaben zu lassen? Wieso ich das machen wolle? All diese Fragen kamen tatsächlich.

Ich habe versucht eine Weile in mich zu gehen, um herauszufinden, ob das wirklich richtig ist, was ich da tue – und ja, für mich ist das der richtige Weg zu heilen und in die 100%ige Akzeptanz zu kommen.

Ich denke auch, ohne der mir fremden Person zu nahe treten zu wollen, dass sie noch keinen Weg gefunden hat, mit ihren Erlebnissen umzugehen und in die Heilung zu kommen. Damit möchte ich nicht sagen, dass jeder sein Innerstes in die Öffentlichkeit auskotzen, hinausposaunen (oder wie immer man das nennen will), muss. Aber die schroffe Reaktion und das Unverständnis meinen Weg zu verstehen, lässt mich das vermuten.

Bei meiner Mum weiß ich, dass sie für solcherlei Dinge überhaupt nicht zu haben ist. Deshalb konnte ich ihre Reaktion verstehen. Letztendlich wollen uns Eltern ja oft nur schützen, auch wenn man mittlerweile schon die goldenen Zwanziger überschritten hat (heul).

Interessanterweise hat sich ansonsten niemand in meinem engsten Familienkreis zu dem Geschriebenen geäußert. Doch wartet… einmal zu einem Coronabeitrag. Inwiefern das allerdings viel mit dem Thema des Blogs zu tun hat, möchte ich an dieser Stelle einfach mal dahingestellt lassen…

Ansonsten gab es in der Tat keinerlei Reaktion. Ich weiß nicht wirklich, wer alles immer mitliest, aber ich fand das ehrlich gesagt schon enttäuschend. Eine andere Meinung zu haben, zu dem, wie ich mit meinem Schmerz umgehe, wie ich heile und welche Ziele ich damit verfolge, ist ja völlig okay, aber sich einfach gar nicht zu äußern, es ggf. nicht einmal in Ansätzen gelesen zu haben, war auch eine Erfahrung, mit der ich umgehen lernen musste.

Zu guter Letzt möchte ich aber das Positive hervorheben, nämlich die unglaublichen tollen, positiven Feedbacks von euch, die mich so oft bestärkt haben und mich auch weiter schreiben lassen. Dabei handelt es sich um Freunde von mir, Kollegen, Bekannte, aber auch wildfremde Personen, die sich immer wieder freuen, wenn es sonntags neue Beiträge gibt.

Witzigerweise habe ich oft Menschen, die behaupten, dass es ja gar nicht sein könne, dass man so lange nix voneinander gehört hätte, denn sie lesen ja jede Woche von mir und deshalb sei das Empfinden über temporäre Funkstille wahrscheinlich ein anderes als bei mir.

Auch wurde mir schon oft gesagt, dass ich mir überlegen solle, ob ich nicht ein Buch veröffentlichen möchte. Wow, herzlichen Dank – ein wahnsinnig tolles Kompliment. Darüber habe ich mich wirklich sehr gefreut. Es ist so wunderbar, wenn ich Menschen mit meinen Beiträgen erreiche, sie weinen und lachen können. Dieses Feedback ist so unfassbar wertvoll für mich! Ihr, als Leser dieses Blogs seid einfach unfassbar wertvoll! Vielen lieben Dank, dass so viele von euch von Woche zu Woche am Ball bleiben und sich meine crazy Gefühlswelt reinziehen. DANKE! Ich drück euch hiermit einmal von ganzem Herzen!

Anders sein – eine Variante von richtig

Ich gebe zu, dass mich bei der Auswahl meines Titels für meinen Blog die wunderbare Julia Engelmann inspiriert hat und deshalb möchte ich das Gedicht, dass mich so bewegt hat, gleich einfach zitieren und für sich stehen lassen. Vielleicht hilft das Hineinfühlen dabei zu verstehen, warum ich für den Blog auch die Worte „anderssein“ verwendet habe. Denn ja, man muss schon auch ehrlich sein, Samu ist nun mal anders. Er entspricht eben nicht der Norm. Auch viele prominente Homosexuelle bezeichnen sich öffentlich sogar ganz oft als anders. Aber obwohl dies mit Sicherheit ein Fakt ist, denn die meisten Menschen sind nicht divers, homosexuell, oder haben eben eine Einschränkung, so ist das ja keinesfalls negativ, denn wir sind alle „only human“, JEDER nur eben auf seine eigene Art und Weise.

Ein wenig mehr Verständnis, Toleranz, Akzeptanz und Liebe würden in vielerlei Hinsicht im Hinblick auf das „anderssein“ die Welt zu einem besseren Ort machen. Oder um es mit der Lyrik von Julia auszudrücken (obwohl hierbei der Titel in keinster Weise meinen kleinen Schnutenbär widerspiegelt 😉):

Stille Wasser sind attraktiv

Ich, ich bin ein Nerd, aber kein schicker Hipster,
Mehr ein Vieldenker, voll Hirngespenster
Ich surfe auf keiner Mode-Klischee-Retro-Welle
Ich surfe im Internet
Such Lesebrillengestelle für echte Augen,
Um Bücher zu lesen und Texte zu schreiben

Und manchmal hab ich das Gefühl, ich bin anders und allein
Keiner scheint mir ähnlich und keiner scheint mir nah zu sein,
Und manchmal hab ich das Gefühl, niemand ist wie ich,
Ein Platz, an den ich passe – den gibt es für mich nicht
Aber warum bin ich anders und was muss noch passieren?
Ich mein‘, was mach ich falsch? Ich will doch bloß dazugehören.
Aber wozu denn gehören? Und was soll das denn heißen,
Weil wir alle doch anders und dadurch wieder gleich sind

Und es geht doch um den Inhalt, viel mehr als um die Form
Es geht doch um den Einzelfall, viel mehr als um die Norm
Es geht nicht um Physik, sondern um Phantasie
Und vor allem geht’s ums Was, viel mehr als um das Wie.

