Instagram

Lange Zeit habe ich mich vor Social Media Plattform Instagram gedrückt. Ich meinte immer, dass durch diese Art Schauplatz der Untergang des Abendlandes bevorstehe. Denn sind wir mal ehrlich, viel Text findet man dort nicht. Oft posten Pseudoprominente, oder die, die es werden wollen, völlige Belanglosigkeiten aus ihrem täglichen Leben – und das leider oft sogar mit Bild und Ton. Nicht selten kommt es dabei vor, dass man sich als einigermaßen gebildeter Bürger einfach nur noch fremdschämen möchte. Ein anderer Teil der Bevölkerung lacht sich eben kaputt und vergeudet mehrere Stunden seiner wertvollen Zeit vor seinem Handy, um sich eben diesen Blödsinn reinzuziehen: Wer ist wieder schwanger und von wem? Welcher Serienschrott hat mit welcher Orgie die Zuschauer überzeugt? Hatten GNTM’s Spinatknödel zum Mittagessen oder sogar Burger? Was packen Meghan und Harry noch über das britische Königshaus aus? Welche Peinlichkeiten postet Donald Trump (oder ist der mittlerweile dort gesperrt?)? – ganz ehrlich: Who cares??? Leider wohl eine ganze Menge an Leuten mit viel viel Zeit…

In Vorbereitung auf diesen Blog habe ich mich durch die Freundin meines Schwagers belehren lassen, dass heutzutage niemand mehr Facebook benutze. Die Jüngeren seien alle auf Instagram umgestiegen. Die Jüngeren… wie das klingt… als käme ich aus der Steinzeit. Aber gut, da ist es wieder das verdammte Karma, habe ich doch früher auch alle Ü30 als Gruftis bezeichnet. Es schlägt immer zurück, denkt dran! „Na gut, dann zeig mal her!“, ließ ich mich doch hinreißen.

Wie vermutet, konnte ich mich zunächst nicht damit anfreunden. Alles wirkt so profan, trivial und oft ohne Sinn und Verstand. Gut, lebte man nicht schon in Rom nach dem Motto: Gebt den Leuten Brot und Spiele? Nichts anderes ist die Unterhaltungsindustrie heute. Immer schön ablenken von den wirklich wichtigen Dingen, damit der Großteil der Bevölkerung die Klappe hält. Aber das wäre ja jetzt fast ein eigener Beitrag wert. Keine Angst, Samus Blog wird nicht für politische Zwecke missbraucht, also zurück zum Thema…

Ich ließ mich überreden, ein Profil anzulegen, um mehr Menschen mit meinem Blog zu erreichen. Nach nunmehr einigen Monaten der Nutzung muss ich auch etwas zurückrudern. Einige positive Aspekte habe ich Instagram nun doch abgewinnen können. Beispielsweise gibt es eine junge Frau aus München, die veranschaulicht, wie es wunderbar möglich ist, mit nur einer Hand alles um Leben zu bewältigen. So zeigt sie, wie es geht, sich die Schuhe zu binden oder im Restaurant mit Messer und Gabel zu essen. Auch tilly.lockey, eine junge Frau aus GB, der beide Arme fehlen, ist sehr inspirierend und schenkt mir unglaublich viel Mut. Weiterhin habe ich sehr liebe Kontakte durch dieses Internetportal knüpfen können und lerne auch immer mehr Personen weltweit kennen.

Ebenso gibt es schon auch Nützliches zu abonnieren: Tagesguck, Ausflugsziele mit Kindern, Fitnessvideos oder auch Reisetagebücher und so weiter. Und ja, ich gestehe… Auch ich konsumiere natürlich mittlerweile Promiflash, Daniela Katzenberger und Co., denn jeder braucht wahrscheinlich das gewisse Maß und Klatsch und Tratsch, um den Alltagssorgen zu entfliehen. Also ja, bitte bespaßt mich weiter mit euren Posts, die eigentlich die Welt nicht braucht.

Die Facebook-Diskussionsgruppe ahoi e.V.

Bereits in der Schwangerschaft erfuhr ich von einem befreundeten Pärchen, die selbst betroffenen sind, von der ahoi-Facebookgruppe. Da man dort nur aufgenommen wird, wenn man in irgendeiner Form mit dem Thema Dysmelie zu tun hat, bedeutete dies erstmal eine Anfrage zu stellen und kurz zu erklären, weshalb ich aufgenommen werden wollte. Dies war aber in der Tat sehr unkompliziert und es dauerte nicht lang, bis meine Anfrage bearbeitet wurde.

Ich muss gestehen, dass ich damals natürlich wie ein Schwamm war. Ich saugte in meiner Schwangerschaft sämtliche Beiträge der letzten Monate auf, wenn nicht gar Jahre. Selbstverständlich half es mir auch zu erfahren, welche unterschiedlichen Formen von Handfehlbildungen es gibt. Somit konnte ich mich mental auf die mir bevorstehende Situation ein wenig besser einstellen. Auch der Blog von Julia (https://zehnfingersinddreizuviel.com/), ich berichtete bereits davon, war unglaublich wertvoll für mich, denn ich hatte plötzlich das Gefühl, nicht allein auf diesem gottverdammten, ungerechten Sch…planeten zu sein. Natürlich taten mir ihre Beiträge in der Seele weh, natürlich heulte ich Rotz und Wasser und natürlich wusste ich, dass mir diese ganzen schmerzvollen Erfahrungen mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso bevorstehen werden, aber es schuf auch so ein unsichtbares Band der Verbundenheit zwischen zwei Müttern, die sich noch nicht einmal kannten.

Ebenso finde ich es nach wie vor unglaublich toll, dass dort alle Eltern mit ihren Sorgen und Ängsten rund um ihre Kinder zu Wort kommen können, ohne in irgendeiner Form diskriminiert oder belächelt zu werden und durch die Community Hilfe finden. Dabei geht es um ganz unterschiedliche Themen.

Im Hinblick auf die medizinischen Belange wird beispielsweise Folgendes diskutiert: In welcher Klinik/bei welchen Ärzten finde ich die beste Hilfe für unsere Situation? Welche Hilfsmittel gibt es und ab welchem Alter sind diese geeignet? Gibt es Erfahrungen mit Zehentransplantationen?

Auf der anderen Seite gibt es aber auch unglaubliche Tipps und Tricks rund um die Bewältigung des Alltags mit unseren Mäusen. So wurden mir sehr viele Ängste genommen, weil ich plötzlich durch Bilder oder Videos miterlebte, dass es überhaupt kein Problem für Kinder darstellt, mit einer Hand zu essen, mit einer Hand zu schneiden, oder auch sich mit einer Hand an und aus zu ziehen. Es geht alles, es geht halt nur ein bisschen anders.

Auch erlebt man unglaublich viele Kinder und Jugendliche, die sich von nichts abbringen und einschüchtern lassen, so nach dem Motto: Du schaffst das nicht, gibt es nicht! Nein, sie sind wahrscheinlich oft viel stärker als andere Kinder und erbringen in unterschiedlichen sportlichen Bereichen Höchstleistungen.

