Wie sage ich es Familie und Freunden?

Als ich von dem Fehlbildungsultraschall (welch Ironie, dass diese Untersuchung auch noch so genannt wird) nach Hause kam, waren dies mit Abstand die schwersten Stunden in meinem Leben und sicherlich der grausamste Tag. Der 2.September 2020 – ich werde es niemals vergessen.

Wie ich bereits im Blogbeitrag „Umgang mit dieser Nachricht und die ständige Frage nach dem WARUM“ geschrieben habe, war mein Mann in den nächsten Tagen für mich die größte Stütze, während ich zu absolut gar nichts in der Lage war. Er übernahm natürlich auch die Aufgabe, die unerfreulichen Nachrichten seiner Familie mitzuteilen. Ich hingegen konnte das meinen Eltern nur per WhatsApp schreiben. Es persönlich zu übermitteln, wäre aufgrund meiner Traurigkeit nicht möglich gewesen und selbst das Tippen einer Nachricht fiel mir unglaublich schwer. Denn wie übermittelt man so etwas? Vor allem, da auch noch die Beerdigung meines Opas in zwei Tagen anstand, an der ich mich außer Stande sah, teilzunehmen. Des Weiteren waren ebenfalls beide Omas vor wenigen Monaten verschieden und mein Papa hatte mehrere schwere Herzoperationen über sich ergehen lassen müssen – kurz gesagt: Meine Familie hatte es schon die letzten Monate richtig beschissen getroffen. Aber es nützte nichts, es musste irgendwie raus. Also schrieb ich: „War heute bei der Untersuchung. Leider kommt das Baby nicht hundertprozentig gesund zur Welt. Es wurde eine Handfehlbildung (Symbrachydaktylie) auf der rechten Seite festgestellt. Wir müssen am Freitag zum Spezialisten und deshalb kann ich leider nicht an der Beerdigung teilnehmen, bitte seid mir nicht bös‘.“

Ich hätte mich am liebsten versteckt, eingegraben und wäre nie wieder rausgekommen. Keine Ahnung warum, aber irgendwie denkt man als Frau, dass man selbst für alles verantwortlich ist und nicht in der Lage, ein weiteres gesundes Kind auf die Welt zu bringen. Laut Spezialisten ist dies völliger Quatsch, denn die Ursachen für derartige Fehlbildungen sind nicht hinreichend erforscht. Es kann demnach viele Gründe geben: Zellteilung einmal nicht richtig funktioniert, Durchblutungsstörungen in der Schwangerschaft, Infektionen, aber auch äußere Einflüsse wie Umweltfaktoren oder Handystrahlungen sind wohl in der Diskussion. Letztendlich ist mir die Ursache auch sch… egal, denn die Tatsache ist: Mein Baby ist nun von dieser sogenannten Symbrachydaktylie betroffen.

Unsere Familien thematisierten die Problematik in den nächsten Tagen nicht großartig, wahrscheinlich um mich zu schützen und mich nicht wieder unnötig traurig zu machen. Lediglich meine Eltern drückten ihr Bedauern über WhatsApp aus. Was sollten sie auch machen? Ich war nicht in der Lage zu telefonieren und aufgrund der Beerdigung meines Opas konnte auch niemand mal eben zu mir fahren. Dennoch hätten mir gerade zu Beginn persönliche Gespräche im Rahmen der Familie gutgetan. Ich erinnerte mich zu dieser Zeit an meine ehemalige Schwiegermutter in spe, die mich sicherlich in ihre Arme genommen hätte, um mit mir erstmal eine halbe Stunde zu heulen, und um mir dann zu versichern: „Kleene, das ist alles nicht so schlimm. Wir bekommen das schon hin.“

Ich habe ein paar Wochen später mit der Freundin meines Schwagers gesprochen. Sie bestätigte mir, was ich schon dachte:  einige Familienmitglieder waren verunsichert und wussten nicht, ob es gut sei, mich darauf anzusprechen, wiederrum andere haben es bis heute nicht getan…

Ich kann diese Unsicherheiten auf der einen Seite sehr gut verstehen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es mir sehr schwerfällt, Menschen in für sie schlimmen Situationen in den Arm zu nehmen, weil ich nie weiß, ob das gewollt und angebracht ist. Auf der anderen Seite ist es aber genau das, was zumindest ich in diesem Moment gebraucht hätte.

Dankbar bin ich auf jeden Fall zwei ganz lieben Freundinnen von mir, die mir einen überraschenden Besuch abstatteten und nicht wussten, wie sie mich vorfinden würden. Das Gespräch zu Dritt hat wirklich gutgetan. Danke Dina! Danke Ari! Auch die Kommunikation mit der neuen Freundin eines ganz alten Freundes aus der Heimat, deren Tochter selbst betroffen ist, haben mir in diesen Tagen Mut gemacht. Ebenso ein Brief, der mich und meine Familie von einer meiner Lieblingskolleginnen erreichte, in dem auch ein kleiner Schutzengel mit versandt wurde. Insgesamt kann ich nur jeden ermutigen, der im Freundes-, Bekannten- oder Verwandtenkreis mit derartigen Diagnosen konfrontiert wird, mit den Betroffenen ins Gespräch zu gehen, um ihnen ggf. eure seelische, moralische Unterstützung anzubieten. Wenn jemand nicht darüber sprechen möchte, wird sie/er es euch schon mitteilen. Ich persönlich habe mich dazu entschieden, offen mit der Thematik umzugehen: in der Familie, im Freundeskreis und auch auf der Arbeit – ja, ich schreibe sogar diesen Blog. Wir denken, dass dies der beste Weg ist, um unseren kleinen Bettinerich (jetzt allen als Samu bekannt) ganz normal und selbstbewusst zu erziehen. Toll wäre natürlich auch, wenn wir Dank dieses Blogs auch mit anderen Familien in Kontakt kommen.