Es geht auch darum, dass wir uns kennen,
Mehr als, dass wir mal einsam waren
Und es geht nicht um das, was uns trennt,
Sondern um das, was wir gemeinsam haben
Es geht nicht ums gewinnen,
Sondern darum, dass du kämpfst
Es geht nicht um den Takt an sich,
Sondern darum dass du danced,
Es geht nicht drum, was wir haben,
Sondern um, was wir daraus machen
Es geht nicht um den Witz an sich,
Sondern darum dass wir lachen
Es geht nicht drum, was wir tragen, wie wir lächeln, wie wir reimen
Es geht darum, was wir sagen, ob wir echt sind, was wir meinen.
Vielleicht geht’s nicht ums Happy End,
Sondern mal heute nur um die Geschichte.
Vielleicht geht’s nicht darum, ob ich anders,
Sondern darum, dass ich Ich bin
Vielleicht geht’s nicht darum, die ganze Welt zu erfassen
Und alles zu verstehen
Vielleicht geht’s darum „Hakuna Matata“ zu sagen
Und einfach mal gerne zu leben.

Weil, es geht doch um den Inhalt, viel mehr als um die Form,
Es geht um deinen oder meinen Einzelfall, viel mehr als um die Norm
Es geht nicht um Physik, sondern um Phantasie
Und vor allem geht’s ums Was, viel mehr als um das Wie.

Und was soll das überhaupt heißen?
Was soll das überhaupt heißen, jemand ist sonderbar und eigenartig,
Das sind doch bloß Synonyme für besonders und für einzigartig
Jemand sagt dir: „Du bist anders“, Dann denk dir für dich: „Anders ist nicht falsch, ist bloß ’ne Variante von richtig“

Und wer andere abgrenzt, grenzt sich selber ein
Wer andere Schwach macht, glaubt nicht stark zu sein
Ich mach mein Herz weit und lass Leben rein,
Weil ich dran glaube gut genug zu sein

Und dann treff‘ ich dich…
Und du siehst mich und du nimmst mich wahr,
Bist bei mir und bist für mich da,
Nimmst meine Schatten und machst die Sicht klar,
Machst mich wahrhaftig, machst mich sichtbar
Und auf den ersten Blick bin ich vielleicht nicht so cool,
Für manche vielleicht sogar langweilig.

Aber ich hör dir gerne beim reden zu und ich mag deinen Klang,
Weil ich dich mag und wie wir die Welt für uns drehen
Und dadurch wirst du für mich schön
Und ich finde meinen Platz und ich finde meinen Raum in der kleinsten gemeinsamen Schnittmenge aus deiner und aus meiner Welt
Wir sind unser kleinstes gemeinsames Vielfaches,
Wir sind das, was uns zusammen hält,
Und wir beide, wir sind mehr als die Summe unserer Teile
Wir beide sind so viel mehr als die Stunden, die wir teilen,
Wir beide sind so viel merkwürdig eigentlich, dass ich das jetzt erst geblickt hab

Es geht um den Inhalt, viel mehr als um die Form,
Es geht um deinen und um meinen Einzelfall viel mehr als um die Norm, es geht nicht um Physik, sondern um Phantasie,
Und vor allem geht’s ums Was, viel mehr als um das Wie.

Quelle: https://musikguru.de/julia-engelmann/songtext-stille-wasser-sind-attraktiv-802115.html Zugriff am 18.01.22

Bildquelle: https://www.pexels.com/de-de/foto/paar-liebe-romantisch-kuss-5845278/

Die Begrifflichkeit „Behinderung“

Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr mir die Begrifflichkeiten rund um das Thema „Behinderungen“ in den letzten Jahren bereits zuwider geworden sind und mir tierisch auf den Sack gehen; und zwar lange vor Samu.

Bereits im Jahr 2006 (ich machte zu dieser Zeit mein Abi nach) lernte ich durch ein Schulprojekt, das den Titel „Menschen mit Behinderung“ trug, dass die unterschiedlichsten, bösartigen Bezeichnungen für Menschen mit Handicap oder für deren Eltern unglaublich verletzend sein können. Obwohl ich zunächst (ich gestehe dies zu meiner Schande) überhaupt gar keine Böcke auf das Thema hatte, denn es standen nach meiner damaligen Ansicht durchaus attraktivere Projekte zur Auswahl, fuchste ich mich schnell rein und entwickelte mit meiner Klassenkameradin Madeleine ziemlichen Eifer bei der Erarbeitung.

Im Rahmen dieser gemeinschaftlichen Hausarbeit, die es immerhin auf 383 Seiten brachte, fiel mir und der Mitschülerin das Thema „Schulen für Menschen mit Behinderungen“ in Baden-Württemberg zu.

Ich denke, dass ich durchaus von WIR sprechen kann, wenn ich sage, dass die Erfahrungen in den unterschiedlichsten Bildungseinrichtungen sehr prägend und bewusstseinserweiternd waren. Für mich war danach nämlich beispielsweise klar, dass ich die Berufung „Sonderschulpädagogin“ nicht in die Wiege gelegt bekommen habe. Und das nicht, weil ich es ätzend fand mit Kindern zu arbeiten, die in vielerlei Hinsicht von Einschränkungen betroffen waren, sondern eher deshalb, weil ich jeden Nachmittag heulend nach Hause fuhr. Es war für mich emotional einfach zu viel. Ich spürte die Wärme, diese Lebensfreude und sah die neugierigen, funkelnden Augen dieser kleinen Knöpfe und wusste, dass sich es zum einen echt schwer haben in unserer abgefuckten Gesellschaft (entschuldigt bitte den Ausdruck an dieser Stelle, aber die Wahrheit muss man sagen dürfen) und zum anderen die Lebenserwartungen, gerade bei Kindern mit schweren geistigen Behinderungen, oft nicht allzu hoch waren. Ich fühlte mich rein in die Familien und empfand unglaubliches Mitleid und unerträglichen Schmerz. Heute habe ich auch einen kleinen Wurm, der mit einer Einschränkung leben muss…

Wie ihr vielleicht schon gemerkt habe, verwende ich ungern den Begriff „Behinderung“. Man kann mir sagen, was man will, aber für mich ist dieses Wort schon so unfassbar negativ konnotiert, dass ich schon brechen könnte, wenn ich es irgendwo lese oder es jemand ausspricht.

Natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass es nun einmal zum offiziellen Sprachgebrauch gehört und ich eben den „Behindertenausweis“ (was mir im Übrigen schon aufgrund der Wortwahl unglaublich schwer fiel) beantragen musste und nicht den Ausweis für Menschen mit Einschränkung. Auch ist mir klar, dass sowohl das eine als auch das andere exakt das Gleiche meint, dennoch hasse ich das Wort „Behinderung“ – und dies tue ich auch schon immer.