Es ist ganz wunderbar, daran teilhaben zu können, denn es verleiht mir mit meinem Baby Mut, dass auch Samu alles können wird. Obwohl mir das intuitiv schon irgendwie auch klar ist. Die größte Sorge mache ich mir ja nach wie vor um unsere Gesellschaft. Als Mutter von einem älteren Kind sowie als Lehrerin weiß ich, wie gemein, diskriminierend, ausgrenzend und einfach unglaublich hässlich Kinder sein können.

Auch in diesem Zusammenhang helfen mir Beiträge der Gruppe oft, mich mal runterzufahren und mich zu beruhigen. So sehe ich Menschen, die ihre wunderbaren, glücklichen Familien posten; Menschen, die Instrumente spielen, die man nicht für möglich hält; Menschen, die Berufe ergreifen, die einem als Nichtbetroffener nicht machbar erscheinen. Ich erhalte Einblicke in mir völlig fremde Familien, die mich aber eins lehren, nämlich dass nichts unmöglich ist. Denn niemandem bleibt etwas verwehrt, nur weil ein Körperteil fehlt. Beruflicher Erfolg ist völlig normal, gesellschaftliche Integration ebenso und erst recht, und das ist für mich das Wichtigste, dass man in Partnerschaften oder durch gute Freunde erfährt, dass man geliebt wird, für das, was man ist: ein Mensch.

An dieser Stelle möchte ich mich deshalb ganz herzlich bei all den Gruppenmitgliedern für eure wertvollen Beiträge und euren Einblick in eure Privatleben bedanken. Ihr habt mir in vielen schweren Stunden geholfen und tut es noch.

Das Schreiben als Therapie

Ja, ich gebe es zu! Ich bin nicht die Person, die vor anderen nah am Wasser gebaut ist. Ebenso wenig bin ich jemand, der sein Herz bei Seelenklempnern ausschütten kann. Durch einen psychologischen Anteil im Studium weiß ich natürlich, dass zur Behebung der eigenen Blockaden, Ängsten und Traumata immer externe Personen von Nöten sind… Aber was soll ich sagen? Ich fasse sehr schwer Vertrauen zu Menschen. Das mag vielleicht für einige Freunde, Bekannte oder auch Leute, die mich kennen, suspekt klingen, bin ich doch laut, direkt und erzähle gern und viel. Nur in meine Seele schauen, das können die wenigsten.

Am liebsten habe ich in der Vergangenheit meine eigenen Sorgen und Probleme verdrängt, indem ich anderen mit ihren Schwierigkeiten geholfen habe. Auch war es ein sehr ausgeprägtes Hobby von mir, mich für die Gerechtigkeit im Allgemeinen einzusetzen. Dass sich dabei viele freuten, weil der Pitbull das Maul aufriss, sie davon profitierten, ich mir dadurch aber selbst immer wieder gern Steine in den Weg legte, lasse ich mal dahingestellt.

Obwohl ich dieses Verhalten in den letzten Jahren schon extrem minimiert habe, kann ich es bis heute nicht ganz lassen. In der Regel wird mir aber immer wieder aufgezeigt, wie Menschen in einer Gesellschaft funktionieren: Geht es um ihren eigenen Arsch oder um die Bedürfnisse ihrer Familie, so wird die Person, die sie vertritt, natürlich supportet. Erhofft man sich irgendwann einmal eine selbstlose Gegenleistung, wird man dabei außerhalb des Freundeskreises oft enttäuscht. Ja, ich habe meinen Glauben an das Gute in JEDEN Menschen irgendwie verloren. Viele sind absolut nicht vertrauenswürdig oder loyal. Die meisten sind sich leider selbst die Nächsten, narzisstisch und arrogant, drehen sich wie eine Fahne im Wind, lästern gern über andere, sind profitgeil, geiern nach Anerkennung durch ihre Vorgesetzten oder haben anderweitig einen an der Waffel.

Und unter diesen ganzen Aasgeiern soll ich dann einen mir völlig wildfremdem Menschen, einem Phönix quasi, finden, der mir auf Anhieb sympathisch erscheint und dem ich meine Probleme anvertrauen will? Ich würde mir zwar eine relativ gute Menschenkenntnis bescheinigen, aber sind wir doch mal ehrlich: 1.Einen Termin heutzutage bei einem Psychologen zu ergattern, wäre ja bereits wie ein Sechser im Lotto und 2. Dann noch einen finden, der mir taugt? – ein wenig schwierig bei dem bereits angesprochenen Glücksspielerfolg…

Ich kenne im übrigen sowohl Patienten als auch Psychologen. Erst Genannte haben oft kein wirkliches Vertrauensverhältnis zu ihrem Gegenüber, aber trauen sich nicht zu wechseln oder gar die Therapie zu beenden. Die Letztgenannten in meinem näheren Umfeld wollen durch ihren Job meiner Meinung nach eher ihr eigenes Seelenheil herbeibeschwören. Dass dies nicht funktioniert, weiß eigentlich jeder nach dem ersten Semester Psychologie – die meisten probieren es scheinbar dennoch. Gut, sicherlich gibt es einige ganz wunderbare Therapeuten da draußen, aber da sucht man vermeintlich die Nadel im Heuhaufen oder auch den Heiligen Gral wie bereits bei den Hebammen. Nur gibt es hierbei einen entscheidenden Unterschied: Fragt man nach einer Geburtshelferin wird man in der Regel nicht schräg angeschaut.

Aufgrund der genannten Gründe habe ich für mein Leben beschlossen, viele Dinge mit mir selbst auszumachen. Freunde will ich immer ungern noch mit meinem Müll vollladen, denn jeder hat heute sein Päckchen zu tragen. Auch mit meiner Familie ist das so eine Sache. Und mein Mann und ich haben im Moment wenig Zeit überhaupt Zweisamkeit zu verbringen. Diese will ich am allerwenigsten mit dunklen Gedanken überschatten. So kam ich zum Schreiben und verarbeite somit quasi meine Gedanken und Gefühle am Schreibtisch mit meinem Laptop.

Falls jetzt jemand denkt: „Oje, die Arme, das klingt aber traurig“, dem möchte ich versichern, dass dies ein guter Weg für mich ist. Ich verteile somit alles sinnbildlich gesprochen auf sehr viele Menschen, nämlich meine Leser, auf dich, der diesen Beitrag gerade liest. Und das positive Feedback von ganz vielen Personen zeigt mir, dass mein gewählter Weg aktuell der richtige für mich ist. Mag ja sein, dass dies irgendwann anders ist.

Im Moment finde ich es ok, wenn Fremde über mich sagen: „Sue ist höflich, aber distanziert.“ (Zitat eines Theaterkursteilnehmers). Ich bin damit nicht allein, wie ich neulich in meinem Gewerkschaftsblättle las. Darin wurde Caro Blofeld vorgestellt, eine Berufsschullehrerin aus Ost-Württemberg, die wohl ein humoristisches Tagebuch veröffentlicht hat. Als ich das Interview mit ihr überflog, musste ich schmunzeln, denn diese mir völlig unbekannte Frau erinnerte mich an mich selbst. Ich möchte kurz die ersten Zeilen zitieren (und dabei ist die Überschrift ja schon geil): „Goethe würde Metal hören“

(Quelle: https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/goethe-wuerde-metal-hoeren/, Zugriff am 20.05.21)

11.05.2021 – Interview: Christoph Ruf, freier Journalist

  • E&W: Frau Blofeld, wenn Lehrerinnen oder Lehrer Bücher schreiben, geht es oft um Eltern, Kolleginnen und Kollegen oder Schülerinnen und Schüler. Was hat Sie bewogen, eines zu schreiben, das Sie selbst als „humoristisches Tagebuch“ einer Lehrerin mit Metal-Leidenschaft bezeichnen?

Caro Blofeld: Ich mochte Bücher noch nie, in denen es darum geht, wie dumm und nervig doch angeblich die Schülerinnen und Schüler oder die Helikopter-Eltern seien. Zumal die oft sehr pauschal sind. Ich habe vor ein paar Jahren angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben, habe dann aber schnell gemerkt: Das bin ich nicht. Das ist bei „Teach ’em all“ anders. Wer das Buch liest, kennt mich danach besser als meine Mutter. Wobei das auch nicht so schwierig ist.

  • E&W: Das Buch wimmelt von lustigen Anekdoten aus dem Schulalltag, aber eben auch aus Ihrem Privatleben, in dem Clubbesuche oder Festivals eine gewisse Rolle spielen. Hatten Sie keine Angst, zu viel von sich preiszugeben?

Blofeld: Nein, wobei mich das selbst gewundert hat. Ich bin offenbar ein Mensch, der kein Problem damit hat, wildfremden Menschen gegenüber am Büchertisch sein Leben auszubreiten, der im direkten Gespräch aber länger braucht, sich zu öffnen.

Besonders die letzten Zeilen zeigten mir: Ich bin nicht allein!

Wie aus Frau F Manja wurde

Obwohl mir die nächsten neun Sitzungen bei der Physiotherapie unter normalen Umständen einiges abverlangt hätten (Zeit, Parkgebühren, die Klinik meines Vertrauens hust, hust, die Blicke fremder Leute etc. pp), freute ich mich eigentlich regelmäßig auf die Dienstage. Das Wort eigentlich ist hier unbedingt nötig, da die Eingrenzung meiner Freude durch die Aufzählungen in der Klammer schon ein bisschen stattfand. Dennoch freute ich mich immer auf einen Plausch mit meiner Schwester des Ostens, mit der man mal wieder ungezwungen den alten Dialekt völlig ungeniert auspacken konnte.

So quatschten wir über unsere Erfahrungen hinsichtlich der neuen Wahlheimat und ja, es war beruhigend zu wissen, dass auch andere Ostbürger die Erfahrung gemacht hatten, dass man im Süden der Republik manchmal eher zu einer Art Trauerfeier geht anstatt zu einem Geburtstag. Selbstverständlich möchte ich an dieser Stelle ganz viele mir auch liebgewonnene Freunde ausschließen, das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass es schon oft vorkommt. Keine Ahnung warum, aber vielen Personen müsste man einfach mal den Stock aus dem Popes ziehen, damit sie endlich mal locker in der Schlüpfer werden. Und eins ist mal ganz sicher, egal ob man Menschen aus der ehemaligen Täterä (und des erweiternden Ostblocks selbstverständlich) nun mag oder nicht, aber oft sind wir die Stimmungsaufheller. Wir sind die Leute, die zwar polarisieren, aber an denen man nun mal nicht vorbei kommt hihi. Ok, genug der Werbung für Ossis, weiter im Text.

Natürlich war mein kleiner Mausebär zwischen unserem ganzen Gequake immer wieder Thema (Obacht, Frauen sind nämlich multitasking; zumindest was die Betätigung unseres Mundwerkes anbelangt). Mir wurden Übungen für zuhause an die Hand gegeben, erklärt, was er für sein Alter können muss oder auch nicht, aber vor allem wurde mir unglaublich die Angst genommen, von Frau F, die mir mittlerweile viel besser bekannt und ans Herz gewachsen ist als Manja. Auch sie äußerte, dass ich mir nicht so viele Sorgen machen solle aufgrund der Hand, denn Samu werde seinen Weg schon gehen. Aber im Gegensatz zu vielen anderen hatte ich bei ihr ganz oft das wunderbare Gefühl, dass sie schon recht behalten würde.

Neben Babysport und erheiternden Gesprächen thematisierten wir schon auch ernstere Dinge. Von Sitzung zu Sitzung hatte ich immer mehr das Gefühl zurück zu mir zu finden und Manja einfach Sachen anvertrauen zu können, gerade auch im Hinblick auf meine Gefühlswelt rund um Samu. Dabei kam auch das Wort Therapie ins Spiel, nur eben nicht für den körperlichen Zustand, sondern eher für mein Oberstübchen, mein Seelenheil, mein Inneres – wie auch immer man nun das wenig Greifbare bezeichnen möchte. Ich erzählte Manja von meinem Blog und davon, dass ich dort versuche, ganz viel zu verarbeiten, indem ich es mir von der Seele schreibe. Ein Mensch, der mir dabei hilft, mit mir und der Welt wieder klarzukommen, war für mich zum damaligen Zeitpunkt undenkbar. Auch wenn ich oft laut, aber lustig, robust und unverwüstbar, wirke, fällt es mir extrem schwer über Gefühle zu sprechen; also tiefsitzende negative Gefühle und meine Kids sind dabei quasi meine Achillesverse. Mit Manja konnte ich das, da sie eben zufälligerweise die perfekte Therapeutin für Samu und mich war (Oder gibt es den Zufall vielleicht gar nicht und uns werden immer die richtigen Menschen zur richtigen Zeit gesandt? Nur eine kleine Überlegung am Rande). Sie unterstützte mein Kind bei der richtigen Entwicklung und mich bei der Seelenheilung.

Deshalb meine Liebe möchte ich dir an dieser Stelle ein ganz großes Dankeschön aussprechen, denn ich weiß, dass du oft mitliest, sofern es als berufstätige Mama eben geht. Danke für die wertvollen Gespräche mit dir. Danke, dass du auch weiterhin zu unserem Leben gehörst und Samu mit Adleraugen überwachst. Danke, für die wertvollen Kontakte, die ich durch dich erhielt, um für mich selbst zu heilen. Und auch ein ganz großes Dankeschön für dein offenes Ohr, das du mittlerweile als Freundin für mich hast.