Für mich grenzt die Wortwahl eben oft schon aus oder stigmatisiert. So möchte der farbige Mensch heutzutage beispielsweise auch nicht mehr als „Neger“ oder „Mulatte“ bezeichnet werden – zurecht, denn die Begriffe sind z.B. durch die Kolonialgeschichte negativ belastet. Und auch Witze in diesem Zusammenhang über Menschen sind einfach Gott verdammt noch mal nicht zum lachen – weder über Menschen mit Einschränkungen/ Handicap etc., noch über Menschen mit anderen Hautfarben oder Homosexuelle.

Im Übrigen möchte ich mich kurz persönlich an einen alten „Freund“ wenden, da es gerade so schön in das heutige Thema passt. Lass dir bitte eins gesagt sein: Du bist eben nicht mein ältester Freund, wenn du im Status ein ziemlich dämliches GIF postest, dass einen Menschen mit fehlenden Armen darstellt, dem man gerade die Hand schütteln will, obwohl dies ja offensichtlich nicht möglich zu sein scheint. Der behämmerte Kommentar drunter tat dabei sein Übriges… Mit ein bisschen Feingefühl und als mein angeblich ältester „Freund“ wäre dir dieser Scheiß eigentlich in der Tastatur steckengeblieben, wenn man eben weiß, dass jemand im engsten Umfeld betroffen ist, aber sei es drum…

Kann sein, dass ich natürlich diesbezüglich mittlerweile auch sehr empfindlich reagiere, wie ein weiterer Eintrag in ein bis zwei Wochen zeigen wird, aber es kotzt mich einfach an, dass die meisten Menschen auf dieser Welt so fucking unsensibel auf der Welt herumgeistern. Ich möchte an dieser Stelle mit dem Zitat eines ehemaligen Bundespräsidenten enden und an dieser Stelle sei auch ausnahmsweise die Wortwahl vergeben:

„Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.“ (Richard von Weizsäcker)

Bildquelle: https://www.pexels.com/de-de/foto/diverse-aufmerksame-manner-vor-grauem-hintergrund-5303804/

Mein Blog

Wie die meisten sicherlich schon bemerkt haben und wie ich jetzt schön öfter betont habe, bin ich nicht diejenige, die Leute mit ihren Problemen vollquakt, sondern eben lieber die Öffentlichkeit in Form eines Blogs belästigt.

So kam es, dass ich mir in der Schwangerschaft schon alle Ängste und Sorgen von der Seele schreiben musste. Es war so unglaublich befreiend und für einen kurzen Moment auch schmerzstillend. Ich hatte mir damals nicht überlegt, diese Erfahrungen vielleicht einmal als Blog zu veröffentlichen. Ganz im Gegenteil, denn Sue und die digitalen Medien sind zwar Freunde, aber nur in einem gewissen Maß. Wenn es nicht gleich alles so funktioniert, wie ich mir das vorstelle, lebt mein Laptop ziemlich gefährlich, da er nah am Fenster steht. Außerdem war mir überhaupt nicht klar, wie man eine Website aufbaut, diese pflegt, verwaltet etc. pp – kurzum: alles böhmische Dörfer für mich. Schließlich bin ich auch Lehrerin geworden und kein Digitalisierungsweltmeister. Obwohl ich mich schon manchmal frage, wo das noch bei den Schulen hinführt mit dem ganzen Quatsch. Vormittags sechs Stunden Tablet und nachmittags sechs Stunden zocken. Ole, ole, das ist vielleicht super für die Eltern, weil sie ihre Bälger beschäftigt wissen und diese nicht nerven und man deshalb in Versuchung geraten könnte, sich mit diesen zu beschäftigen, aber auch hier will ich gar nicht allzu sehr meine Meinung breittreten, denn erstens führt es zu nichts und zweitens schweife ich mal wieder vom Thema ab.

Warum ich mich letztendlich doch dazu entschloss, meine Geschichte einer Leserschaft zu präsentieren, hatte verschiedene Gründe. Klar, sicherlich war der Computer eine wahnsinnige Unterstützung in schweren Zeiten, aber was sollte denn nun mit den unglaublich vielen Seiten passieren, die ich schon fleißig nach unten scrollen konnte. Format C alles ok? War irgendwie keine befriedigende Lösung für mich. So entschied ich mich zunächst dazu, alles abzuspeichern, schließlich gestaltete ich auch jedes Jahr ein Fotoalbum für die Kinder inkl. Anhang mit politischen, wirtschaftlichen, sozialen und privaten Ereignissen. Ich fand es eine schöne futuristische Vorstellung, Samu irgendwann meine Papierrollen schön verpackt zum 18.Geburtstag überreichen zu können und zu sagen: „Weißt du Schatz, wie du musste ich erst in die ganze Sache hineinwachsen, aber schau, wo du heute stehst und wie wir das alle gut zusammen gemeistert haben!“.

Dann kam der Tag, an dem ich auf Juli’s Blog stieß. Ich fand die Geschichte der kleinen Familie mit ihrem Sohn so ergreifend, dass ich immer wieder darauf wartete, wenn endlich der neue Beitrag erscheint. Aktuell gab es leider schon lange nichts mehr, aber auch das kann ich gut verstehen, denn sicherlich wird auch bei mir irgendwann der Tag kommen, an dem ein jeder Schreiberling eine Pause braucht. Sie inspirierte mich auf jeden Fall, auch mein Schicksal zu teilen und damit wiederum anderen zu helfen. Außerdem hatte ich ja bereits durch die Ahoi-Gruppe erfahren, dass viele viele Dinge erst noch auf mich zukommen würden und dass es sicherlich interessant ist, diese mit anderen Betroffenen zu teilen, z.B. Erfahrungen in der Gesellschaft, Anträge, Untersuchungen und so weiter.

Es gab allerdings noch einen weiteren Grund, der ehrlich gesagt, keine unerhebliche Rolle spielte. So wollte ich beispielsweise schon am Ende der Schwangerschaft vorbeugen, dass zigtausende Leute in den Kinderwagen glotzen, um dann festzustellen: „Ah ein Junge. Und alles gesund, alles dran? Das ist doch schließlich die Hauptsache.“. Und ihr werdet lachen, aber genauso ist es mir dann doch noch oft gegangen. Die meisten Personen unterbrechen nämlich ihren Monolog nicht und sind dann völlig vor den Kopf gestoßen, wenn man ihnen mitteilt, dass überwiegend schon alles okay ist, nur eben eine Hand fehlt. Hätte ich mich damals nicht immer so scheiße dabei gefühlt, wären die entgleisten Gesichter eigentlich eher zum wegschmeißen gewesen (also im positiven, erheiternden Sinne).