Eine Schwester des Ostens oder auch Samus Physiothapetie

Wie bereits erwähnt, konnte ich mich noch nicht richtig mit der Entscheidung anfreunden, Samu mit seinen gerade einmal acht Wochen zu einer Physiomaus zu schleifen, aber irgendwie sagte mein Inneres wieder, dass es auch nicht schaden könne. Also rief ich in einer Praxis an, die mir von einer Nachbarin ans Herz gelegt wurde. „Wir haben leider erst im Juni wieder etwas frei“, tönte eine ältere Dame ins Telefon. „Also gut, dann tragen Sie uns da bitte ein“, entgegnete ich.

Da es aber nicht zu meinen charakterlichen Stärken gehört zu warten, versuchte ich es über unsere Klinik, schließlich waren wir da auch im SPZ. Wieder hatte ich eine sehr liebe Person am Telefon. „Ob das wohl zum Berufsbild gehört?“, dachte ich. Ich fühlte mich auf jeden Fall auch hier gut aufgehoben und bekam einen Termin für die kommende Woche, allerdings bei einer Frau F, die sich noch bei mir melden würde bezüglich eines Tages und der Uhrzeit.

Frau F meldete sich auch zeitnah bei mir und war mir von Anfang an sehr sympathisch, denn sofort war auch durch den Dialekt klar, dass es sich bei ihr um eine Schwester des Ostens handelte. Ich weiß nicht warum, aber es sorgt bei mir immer gleich für Wohlfühlatmosphäre, Vertrauen und Heimatgefühl. So schnackten wir bestimmt auch schon beim ersten Telefonat 15min, um einen simplen Termin zu vereinbaren. Kamen irgendwie vom Hundertsten ins Tausendste – passiert oft bei Menschen aus dem Ostblock (inkl. alle Staaten östlich der ehemaligen DDR); viele Menschen sind da weniger verstockt, habe ich den Eindruck.

Beim ersten Termin, der natürlich pünktlich eingehalten werden konnte, da er nicht mit Frau B vom SPZ vereinbart wurde (habe die blöde Trulla nicht vergessen und wurde jeden Dienstag auch brav beim Vorbeischlappen an sie erinnert), war ich schon ziemlich aufgeregt. Wieder eine neuen Person die Geschichte rund um Samu erzählen, vielleicht wieder schwer Verdauliches in diesem Zusammenhang ertragen, wieder jede Woche mit meinem Mausbär durch Klinikhallen schlappen und dabei überlegen, ob ich selbstbewusst das Ärmchen frei lasse oder den Pulli drüber streife. Ich glaube ich habe Letzteres bis ganz zum Schluss getan, weil ich immer noch nicht mit der Situation umgehen konnte.

„Hey, ich bin MF. Ihr wollt sicher zu mir und du bist der kleine Samu. Wartet noch kurz, ich bin gleich für euch da“, überrollte uns Samus selbstbewusste, dynamische Physiotherapeuten in einem mir sehr bekannten und beliebten Dialekt (und da sch… ich drauf, was der Rest der Nation von uns hält!). „Jawohl geht klar“, antworte ich, wusste aber gar nicht, ob sie es noch gehört hatte. So schnell, wie Frau F verschwunden war, sauste sie wieder mit Handtüchern an uns vorbei, hielt uns die Tür auf und sagte: „So hereinspaziert, kann losgehen“.

Ich glaube, wenn Menschen dabei gewesen wären, die mich gut kennen, hätten diese sofort erkannt, dass ich mich ganz unsicher verhielt. Gar nicht suelike: crash boom bang. Ganz vorsichtig packte ich Samu aus seinen Winterklamotten und versuchte zeitgleich an bisschen zu berichten, wer wir waren. Dabei wurde ich ziemlich schnell unterbrochen mit dem Satz: „Ihr seid aber nicht nur da wegen der Hand?“. „Ähm doch. Betroffene Eltern haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht“, stotterte ich verunsichert. „Na dann schauen wir mal… Na du kleiner Mann. Schon wieder ein neues Gesicht und dann auch noch mit blöder Maske“. Dass die Physiomaus plötzlich völlig in der Kommunikation mit meinem Kind vertieft war, lenkte mich unglaublich ab, auch von meinen aufsteigenden Tränen. Ich weiß nicht genau, was an ihr das Gefühl bewirkte, aber ich empfand mein Kind schon nach wenigen Minuten als keines mehr, was anders war oder als therapiebedürftig eingestuft wurde.

Nachdem wir die ganzen Parameter zu Samus Geschichte abgehakt hatten, begann die Turnstunde, die Samu zumindest beim ersten Mal noch äußerst interessant fand und mich nicht blamierte. So war es Thema, dass Rotationen wichtig sein, aber man ihn auch dringend über seine rechte Seite animieren müsste nach Dingen zu greifen oder diese zu schlagen, je nachdem auf welchem Entwicklungsstand der Säugling aktuell sei. Natürlich wäre ich nicht da gewesen, wenn meinem Kind nicht die Hand fehlen würde, dennoch hatte die Therapiestunde etwas von einer Krabbelgruppenstunde nur ohne andere Babys, denn netten Smalltalk hatte ich alle mal. So erhielt ich am Ende sogar noch den äußerst wichtigen Tipp, dass unser Schnuller viiiieeeel zu groß sei für dieses kleine Mäuschen. Besser hätte es auch die Stillmafia nicht beobachten können, denn dass die Dinger durchs Abkochen und Desinfizieren aufquellen, war mir beim täglichen Gebrauch natürlich nicht aufgefallen. Allein dafür hatte sich die Sitzung bei der Physiothapetie, wie mein 2,5-Jähriger damals immer sagte, gelohnt.

Osteo, Physio und Co.

Nachdem ich nun etwas in der Chronologie gesprungen bin, versuche ich nun wieder einen Schritt zurückzugehen. Denn ich wollte euch noch berichten, welche Erfahrungen ich mit Samu beim Osteophaten und bei der Physiotherapie gemacht habe.

Als Samu die ersten Wochen so unglaublich schrie, wollte ich als Mutter nichts unversucht lassen und ließ mich von meiner Hebamme dazu überreden, einen Kinderosteophaten aufzusuchen. Irgendwie sagte mein Mutterinstinkt zwar wieder, dass dies nicht die Lösung des Problems sei, dennoch vereinbarte ich einen Termin.

In unserer Nachbarstadt erwartete mich ein junger, äußerst attraktiver Mann, der als erstes wieder die üblichen Fragen stellte: Name, Geburtsdatum, Diagnose und gaaannnz wichtig wo versichert? Ich beantwortete die Fragen brav und legte mein Kind danach wie angewiesen auf die Patientenliege, die im Vergleich zu einem Säugling überdimensional wirkt. Samu schaute sich derweil interessiert um und fand alles noch ganz spannend. Ich war froh, dass er nicht wieder die gesamte Praxis zusammenschrie, obwohl diese Gott sei Dank überschaubar war. Wahrscheinlich manierte sich mein Kind deshalb, es gab zu wenig Zuhörer.

Mr. Gutaussehend wollte noch einmal wissen, ob ich wegen der Hand gekommen sei. Ich sagte ihm, dass dies hoffentlich mit den wenigen Wochen noch kein Problem für mein Baby darstelle, aber er abends ein Konzert in allen Tonlagen gebe, dass wir uns schon überlegt haben, ob er eventuell beim Kaiserschnitt komisch rausgeholt worden war. Er schob daraufhin beide Hände unter Samus Rücken und schloss die Augen.

Es verging gefühlt eine Ewigkeit und ich nahm alle Geräusche im Raum war: nerviges Uhrenticken, das Ausatmen meines Kindes, das Gekrummel meines Bauches, welcher nach Futter schrie, und die Marktgeräusche unterhalb des Praxisfensters. Irgendwie ist es mir immer ziemlich unangenehm, wenn sich zwei Erwachsene in einem Raum befinden und ca. zehn Minuten kein Wort gesprochen wird. Es macht mich nervös, unglaublich nervös. Vielleicht liegt das daran, dass auf meinem Grabstein geschrieben stehen wird: „Die Gosch mussten wir extra totschlagen!“. Vielleicht sollte ich mehr zur Ruhe kommen, wenn ich die Stille nicht aushalte, aber das nur als kleine selbstreflektierende Randbemerkung meinerseits.

Nach der gefühlten Ewigkeit sagte der Osteopath, dass er schon spüre, dass Samu auf der rechten Seite eher steif wirke und wir da entgegenwirken sollen. Er zeigte mir eine Technik, die ich im Nachgang als Krabbelfummelrückentechnik bezeichnen möchte. Wir sollten einfach die Hände unter Samus Körper schieben und dann Klavier spielen, damit er sich lockert.

Ich sage es euch ganz ehrlich, ich machte den Spaß ein paar Tage, aber Samu fand es jedes Mal richtig scheiße. Auch die weiteren Termine beim Jungtherapeut brachten leider nicht den gewünschten Erfolg hinsichtlich Samus Sinfoniekonzerten und auch mein Säugling zeigte mittlerweile in der Praxis, was er von dem ganzen Prozedere hielt. Versteht mich nicht falsch, insgesamt halte ich sehr viel von Osteopathie, aber für uns war es einfach nicht der richtige Weg.

Dennoch nahm ich eins aus diesen vier oder fünf Sitzungen mit, nämlich dass Samu doch ein wenig mit der betroffenen rechten Seite zu kämpfen hatte. Also entschloss ich mich, entgegen der Meinung von Herrn Prof. Habenicht, einen Physiotherapeuten aufzusuchen. Also next stop Physio…

Corona trotz Impfung? Plus MRT…

Die Zeit des Wartens kann einem echt unendlich lang erscheinen, vor allem wenn angeordnet wurde, dass man eigentlich innerhalb der nächsten Stunden das Haus nicht verlassen dürfte. Ich gestehe, ich hielt mich so semi dran, denn immerhin war ich geimpft und als zweifache Mutter auch nicht auf nem angesagten Rave gewesen. Ebenso wenig war ich im Ausland, hatte mit fremden Leuten gekuschelt oder mich beim Friseur phallustiert. Apropos bei Letzterem hatte ich die Woche drauf einen Termin und den galt es wahrzunehmen mit 15cm Ansatz.

So ging ich wenigstens mit dem Hund am späten Abend spazieren, da ich zumindest einmal am Tag dringend an die frische Luft muss – das war mit Mitte 20 noch völlig unverständlich, aber man wird ja alt. Am nächsten morgen schaute ich gefühlt alle 10min auf mein dubbeliges Handy, ob die tolle Laborergebnis-App bereits etwas ausspuckte. Diese sagte mir zwar auch, dass sie mich informieren würde, sobald neue Erkenntnisse hochgeladen würden, aber der Technik vertrauen, ist eh nicht so mein Ding.

Nach 24h am Samstag verlor ich mal wieder fast die Geduld. Die zu haben ist by the way auch nicht so meine Stärke und als würde der da oben mich mal wieder auf die Probe stellen, wartete ich noch bis 18 Uhr am Abend. Nun wusste ich zwar, dass ich nicht bazillus maximus war, aber zu irgendeinem MRT zu schlappen, klappte nun natürlich auch nicht mehr, da mein Erstgeborener auf gar keinen Fall ohne seine Mama ins Bett gehen kann. Außerdem hatte mein Männle Geburtstag und da dieser eh erst am Abend aufkreuzte, dachte ich mir mal wieder, dass Unkraut schon nicht vergehen würde. Gleiches galt für den heiligen Sonntag.

Am Montag rang ich mich dann dazu durch, bei der empfohlenen Radiologie anzurufen und war schon auf unfreundliches Personal am Telefon eingestellt. Überraschenderweise war jedoch eine sehr nette Dame am Telefon, die mir vorschlug am Nachmittag vorbeizuschneien, um mein hübsches Köpfchen untersuchen zu lassen. Kurzerhand die Betreuung meine Mäuse sichergestellt und ab zum nächsten Arzt im Coronaimpfungsendzeitwahnsinn. Während ich es gewohnt war, in allen Kliniken, Praxen etc. zumindest bei solchen Terminen ein Stündchen zu warten, war man hier gleich dran.

Wenn ich mich nicht dazu entschieden hätte, die Anonymität sämtlicher Ärzte und Kliniken zu wahren, würde ich euch diese jetzt sehr empfehlen und über den grünen Klee loben. Für alle, die uns aber persönlich kennen, gibt es den Tipp, dass es sich um die CB-Klinik handelt, wobei man gar nicht denkt, dort radiologisch betreut werden zu können.

Ich wurde also in die Röhre geschoben und obwohl es sensationell laut ist, versuchte ich zu entspannen, indem ich mir vorstellte, dass ich am Strand auf einer Techno-Party in der Hängematte liege und Cocktail schlürfe. Glaubt mir, wenn man mit zwei Kids den ganzen Tag unter Strom steht und schaut, dass keiner stirbt oder sich zumindest nicht irgendwie schwer verletzt, dann sind selbst MRT-Geräusche äußerst entspannend. Am Ende der Veranstaltung merkte die MRT-Fachangestellte (wie auch immer man die Assistenz hierbei nennt) an, dass ich aber ganz schön arg erkältet sei. Was sie genau damit meinte, erfuhr ich im Gespräch mit dem Arzt.

„Also Frau Lorenz, die Sinusvenenthrombose können wir ausschließen und ansonsten ist mit ihrem Kopf alles in Ordnung, aber ich habe dennoch ne Kleinigkeit gefunden“, sagte Prof. Dr. T. Mein Puls war auf über 5000 gestiegen. „Na super, jetzt muss ich doch jämmerlich abdanken und meine Kinder werden ohne mich groß werden müssen“, ging es mir durch den Kopf. „Sie haben eine akute Nasennebenhöhlenentzündung, die dringend behandelt werden muss“, riss mich der Doctore aus meinen dunklen, verrückten Gedanken. „Was? Wie? Wann und wo? Doch kein frühzeitiges Ableben? Na das ist ja wunderbar! Dürfte mit dem guten alten Antibiotikum behandelbar sein“, dankte ich innerlich Prof. T.