Naja, zumindest war dann für 80% schon mal klar, was bei mir rauskommt, nämlich ein kleiner schnuckeliger Bandito mit eben nur einer Hand. Und somit musste ich nicht eine Million Mal meine für mich sehr schwer zu verarbeitende Situation schildern.

Einen letzten Ausschlag, der dann letzendlich auch noch das i-Töpfelchen ausmachte, war ein You-Tube Video eines erwachsenen Mannes, der das Poland-Syndrom hat und auch von einer Handfehlbildung betroffenen ist. Sicherlich erschien mir dieser selbstbewusst und auch erfolgreich zu sein, aber eine Sache störte mich ungemein: Er bezeichnete sich selbst als MUTANT und alle mit ihm, die ähnlich betroffen sind. Ich fand das sehr verstörend und entschied für mich, dass es einer anderen Aufklärung in der Gesellschaft bedürfe, als sich selbst mit derlei Ausdrücken auszugrenzen und ins Abseits zu schießen. Und so entschied ich mich, auch mit meinem Sohn in einem Blog öffentlich dafür zu werben und darüber aufzuklären, dass Menschen mit den unterschiedlichsten Einschränkungen, keine „Mutanten“, sondern Menschen sind!!!

Instagram

Lange Zeit habe ich mich vor Social Media Plattform Instagram gedrückt. Ich meinte immer, dass durch diese Art Schauplatz der Untergang des Abendlandes bevorstehe. Denn sind wir mal ehrlich, viel Text findet man dort nicht. Oft posten Pseudoprominente, oder die, die es werden wollen, völlige Belanglosigkeiten aus ihrem täglichen Leben – und das leider oft sogar mit Bild und Ton. Nicht selten kommt es dabei vor, dass man sich als einigermaßen gebildeter Bürger einfach nur noch fremdschämen möchte. Ein anderer Teil der Bevölkerung lacht sich eben kaputt und vergeudet mehrere Stunden seiner wertvollen Zeit vor seinem Handy, um sich eben diesen Blödsinn reinzuziehen: Wer ist wieder schwanger und von wem? Welcher Serienschrott hat mit welcher Orgie die Zuschauer überzeugt? Hatten GNTM’s Spinatknödel zum Mittagessen oder sogar Burger? Was packen Meghan und Harry noch über das britische Königshaus aus? Welche Peinlichkeiten postet Donald Trump (oder ist der mittlerweile dort gesperrt?)? – ganz ehrlich: Who cares??? Leider wohl eine ganze Menge an Leuten mit viel viel Zeit…

In Vorbereitung auf diesen Blog habe ich mich durch die Freundin meines Schwagers belehren lassen, dass heutzutage niemand mehr Facebook benutze. Die Jüngeren seien alle auf Instagram umgestiegen. Die Jüngeren… wie das klingt… als käme ich aus der Steinzeit. Aber gut, da ist es wieder das verdammte Karma, habe ich doch früher auch alle Ü30 als Gruftis bezeichnet. Es schlägt immer zurück, denkt dran! „Na gut, dann zeig mal her!“, ließ ich mich doch hinreißen.

Wie vermutet, konnte ich mich zunächst nicht damit anfreunden. Alles wirkt so profan, trivial und oft ohne Sinn und Verstand. Gut, lebte man nicht schon in Rom nach dem Motto: Gebt den Leuten Brot und Spiele? Nichts anderes ist die Unterhaltungsindustrie heute. Immer schön ablenken von den wirklich wichtigen Dingen, damit der Großteil der Bevölkerung die Klappe hält. Aber das wäre ja jetzt fast ein eigener Beitrag wert. Keine Angst, Samus Blog wird nicht für politische Zwecke missbraucht, also zurück zum Thema…

Ich ließ mich überreden, ein Profil anzulegen, um mehr Menschen mit meinem Blog zu erreichen. Nach nunmehr einigen Monaten der Nutzung muss ich auch etwas zurückrudern. Einige positive Aspekte habe ich Instagram nun doch abgewinnen können. Beispielsweise gibt es eine junge Frau aus München, die veranschaulicht, wie es wunderbar möglich ist, mit nur einer Hand alles um Leben zu bewältigen. So zeigt sie, wie es geht, sich die Schuhe zu binden oder im Restaurant mit Messer und Gabel zu essen. Auch tilly.lockey, eine junge Frau aus GB, der beide Arme fehlen, ist sehr inspirierend und schenkt mir unglaublich viel Mut. Weiterhin habe ich sehr liebe Kontakte durch dieses Internetportal knüpfen können und lerne auch immer mehr Personen weltweit kennen.

Ebenso gibt es schon auch Nützliches zu abonnieren: Tagesguck, Ausflugsziele mit Kindern, Fitnessvideos oder auch Reisetagebücher und so weiter. Und ja, ich gestehe… Auch ich konsumiere natürlich mittlerweile Promiflash, Daniela Katzenberger und Co., denn jeder braucht wahrscheinlich das gewisse Maß und Klatsch und Tratsch, um den Alltagssorgen zu entfliehen. Also ja, bitte bespaßt mich weiter mit euren Posts, die eigentlich die Welt nicht braucht.

Die Facebook-Diskussionsgruppe ahoi e.V.

Bereits in der Schwangerschaft erfuhr ich von einem befreundeten Pärchen, die selbst betroffenen sind, von der ahoi-Facebookgruppe. Da man dort nur aufgenommen wird, wenn man in irgendeiner Form mit dem Thema Dysmelie zu tun hat, bedeutete dies erstmal eine Anfrage zu stellen und kurz zu erklären, weshalb ich aufgenommen werden wollte. Dies war aber in der Tat sehr unkompliziert und es dauerte nicht lang, bis meine Anfrage bearbeitet wurde.

Ich muss gestehen, dass ich damals natürlich wie ein Schwamm war. Ich saugte in meiner Schwangerschaft sämtliche Beiträge der letzten Monate auf, wenn nicht gar Jahre. Selbstverständlich half es mir auch zu erfahren, welche unterschiedlichen Formen von Handfehlbildungen es gibt. Somit konnte ich mich mental auf die mir bevorstehende Situation ein wenig besser einstellen. Auch der Blog von Julia (https://zehnfingersinddreizuviel.com/), ich berichtete bereits davon, war unglaublich wertvoll für mich, denn ich hatte plötzlich das Gefühl, nicht allein auf diesem gottverdammten, ungerechten Sch…planeten zu sein. Natürlich taten mir ihre Beiträge in der Seele weh, natürlich heulte ich Rotz und Wasser und natürlich wusste ich, dass mir diese ganzen schmerzvollen Erfahrungen mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso bevorstehen werden, aber es schuf auch so ein unsichtbares Band der Verbundenheit zwischen zwei Müttern, die sich noch nicht einmal kannten.

Ebenso finde ich es nach wie vor unglaublich toll, dass dort alle Eltern mit ihren Sorgen und Ängsten rund um ihre Kinder zu Wort kommen können, ohne in irgendeiner Form diskriminiert oder belächelt zu werden und durch die Community Hilfe finden. Dabei geht es um ganz unterschiedliche Themen.

Im Hinblick auf die medizinischen Belange wird beispielsweise Folgendes diskutiert: In welcher Klinik/bei welchen Ärzten finde ich die beste Hilfe für unsere Situation? Welche Hilfsmittel gibt es und ab welchem Alter sind diese geeignet? Gibt es Erfahrungen mit Zehentransplantationen?

Auf der anderen Seite gibt es aber auch unglaubliche Tipps und Tricks rund um die Bewältigung des Alltags mit unseren Mäusen. So wurden mir sehr viele Ängste genommen, weil ich plötzlich durch Bilder oder Videos miterlebte, dass es überhaupt kein Problem für Kinder darstellt, mit einer Hand zu essen, mit einer Hand zu schneiden, oder auch sich mit einer Hand an und aus zu ziehen. Es geht alles, es geht halt nur ein bisschen anders.

Auch erlebt man unglaublich viele Kinder und Jugendliche, die sich von nichts abbringen und einschüchtern lassen, so nach dem Motto: Du schaffst das nicht, gibt es nicht! Nein, sie sind wahrscheinlich oft viel stärker als andere Kinder und erbringen in unterschiedlichen sportlichen Bereichen Höchstleistungen.

Es ist ganz wunderbar, daran teilhaben zu können, denn es verleiht mir mit meinem Baby Mut, dass auch Samu alles können wird. Obwohl mir das intuitiv schon irgendwie auch klar ist. Die größte Sorge mache ich mir ja nach wie vor um unsere Gesellschaft. Als Mutter von einem älteren Kind sowie als Lehrerin weiß ich, wie gemein, diskriminierend, ausgrenzend und einfach unglaublich hässlich Kinder sein können.

Auch in diesem Zusammenhang helfen mir Beiträge der Gruppe oft, mich mal runterzufahren und mich zu beruhigen. So sehe ich Menschen, die ihre wunderbaren, glücklichen Familien posten; Menschen, die Instrumente spielen, die man nicht für möglich hält; Menschen, die Berufe ergreifen, die einem als Nichtbetroffener nicht machbar erscheinen. Ich erhalte Einblicke in mir völlig fremde Familien, die mich aber eins lehren, nämlich dass nichts unmöglich ist. Denn niemandem bleibt etwas verwehrt, nur weil ein Körperteil fehlt. Beruflicher Erfolg ist völlig normal, gesellschaftliche Integration ebenso und erst recht, und das ist für mich das Wichtigste, dass man in Partnerschaften oder durch gute Freunde erfährt, dass man geliebt wird, für das, was man ist: ein Mensch.

An dieser Stelle möchte ich mich deshalb ganz herzlich bei all den Gruppenmitgliedern für eure wertvollen Beiträge und euren Einblick in eure Privatleben bedanken. Ihr habt mir in vielen schweren Stunden geholfen und tut es noch.

Das Schreiben als Therapie

Ja, ich gebe es zu! Ich bin nicht die Person, die vor anderen nah am Wasser gebaut ist. Ebenso wenig bin ich jemand, der sein Herz bei Seelenklempnern ausschütten kann. Durch einen psychologischen Anteil im Studium weiß ich natürlich, dass zur Behebung der eigenen Blockaden, Ängsten und Traumata immer externe Personen von Nöten sind… Aber was soll ich sagen? Ich fasse sehr schwer Vertrauen zu Menschen. Das mag vielleicht für einige Freunde, Bekannte oder auch Leute, die mich kennen, suspekt klingen, bin ich doch laut, direkt und erzähle gern und viel. Nur in meine Seele schauen, das können die wenigsten.

Am liebsten habe ich in der Vergangenheit meine eigenen Sorgen und Probleme verdrängt, indem ich anderen mit ihren Schwierigkeiten geholfen habe. Auch war es ein sehr ausgeprägtes Hobby von mir, mich für die Gerechtigkeit im Allgemeinen einzusetzen. Dass sich dabei viele freuten, weil der Pitbull das Maul aufriss, sie davon profitierten, ich mir dadurch aber selbst immer wieder gern Steine in den Weg legte, lasse ich mal dahingestellt.

Obwohl ich dieses Verhalten in den letzten Jahren schon extrem minimiert habe, kann ich es bis heute nicht ganz lassen. In der Regel wird mir aber immer wieder aufgezeigt, wie Menschen in einer Gesellschaft funktionieren: Geht es um ihren eigenen Arsch oder um die Bedürfnisse ihrer Familie, so wird die Person, die sie vertritt, natürlich supportet. Erhofft man sich irgendwann einmal eine selbstlose Gegenleistung, wird man dabei außerhalb des Freundeskreises oft enttäuscht. Ja, ich habe meinen Glauben an das Gute in JEDEN Menschen irgendwie verloren. Viele sind absolut nicht vertrauenswürdig oder loyal. Die meisten sind sich leider selbst die Nächsten, narzisstisch und arrogant, drehen sich wie eine Fahne im Wind, lästern gern über andere, sind profitgeil, geiern nach Anerkennung durch ihre Vorgesetzten oder haben anderweitig einen an der Waffel.