Jetzt wusste ich auch, dass die Dame, die das MRT durchführte nicht heilsehen konnte, sondern lediglich die Bildchen gut interpretierte. Am Ende sprang ich förmlich beflügelt durch die heiligen Gänge der Klinik und mir war mal wieder deutlich bewusst geworden, was im Leben eigentlich zählt – nämlich die GESUNDHEIT!

Anmerkung Bildquelle: https://www.pinterest.de/pin/164311086385265661/

PCR am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

Ich kann euch sagen, dass ich mich nicht erinnern konnte, dass ich in meinem Leben jemals über eine so lange Zeit Kopfweh verspürte und diese Tatsache fand ich alles andere als beruhigend. Es nützte also nichts, meine Ärzteodyssee hatte noch kein Ende gefunden.

Am Freitagmorgen nahm ich also das Telefon zur Hand, um in meiner Hausarztpraxis mein Anliegen vorzutragen. Eine nette Frau M hörte sich meine Beschwerden ruhig und geduldig an, um mir dann mitzuteilen, dass ich doch bitte den Krankenhausbefund schicken solle und sie sich dann wieder bei mir meldet, um das weitere Vorgehen zu besprechen – klar, denn ich hatte mittlerweile alle Coronasymptome, die es gab.

In der Nacht waren zu den unsäglichen Schmerzen im Oberstübchen noch Gliederschmerzen, Halsweh, Husten und Schnupfen mit Schmodder dazugekommen. Ich scannte also brav meinen Befund ein, schickte es zur Praxis und wartete. Und wartete und wartete…

Elf Uhr rief mich die nette Frau M zurück. Sie hätte leider nix erhalten. Kann zwar eigentlich nicht sein, aber ich schickte es ihr just in der Sekunde noch einmal. Fehlanzeige, es wurde nichts übertragen. O.k., es musste also alles in der Klinik angefordert werden, denn ein Fax besitze ich nicht, bzw. ist dieses nicht eingerichtet, und die ärztlichen Hallen meiner Hausärztin durfte ich natürlich so nicht betreten.

Nach einem endlosen Hin und Her wurde mir mitgeteilt, dass ich mich bitte 11:50 Uhr zum PCR-Test einfinden solle. Ich könne zwar zum CT auch in die Klinik fahren, aber dies wäre mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem nächtlichen Aufenthalt verbunden (aus abrechnungstechnischen Gründen) – das galt es selbstverständlich dringend zu verhindern.

Mittlerweile waren auch meine Eltern aus dem 1,5-stündig entfernten Städtchen angereist, um mich zu unterstützen. Ich glaube jede Mama kann nachvollziehen, dass es einem wirklich nicht so dolle gehen kann, wenn man sich nicht mehr in der Lage fühlt, seine Kinder gut zu versorgen. In der Regel können wir nämlich noch so krank sein, irgendwoher beziehen wir die Energie für die kleinen Mäuse und aktivieren unsere Superkräfte.

Gerade deshalb nützte es nix bei mir; eben, weil ich Kinder habe, galt es sämtliche bösartige Hiobsbotschaften auszuschließen. Ich musste also zum PCR-Test, ob mir dies nun gefiel oder nicht. Alle Teststationen mit Lollytest wurden mir strikt untersagt. Jeder, der diese Form des Testens einmal erleben durfte, weiß, dass es ganz fiese Schwestern und Pfleger gibt. Gefühlt rächen die sich durch ihre Stäbchenbisinsgehirnschieberei an allen da draußen, die ihnen jemals blöd gekommen sind. Ich war also not amused über diese Vorstellung, dass gleich wieder jemand seinen Trieben freien Lauf lassen konnte und dass ich in diesem Moment halt das Opfer sein würde.

Ich fuhr mit einem mulmigen Gefühl in die Arztpraxis, die 3min mit dem Auto entfernt war. Ja, ich weiß… ich höre die Umweltschützer schon wieder laut aufschreien: „Lauf, die faule Büchse!“. Aber jeder, der Kinder hat, weiß, dass man quasi oft auf dem allerletzten Drücker unterwegs ist. Ich gelobe auch wirklich Besserung. Schränke mich gerade schon in meinem Plastikverbrauch ein und fliege seit der Geburt meines felligen Babys überhaupt nicht mehr sinnlos in der Gegend rum.

Unten im Dörfle angekommen, schlich ich mich ans hintere Fenster, dass mir im Telefonat zugewiesen wurde. Kennt ihr das eigentlich, wenn man sich wie ein Aussätziger fühlt? Man denkt, dass alle einen anschauen und genau wissen, weshalb du gerade nicht durch die Vordertür hineinspazierst. Ich hatte nämlich auch wieder enormes Glück… gefühlt das halbe Dorf war eben an diesem Freitagmittag bereit, sich impfen zu lassen. Naja, es nützte nichts, Augen zu und durch – dies galt für die Blicke, wie auch für die folgende Sadistin.

Das Aufklärungsgespräch mit der Ärztin dauerte ca. 5min. Danach wurden noch kurze sportliche Übungen gemacht, um Ausfallerscheinungen im Oberstübchen zu überprüfen (schien aber auf den ersten Blick alles roger). Danach folgte das Stäbchen. Und was soll ich sagen? Ich glaube ich hatte unter einer Million Schwestern eine erwischt, die mit sich und ihrem Leben völlig im Reinen war. Es tat nicht weh und kitzelte lediglich etwas unangenehm. Auch der Rachenabstrich war deutlich weniger doof als ich es gewohnt war. Ich war erleichtert, doch nun hieß es 24-Stunden auf’s Ergebnis warten…

Anmerkung Bildquelle: https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/pcr-test-coronavirus-1.5152146?reduced=true

Panik auf der Titanic

Am 26.Juli kamen meine Nichten mit meiner Schwester zu Besuch. Da diese in Österreich leben, hatten wir uns nun schon länger nicht gesehen und freuten uns darauf, ein paar Tage miteinander verbringen zu können. Natürlich war damit noch mehr Leben in der Bude, aber es ist gleichzeitig auch so schön zu sehen, wie vor allem mein Großer und meine kleine Nichte wunderbar miteinander harmonieren, flitzen und spielen, obwohl sie sechs Jahre Altersunterschied haben.

Am 30.Juli feierten wir den Geburtstag der älteren Maus. Sie wurde 14 Jahre alt und Tantchen ging es nach wie vor gut. Einen Tag vorher backte ich noch zwei Kuchen und bereitete den Purzeltag vor, damit auch das große Kind einen schönen Geburtstag mit tollen Leckereien erhielt. Wir genossen den Tag: waren Ponyreiten mit den Kindern, malten auf der Straße und aßen Pizza am Abend und noch immer ging es mir blendend.