Und unter diesen ganzen Aasgeiern soll ich dann einen mir völlig wildfremdem Menschen, einem Phönix quasi, finden, der mir auf Anhieb sympathisch erscheint und dem ich meine Probleme anvertrauen will? Ich würde mir zwar eine relativ gute Menschenkenntnis bescheinigen, aber sind wir doch mal ehrlich: 1.Einen Termin heutzutage bei einem Psychologen zu ergattern, wäre ja bereits wie ein Sechser im Lotto und 2. Dann noch einen finden, der mir taugt? – ein wenig schwierig bei dem bereits angesprochenen Glücksspielerfolg…

Ich kenne im übrigen sowohl Patienten als auch Psychologen. Erst Genannte haben oft kein wirkliches Vertrauensverhältnis zu ihrem Gegenüber, aber trauen sich nicht zu wechseln oder gar die Therapie zu beenden. Die Letztgenannten in meinem näheren Umfeld wollen durch ihren Job meiner Meinung nach eher ihr eigenes Seelenheil herbeibeschwören. Dass dies nicht funktioniert, weiß eigentlich jeder nach dem ersten Semester Psychologie – die meisten probieren es scheinbar dennoch. Gut, sicherlich gibt es einige ganz wunderbare Therapeuten da draußen, aber da sucht man vermeintlich die Nadel im Heuhaufen oder auch den Heiligen Gral wie bereits bei den Hebammen. Nur gibt es hierbei einen entscheidenden Unterschied: Fragt man nach einer Geburtshelferin wird man in der Regel nicht schräg angeschaut.

Aufgrund der genannten Gründe habe ich für mein Leben beschlossen, viele Dinge mit mir selbst auszumachen. Freunde will ich immer ungern noch mit meinem Müll vollladen, denn jeder hat heute sein Päckchen zu tragen. Auch mit meiner Familie ist das so eine Sache. Und mein Mann und ich haben im Moment wenig Zeit überhaupt Zweisamkeit zu verbringen. Diese will ich am allerwenigsten mit dunklen Gedanken überschatten. So kam ich zum Schreiben und verarbeite somit quasi meine Gedanken und Gefühle am Schreibtisch mit meinem Laptop.

Falls jetzt jemand denkt: „Oje, die Arme, das klingt aber traurig“, dem möchte ich versichern, dass dies ein guter Weg für mich ist. Ich verteile somit alles sinnbildlich gesprochen auf sehr viele Menschen, nämlich meine Leser, auf dich, der diesen Beitrag gerade liest. Und das positive Feedback von ganz vielen Personen zeigt mir, dass mein gewählter Weg aktuell der richtige für mich ist. Mag ja sein, dass dies irgendwann anders ist.

Im Moment finde ich es ok, wenn Fremde über mich sagen: „Sue ist höflich, aber distanziert.“ (Zitat eines Theaterkursteilnehmers). Ich bin damit nicht allein, wie ich neulich in meinem Gewerkschaftsblättle las. Darin wurde Caro Blofeld vorgestellt, eine Berufsschullehrerin aus Ost-Württemberg, die wohl ein humoristisches Tagebuch veröffentlicht hat. Als ich das Interview mit ihr überflog, musste ich schmunzeln, denn diese mir völlig unbekannte Frau erinnerte mich an mich selbst. Ich möchte kurz die ersten Zeilen zitieren (und dabei ist die Überschrift ja schon geil): „Goethe würde Metal hören“

(Quelle: https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/goethe-wuerde-metal-hoeren/, Zugriff am 20.05.21)

11.05.2021 – Interview: Christoph Ruf, freier Journalist

  • E&W: Frau Blofeld, wenn Lehrerinnen oder Lehrer Bücher schreiben, geht es oft um Eltern, Kolleginnen und Kollegen oder Schülerinnen und Schüler. Was hat Sie bewogen, eines zu schreiben, das Sie selbst als „humoristisches Tagebuch“ einer Lehrerin mit Metal-Leidenschaft bezeichnen?

Caro Blofeld: Ich mochte Bücher noch nie, in denen es darum geht, wie dumm und nervig doch angeblich die Schülerinnen und Schüler oder die Helikopter-Eltern seien. Zumal die oft sehr pauschal sind. Ich habe vor ein paar Jahren angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben, habe dann aber schnell gemerkt: Das bin ich nicht. Das ist bei „Teach ’em all“ anders. Wer das Buch liest, kennt mich danach besser als meine Mutter. Wobei das auch nicht so schwierig ist.

  • E&W: Das Buch wimmelt von lustigen Anekdoten aus dem Schulalltag, aber eben auch aus Ihrem Privatleben, in dem Clubbesuche oder Festivals eine gewisse Rolle spielen. Hatten Sie keine Angst, zu viel von sich preiszugeben?

Blofeld: Nein, wobei mich das selbst gewundert hat. Ich bin offenbar ein Mensch, der kein Problem damit hat, wildfremden Menschen gegenüber am Büchertisch sein Leben auszubreiten, der im direkten Gespräch aber länger braucht, sich zu öffnen.

Besonders die letzten Zeilen zeigten mir: Ich bin nicht allein!

Wie aus Frau F Manja wurde

Obwohl mir die nächsten neun Sitzungen bei der Physiotherapie unter normalen Umständen einiges abverlangt hätten (Zeit, Parkgebühren, die Klinik meines Vertrauens hust, hust, die Blicke fremder Leute etc. pp), freute ich mich eigentlich regelmäßig auf die Dienstage. Das Wort eigentlich ist hier unbedingt nötig, da die Eingrenzung meiner Freude durch die Aufzählungen in der Klammer schon ein bisschen stattfand. Dennoch freute ich mich immer auf einen Plausch mit meiner Schwester des Ostens, mit der man mal wieder ungezwungen den alten Dialekt völlig ungeniert auspacken konnte.

So quatschten wir über unsere Erfahrungen hinsichtlich der neuen Wahlheimat und ja, es war beruhigend zu wissen, dass auch andere Ostbürger die Erfahrung gemacht hatten, dass man im Süden der Republik manchmal eher zu einer Art Trauerfeier geht anstatt zu einem Geburtstag. Selbstverständlich möchte ich an dieser Stelle ganz viele mir auch liebgewonnene Freunde ausschließen, das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass es schon oft vorkommt. Keine Ahnung warum, aber vielen Personen müsste man einfach mal den Stock aus dem Popes ziehen, damit sie endlich mal locker in der Schlüpfer werden. Und eins ist mal ganz sicher, egal ob man Menschen aus der ehemaligen Täterä (und des erweiternden Ostblocks selbstverständlich) nun mag oder nicht, aber oft sind wir die Stimmungsaufheller. Wir sind die Leute, die zwar polarisieren, aber an denen man nun mal nicht vorbei kommt hihi. Ok, genug der Werbung für Ossis, weiter im Text.