Als die Ösis am 1.August abreisten, merkte ich, dass sich merkwürdige blaue Flecken am Körper gebildet hatten und ich latente Kopfschmerzen bekam, dachte mir allerdings noch nichts dabei, da ich ja vier Kids im Haus hatte und mit diesen auch herumgetobt bin. Der Schmerz im Kopf nahm allerdings zu.

Am Abend führte ich meine gewohnte Korrespondenz auf der Hundewellnessrunde, sprich ich quatschte allen möglichen Leuten Voicemails auf und antwortete entweder auf ihre Nachrichten oder meldete mich mal wieder.

Meine bayrischer Grasdackel antwortet mir innerhalb von wenigen Minuten ganz panisch auf die Schilderung meiner Beschwerden. Ich solle sofort zum Arzt, sie hatte das auch. Ich müsse Thrombosen ausschließen lassen und überhaupt und sowieso gefährlich und so weiter. „Ja,ja…“, dachte ich mir, „mein kleines panisches Evchen übertreibt mal wieder maßlos!“. Doch die Schmerzen im Kopf waren mittlerweile ein vertrautes Gefühl. Also entschied ich mich dazu, habe ja schließlich zwei Kinder, doch noch einmal nen Arzt diesbezüglich zu befragen.

Kurz ner Freundin ne Whats-App aufgelabert und versendet. Es dauerte nicht lange, bis ich schon einen Sprachanruf von ihr verbuchen konnte, den ich aber verpasste, da ich gerade die Kids ins Bett brachte. Es war auch mal wieder Nachtschichttime meines Mannes, was ja bedeutet, dass meine Zeit rar bemessen war. Als die kleinen Rabauken endlich schliefen, rief ich sie zurück. Sie überreichte mich an ihren Mann, der in der Notaufnahme arbeitet. Dieser hörte sich meine Geschichte an und riet mir dann schon mit Nachdruck dies mittels eines Blutbildes die Symptomatik abklären zu lassen. Natürlich liege das in meinem Ermessen und selbstverständlich könne ich auch erst morgen (sprich am Montag) zum Hausarzt gehen. Sollte aber irgendwas sein, ist natürlich je früher desto besser angesagt.

„Super“, schrie ich innerlich, „wie soll ich das denn jetzt mit zwei Kids anstellen?“. Mir boten die beiden an, dass ich die Kinder vorbei bringen könnte, solange ich in der Klinik sei, aber diese zu wecken und ein Theater, dass sicherlich besser als jede griechische Tragödie geworden wäre, wollte ich nun auch nicht heraufbeschwören. Außerdem wohnt ja meine ganze Schwiegerfamilie nebenan, da wäre es auch doof gewesen, eine andere Familie mit zwei Kleinkindern zu beauftragen. Ich bedankte mich ganz herzlich und legte auf.

Nun begann die halbe Stunde des Grübelns. Was mach‘ ich bloß, was mach‘ ich bloß? Es war mittlerweile halb zehn am Abend, die Kinder schliefen, wie bereits erwähnt, und meine Schwiegerleute wollte ich irgendwie auch nicht schon wieder einspannen. Ich tippte in mein Handy: „Ruf mich bitte mal zurück, ist wichtig!“. Kurze Zeit später bimmelte es und mein Mann war an meinem Handapparat. „Was ist los? Ist was passiert?“, fragte er. Ich schilderte die Thematik und bevor ich das richtig diskutieren konnte, ließ mein Männle schon verlauten, dass er in der Leitstelle Bescheid gebe und sich dann auf die Socken mache.

Exakt 22:10 Uhr war ich in der Notaufnahme und schilderte der sehr freundlichen Dame am Empfang (dieses Mal ohne Ironie zu verstehen) meine Symptome. Danach begann die Zeit des endlosen Wartens. Ich hörte derweil einen äußerst interessanten Podcast zum Thema Immobilien und Altersvorsorge, weshalb die Zeit etwas schneller verging. Dennoch frage ich mich jedes Mal, was denn da alles hinter den Kulissen so abläuft. Von besagter Uhrzeit bis 00:30 Uhr kam kein Notfall rein und nichtsdestotrotz sitzt man da und sitzt und sitzt und wartet und sitzt immer noch. Halb eins in der Nacht erbarmte sich dann mal jemand mich dran zu nehmen. „Also ganz ehrlich“, dachte ich mir „wenn ich jetzt wirklich diese Sinusvenenthrombose im Gehirn hätte, ist auch gerade mal alles zu spät. Sieben Stunden später zum normalen Arzt hätte ich dann wahrscheinlich auch noch überlebt“, natürlich aus völliger Laiensicht beurteilt.

Irgendeine hochintelligente Schwester nahm mir Blut ab und befragte mich zu meinen Symptomen. Hierbei muss ich mal loswerden, dass es schon auch nett wäre, wenn sich das untersuchende Volk dem Pöbel auch mal vorstellen könnte. Hätte ich nämlich gewusst, dass ich nicht die Ärztin vor mir habe, hätte ich meine Geschichte kürzer gefasst. Nun berichtete ich aber brav und in aller Ausführlichkeit meine Geschichte, dass blaue Flecken und extreme Kopfschmerzen aufgetaucht wären, dass mich ein befreundeter Arzt gern zur Abklärung in der Klinik sehen würde bla bla bla. Und was sagt die verplante Nudel zu mir??? Warum mich mein befreundeter Arzt nicht selbst untersuchen würde? Ich schaute sie entgeistert an, schüttelte mich kurz, aber nein, ich hatte mich wie immer nicht verhört und musste mich mal wieder schwer beherrschen, nicht aus dem Korsett zu hüpfen.

Also antwortete ich ihr in aller Ruhe, dass nicht jeder Arzt gerade im Dienst sei, dass nicht jeder Arzt single ist und privat alle möglichen Freunde mitten in der Nacht behandeln möchte und zu guter Letzt, dass nicht jeder Arzt ein Labor in seinem Keller hat, um mal eben Blutproben zu analysieren. Gut, wenigstens schien meine Aussage die dumme Nuss zufriedengestellt zu haben, denn sie verabschiedete sich mit den Worten: „Die Ärztin kommt gleich.“. Nun wollen wir mal wieder nicht auf die Goldwaage legen, was im Krankenhausjargon gleich bedeutet, aber nachdem mein Mann mir schrieb, dass mein Großer aufgewacht sei, rangen bei mir alle Alarmsirenen, denn wie im vorherigen Beitrag beschrieben, erahnt ihr vielleicht, was dies bedeutet.

Nun ist man ja als alter Ossi dazu erzogen worden, brav abzuwarten, höflich zu sein und wenig Druck zu verbreiten. Ok, ich gebe zu, ich hielt mich schon seit meiner frühen Jugend nicht an alle diese Punkte, aber ich übe mich wirklich in Geduld. Nachdem man mich aber eine Stunde in diesen Hamsterkäfig von Zimmer sitzen ließ, ohne mir irgendwelche Infos zukommen zu lassen, wie es jetzt weitergeht, brach ich aus. Ich teilte mit, dass bei mir zuhause der Baum brennt und dass ich gedenke, die Flitze zu machen. Plötzlich waren die Blutwerte da und die Ärztin sprechbar. Alles soweit i.O., sollte ich allerdings weiterhin Kopfschmerzen haben, müsse ich dies dringend erneut abklären.

Als ich um 2:00 Uhr am Morgen zuhause ankam, erwartete mich ein völlig aufgelöstes Kind, dass nicht begreifen konnte, dass seine Mama mitten in der Nacht plötzlich einfach mal nicht zu sprechen war. Ich erklärte meinem Großen, dass ich Kopfschmerzen hatte und mir deswegen in der Klinik Tabletten geholt hatte. Jeder Erwachsene hätte mich für diese Art der Begründung ausgelacht oder für verrückt erklärt, aber meinem Sohn reichte das völlig. Er schlummerte innerhalb kürzester Zeit wieder ein. Mein Mann könnte dann immer zum Fuchs werden: aus 1,5h Theater wird plötzlich wieder heikler Sonnenschein in Nullkommanix, Hauptsache Mama is in the house. Die Schmerzen in meinem Kopf hatte ich in diesem Stressmoment kurz vergessen, aber sie kamen wieder…

Zweite Impfe und Party on

Am 23.Juli bewegte ich nun meinen Allerwertesten wieder zum Onkel Doc, um mir die mysteriöse Flüssigkeit, die heiß diskutiert wurde, das hoffentlich letzte Mal in die Venen spritzen zu lassen. Gott sei Dank war ich eine der Ersten, die das Vergnügen hatte, denn hinter mir bildete sich im Anschluss die Schlange des Grauens.

So hieß es also erneut: Zurück auf Los, aber ziehen Sie keine 2000 Euro ein, sprich Aufklärungsgespräch. Haben Sie Bedenken? Ja/nein/vielleicht? Ja, habe ich denn eine Wahl? Und dann ab zur Nadelfrau. Wisst ihr aber, was ich in diesem ganzen Prozedere echt beunruhigend fand? Da schreibt die Ärztin doch auf meinen Zettel, dass ich ohne Priorisierung geimpft werde. Was heißt das denn jetzt? Spielt das irgendeine Rolle? Bekommt man dann doch den geheimen, sagenumwobenen anderen Impfstoff, den viele Verschwörungstheoretiker vermuten? Also eigentlich gehöre ich nicht zur letztgenannten Gruppierung, aber komisch fand ich es trotzdem…

Naja gut, was blieb mir übrig, schließlich war der Quatsch ja nun schon das erste Mal gespritzt wurden und ich vertraue nach wie vor auf meinen ehemaligen russischen/ sowjetischen Bruder, dass er uns auf solche Angriffe auf den Körper im Sinne der DNA-Veränderung schon durch sein Zeug damals gut gerüstet hat.

So war eigentlich meine Hauptsorge, ob ich am Abend ein/zwei oder auch drei Gläschen Prosecco trinken kann, denn schließlich war ich seit Monaten mal wieder gassibereit. Selbstverständlich nicht so wie vor den Kindern, bei Weitem nicht. Ich wollte nur ganz spießig bei meiner Nachbarin auf eine Prowinwellnessparty gehen. Die Ärztin gab mir ihr Okay, wenn ich es nicht übertreibe. Das war natürlich genau das, was ich hören wollte, denn ehrlich gesagt, hätte ich mit dieser Erlaubnis nicht gerechnet, nachdem meiner Busenkumpeline Eva dieses strikt verboten wurde. Wenn ich allerdings keine Symptome hätte nach sechs Stunden ginge dies schon in Ordnung – wunderbar.

Ich hatte sechs Stunden später keine Symptome. Nicht mal einen schweren Arm wie beim ersten Mal. Ich spürte in der Tat gar nichts. Mir ging es prima. „Super, dann kann ich ja heute Abend angreifen“, dachte ich mir noch.

Der Mittag verging, der Nachmittag auch und die gesundheitliche Lage veränderte sich nicht. Ich konnte also rüber flitzen. Es gab leckere Häppchen, tolle Kaltgetränke und ein wohltuendes Peeling mit anschließender Ölung (also Gott sei Dank noch nicht die Letzte, obwohl meine Füße mittlerweile schon schwer danach aussahen). Alles war ganz wunderbar, bis halb neun mein Kind anfing, mir den Abend und die Wohlfühlstimmung zu versauen.

Da ich mich ja direkt nebendran im nachbarschaftlichen Anwesen befand, konnte ich ihn brüllen hören. Mein Mann schloss zwar das Fenster, somit war das Geschrei gedämpft, aber mein Mutterherz verkrampfte sich selbstredend ab diesem Zeitpunkt und jede Mama wird mich da sicherlich verstehen können. Ich muss dazu sagen, dass mein Großer die exakte Kopie meiner Wenigkeit ist. Es wird auch schon gemunkelt, dass er besser werden könnte als das Original. Mit anderen Worten: er hat Ausdauer. Nun hätte ich dies ja ausgesessen, aber es gab ja mittlerweile Wipulino 2, der auch seinen Schönheitsschlaf brauchte.

Es kam, wie es kommen musste, mein Abend endete um 22 Uhr. Nachdem ich vor lauter Panik ein Glas zerstörte, mich überhaupt nicht mehr richtig auf Erklärungen, der sehr netten und kompetenten Prowinmaus konzentrieren konnte und ich auch kein Gespräch mehr so richtig aufnahm, unterbrach ich meine Wohlfühlstimmung und sauste rüber. Ich war dabei noch vorsichtig optimistisch und sagte: „Nicky, ich habe hier mein Glas geparkt, ich bin hoffentlich gleich wieder da!“.

Dabei hatte ich die Rechnung allerdings ohne mein Kind gemacht. Er war um zehn Uhr am Abend so wütend und aufgebracht, dass er sich bis um zwölf nicht beruhigen ließ. So sah ich alle Gäste der Party nacheinander abziehen, während ich versuchte meinen Stinki ins Bett zu bewegen. Er wollte nicht und ich war irgendwann so erschöpft und ausgelaugt, dass mir selbst der Gedanke an meinen halben Prosecco nicht mehr auf verhalf. Außerdem wusste ich auch nicht, ob es einer anderen Zweifachmama so recht wäre, wenn die Pute von nebenan plötzlich um Mitternacht wieder aufkreuzt. Obwohl bei Nicky, lach…

Am Ende des Tages war zwar meine Erholung für den A…, aber immerhin war ich in den Genuss ein paar leckerer Kaltgetränke gekommen. Für eine Mama ja schon Luxus genug. Von meiner zweiten Impfung spürte ich nach wie vor noch nichts. Dies sollte sich allerdings bald ändern.