Natürlich war mein kleiner Mausebär zwischen unserem ganzen Gequake immer wieder Thema (Obacht, Frauen sind nämlich multitasking; zumindest was die Betätigung unseres Mundwerkes anbelangt). Mir wurden Übungen für zuhause an die Hand gegeben, erklärt, was er für sein Alter können muss oder auch nicht, aber vor allem wurde mir unglaublich die Angst genommen, von Frau F, die mir mittlerweile viel besser bekannt und ans Herz gewachsen ist als Manja. Auch sie äußerte, dass ich mir nicht so viele Sorgen machen solle aufgrund der Hand, denn Samu werde seinen Weg schon gehen. Aber im Gegensatz zu vielen anderen hatte ich bei ihr ganz oft das wunderbare Gefühl, dass sie schon recht behalten würde.

Neben Babysport und erheiternden Gesprächen thematisierten wir schon auch ernstere Dinge. Von Sitzung zu Sitzung hatte ich immer mehr das Gefühl zurück zu mir zu finden und Manja einfach Sachen anvertrauen zu können, gerade auch im Hinblick auf meine Gefühlswelt rund um Samu. Dabei kam auch das Wort Therapie ins Spiel, nur eben nicht für den körperlichen Zustand, sondern eher für mein Oberstübchen, mein Seelenheil, mein Inneres – wie auch immer man nun das wenig Greifbare bezeichnen möchte. Ich erzählte Manja von meinem Blog und davon, dass ich dort versuche, ganz viel zu verarbeiten, indem ich es mir von der Seele schreibe. Ein Mensch, der mir dabei hilft, mit mir und der Welt wieder klarzukommen, war für mich zum damaligen Zeitpunkt undenkbar. Auch wenn ich oft laut, aber lustig, robust und unverwüstbar, wirke, fällt es mir extrem schwer über Gefühle zu sprechen; also tiefsitzende negative Gefühle und meine Kids sind dabei quasi meine Achillesverse. Mit Manja konnte ich das, da sie eben zufälligerweise die perfekte Therapeutin für Samu und mich war (Oder gibt es den Zufall vielleicht gar nicht und uns werden immer die richtigen Menschen zur richtigen Zeit gesandt? Nur eine kleine Überlegung am Rande). Sie unterstützte mein Kind bei der richtigen Entwicklung und mich bei der Seelenheilung.

Deshalb meine Liebe möchte ich dir an dieser Stelle ein ganz großes Dankeschön aussprechen, denn ich weiß, dass du oft mitliest, sofern es als berufstätige Mama eben geht. Danke für die wertvollen Gespräche mit dir. Danke, dass du auch weiterhin zu unserem Leben gehörst und Samu mit Adleraugen überwachst. Danke, für die wertvollen Kontakte, die ich durch dich erhielt, um für mich selbst zu heilen. Und auch ein ganz großes Dankeschön für dein offenes Ohr, das du mittlerweile als Freundin für mich hast.

Eine Schwester des Ostens oder auch Samus Physiothapetie

Wie bereits erwähnt, konnte ich mich noch nicht richtig mit der Entscheidung anfreunden, Samu mit seinen gerade einmal acht Wochen zu einer Physiomaus zu schleifen, aber irgendwie sagte mein Inneres wieder, dass es auch nicht schaden könne. Also rief ich in einer Praxis an, die mir von einer Nachbarin ans Herz gelegt wurde. „Wir haben leider erst im Juni wieder etwas frei“, tönte eine ältere Dame ins Telefon. „Also gut, dann tragen Sie uns da bitte ein“, entgegnete ich.

Da es aber nicht zu meinen charakterlichen Stärken gehört zu warten, versuchte ich es über unsere Klinik, schließlich waren wir da auch im SPZ. Wieder hatte ich eine sehr liebe Person am Telefon. „Ob das wohl zum Berufsbild gehört?“, dachte ich. Ich fühlte mich auf jeden Fall auch hier gut aufgehoben und bekam einen Termin für die kommende Woche, allerdings bei einer Frau F, die sich noch bei mir melden würde bezüglich eines Tages und der Uhrzeit.

Frau F meldete sich auch zeitnah bei mir und war mir von Anfang an sehr sympathisch, denn sofort war auch durch den Dialekt klar, dass es sich bei ihr um eine Schwester des Ostens handelte. Ich weiß nicht warum, aber es sorgt bei mir immer gleich für Wohlfühlatmosphäre, Vertrauen und Heimatgefühl. So schnackten wir bestimmt auch schon beim ersten Telefonat 15min, um einen simplen Termin zu vereinbaren. Kamen irgendwie vom Hundertsten ins Tausendste – passiert oft bei Menschen aus dem Ostblock (inkl. alle Staaten östlich der ehemaligen DDR); viele Menschen sind da weniger verstockt, habe ich den Eindruck.

Beim ersten Termin, der natürlich pünktlich eingehalten werden konnte, da er nicht mit Frau B vom SPZ vereinbart wurde (habe die blöde Trulla nicht vergessen und wurde jeden Dienstag auch brav beim Vorbeischlappen an sie erinnert), war ich schon ziemlich aufgeregt. Wieder eine neuen Person die Geschichte rund um Samu erzählen, vielleicht wieder schwer Verdauliches in diesem Zusammenhang ertragen, wieder jede Woche mit meinem Mausbär durch Klinikhallen schlappen und dabei überlegen, ob ich selbstbewusst das Ärmchen frei lasse oder den Pulli drüber streife. Ich glaube ich habe Letzteres bis ganz zum Schluss getan, weil ich immer noch nicht mit der Situation umgehen konnte.

„Hey, ich bin MF. Ihr wollt sicher zu mir und du bist der kleine Samu. Wartet noch kurz, ich bin gleich für euch da“, überrollte uns Samus selbstbewusste, dynamische Physiotherapeuten in einem mir sehr bekannten und beliebten Dialekt (und da sch… ich drauf, was der Rest der Nation von uns hält!). „Jawohl geht klar“, antworte ich, wusste aber gar nicht, ob sie es noch gehört hatte. So schnell, wie Frau F verschwunden war, sauste sie wieder mit Handtüchern an uns vorbei, hielt uns die Tür auf und sagte: „So hereinspaziert, kann losgehen“.

Ich glaube, wenn Menschen dabei gewesen wären, die mich gut kennen, hätten diese sofort erkannt, dass ich mich ganz unsicher verhielt. Gar nicht suelike: crash boom bang. Ganz vorsichtig packte ich Samu aus seinen Winterklamotten und versuchte zeitgleich an bisschen zu berichten, wer wir waren. Dabei wurde ich ziemlich schnell unterbrochen mit dem Satz: „Ihr seid aber nicht nur da wegen der Hand?“. „Ähm doch. Betroffene Eltern haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht“, stotterte ich verunsichert. „Na dann schauen wir mal… Na du kleiner Mann. Schon wieder ein neues Gesicht und dann auch noch mit blöder Maske“. Dass die Physiomaus plötzlich völlig in der Kommunikation mit meinem Kind vertieft war, lenkte mich unglaublich ab, auch von meinen aufsteigenden Tränen. Ich weiß nicht genau, was an ihr das Gefühl bewirkte, aber ich empfand mein Kind schon nach wenigen Minuten als keines mehr, was anders war oder als therapiebedürftig eingestuft wurde.

Nachdem wir die ganzen Parameter zu Samus Geschichte abgehakt hatten, begann die Turnstunde, die Samu zumindest beim ersten Mal noch äußerst interessant fand und mich nicht blamierte. So war es Thema, dass Rotationen wichtig sein, aber man ihn auch dringend über seine rechte Seite animieren müsste nach Dingen zu greifen oder diese zu schlagen, je nachdem auf welchem Entwicklungsstand der Säugling aktuell sei. Natürlich wäre ich nicht da gewesen, wenn meinem Kind nicht die Hand fehlen würde, dennoch hatte die Therapiestunde etwas von einer Krabbelgruppenstunde nur ohne andere Babys, denn netten Smalltalk hatte ich alle mal. So erhielt ich am Ende sogar noch den äußerst wichtigen Tipp, dass unser Schnuller viiiieeeel zu groß sei für dieses kleine Mäuschen. Besser hätte es auch die Stillmafia nicht beobachten können, denn dass die Dinger durchs Abkochen und Desinfizieren aufquellen, war mir beim täglichen Gebrauch natürlich nicht aufgefallen. Allein dafür hatte sich die Sitzung bei der Physiothapetie, wie mein 2,5-Jähriger damals immer sagte, gelohnt.

Osteo, Physio und Co.

Nachdem ich nun etwas in der Chronologie gesprungen bin, versuche ich nun wieder einen Schritt zurückzugehen. Denn ich wollte euch noch berichten, welche Erfahrungen ich mit Samu beim Osteophaten und bei der Physiotherapie gemacht habe.

Als Samu die ersten Wochen so unglaublich schrie, wollte ich als Mutter nichts unversucht lassen und ließ mich von meiner Hebamme dazu überreden, einen Kinderosteophaten aufzusuchen. Irgendwie sagte mein Mutterinstinkt zwar wieder, dass dies nicht die Lösung des Problems sei, dennoch vereinbarte ich einen Termin.

In unserer Nachbarstadt erwartete mich ein junger, äußerst attraktiver Mann, der als erstes wieder die üblichen Fragen stellte: Name, Geburtsdatum, Diagnose und gaaannnz wichtig wo versichert? Ich beantwortete die Fragen brav und legte mein Kind danach wie angewiesen auf die Patientenliege, die im Vergleich zu einem Säugling überdimensional wirkt. Samu schaute sich derweil interessiert um und fand alles noch ganz spannend. Ich war froh, dass er nicht wieder die gesamte Praxis zusammenschrie, obwohl diese Gott sei Dank überschaubar war. Wahrscheinlich manierte sich mein Kind deshalb, es gab zu wenig Zuhörer.

Mr. Gutaussehend wollte noch einmal wissen, ob ich wegen der Hand gekommen sei. Ich sagte ihm, dass dies hoffentlich mit den wenigen Wochen noch kein Problem für mein Baby darstelle, aber er abends ein Konzert in allen Tonlagen gebe, dass wir uns schon überlegt haben, ob er eventuell beim Kaiserschnitt komisch rausgeholt worden war. Er schob daraufhin beide Hände unter Samus Rücken und schloss die Augen.

Es verging gefühlt eine Ewigkeit und ich nahm alle Geräusche im Raum war: nerviges Uhrenticken, das Ausatmen meines Kindes, das Gekrummel meines Bauches, welcher nach Futter schrie, und die Marktgeräusche unterhalb des Praxisfensters. Irgendwie ist es mir immer ziemlich unangenehm, wenn sich zwei Erwachsene in einem Raum befinden und ca. zehn Minuten kein Wort gesprochen wird. Es macht mich nervös, unglaublich nervös. Vielleicht liegt das daran, dass auf meinem Grabstein geschrieben stehen wird: „Die Gosch mussten wir extra totschlagen!“. Vielleicht sollte ich mehr zur Ruhe kommen, wenn ich die Stille nicht aushalte, aber das nur als kleine selbstreflektierende Randbemerkung meinerseits.

Nach der gefühlten Ewigkeit sagte der Osteopath, dass er schon spüre, dass Samu auf der rechten Seite eher steif wirke und wir da entgegenwirken sollen. Er zeigte mir eine Technik, die ich im Nachgang als Krabbelfummelrückentechnik bezeichnen möchte. Wir sollten einfach die Hände unter Samus Körper schieben und dann Klavier spielen, damit er sich lockert.

Ich sage es euch ganz ehrlich, ich machte den Spaß ein paar Tage, aber Samu fand es jedes Mal richtig scheiße. Auch die weiteren Termine beim Jungtherapeut brachten leider nicht den gewünschten Erfolg hinsichtlich Samus Sinfoniekonzerten und auch mein Säugling zeigte mittlerweile in der Praxis, was er von dem ganzen Prozedere hielt. Versteht mich nicht falsch, insgesamt halte ich sehr viel von Osteopathie, aber für uns war es einfach nicht der richtige Weg.

Dennoch nahm ich eins aus diesen vier oder fünf Sitzungen mit, nämlich dass Samu doch ein wenig mit der betroffenen rechten Seite zu kämpfen hatte. Also entschloss ich mich, entgegen der Meinung von Herrn Prof. Habenicht, einen Physiotherapeuten aufzusuchen. Also next stop Physio…