Tagelange Ohnmacht

Ich konnte mich überhaupt nicht beruhigen und bewunderte meinen Mann, wie er in den nächsten Stunden und Tagen alles regelte. Er versorgte meinen noch nicht einmal Zweijährigen, kümmerte sich um unseren vierbeinigen Freund und Mitbewohner und ließ mich einfach still vor mich hinvegetieren. Ich wollte niemanden sehen, niemanden hören oder geschweige denn irgendwelche Fragen beantworten. Natürlich riss ich mich hin und wieder zusammen, wenn meine kleine Maus zu seiner Mama wollte, aber sobald er durch Opa und Oma bespaßt wurde, die glücklicherweise nebenan wohnen, heulte ich wieder in meine Kissen und hoffte, dass dies einer dieser furchtbar realen Albträume ist, aus denen man panisch erwacht und von denen man sich den halben Tag erholen muss.

Doch ich wachte nicht auf, im Gegenteil, ich erwachte Tag für Tag aufs Neue und mir wurde immer bewusster, dass ich mich von meiner total irrationalen Hoffnung verabschieden musste, dies alles nur geträumt zu haben. Also begann ich mich einzulesen in die Thematik „Handfehlbildung“. Ich las und las und habe wohlmöglich in zwei Tagen ein wissenschaftliches Studium in diesem Bereich absolviert. Dies wurde mir bei dem Pränataldiagnostiker, bei dem ich am Freitagmorgen einbestellt war und zu dem mich gnädigerweise mein Mann begleiten durfte, bewusst. Meine allergrößte Hoffnung war dabei natürlich, dass eine Zweitmeinung zu einem völlig anderem Ergebnis führt oder zumindest zu einem abgemilderten. Da ich absolut JEDES Bild zur Symbrachydaktylie, dass im Internet veröffentlicht wurde, kannte, hegte ich vorsichtigen Optimismus, dass die Handwurzelknochen, die Mittelhand und vielleicht doch einzelne Finger wie beispielsweise der Daumen vorhanden sein könnten. Inwiefern diese Erwartung zerstört werden würde, sollten die nächsten zwei Tage zeigen.

Umgang mit der Nachricht

Und die ständige Frage nach dem WARUM

Auf der einen Seite war ich total erleichtert, dass ich nun wusste, was 22 Wochen mit mir nicht stimmte, auf der anderen Seite hatte ich einen riesen Kloß im Hals, denn jeder würde natürlich fragen, ob alles ok sei mit Bettinerich. Was antwortet man darauf? „Ja, ja passt schon, fehlt aber ne Hand?“ – ich hatte keine Ahnung. Ich schleppte mich irgendwie zum Auto, das Gott sei Dank in der Tiefgarage geparkt war und heulte erst einmal los. Eine Viertelstunde stand ich da noch, bevor mir einfiel, dass ja mein entwertetes Ticket Probleme machen könnte. Also schnell die Tränen einigermaßen wegwischen und durch die Innenstadt quälen. Nur raus aus der Stadt. Auf die Schnellstraße, auf der keiner mehr Notiz von einem nimmt, und auf der man super erneut losplärren kann. Irgendwie schaffte ich es auf die Nachricht meines Mannes, ob alles okay sei, mit: „Nein, wir müssen reden!“, zu antworten. Auch einer Freundin tippte ich schnell auf ihre Nachfrage, dass mit Bettinerich nicht alles 100% tippi toppi sei. Aber WIESO??? Denn schließlich rauchte ich nicht, konsumierte keinen Alkohol mehr, kiffte mich nicht zu oder führte sonst irgendwie ein Leben auf der Überholspur. Gelang es mir tatsächlich in meinem Leben mein ständiges Pech und meinen ständigen Kampf in Sachen Gesundheit auch noch auf meinen Nachwuchs zu übertragen? Nach wie vor würde ich ALLES von mir geben, wenn mein Kind gesund zur Welt kommen könnte, aber dies liegt ja leider nicht in menschlicher Hand.

Zuhause angekommen, fiel ich nur meinem Ehemann in die Arme und heulte noch einmal wie ein Schlosshund. Gott sei Dank war mein Großer im Kindergarten. „Steht es so schlimm um Bettinerich?“, frug mich mein Mann und ich hörte seine Verzweiflung in der Stimme. Als ich ihm mitteilte, dass eine Hand fehlte, hatte ich den Eindruck, dass er erleichtert war. Wahrscheinlich hätte er mit noch einer viel schlimmeren Nachricht gerechnet. „Das kriegen wir schon hin“, hörte ich ihn zwischen meinem Schluchzen sagen. „Das kriegen wir hin??? Wie kann man denn so etwas sagen?“, dachte ich mir. Meine Welt war zusammengebrochen. Jeder denkt immer, gesunde Kinder zu bekommen, sei völlig normal, bis das Schicksal zum miesen Verräter wird. Und es blieb die Frage nach dem WARUM?

Die Gewissheit

„Frau L , ihr Kind scheint von allen Organen her gesund, auch das Wachstum ist altersentsprechend. Allerdings habe ich etwas festgestellt…“. Absolute Panik ergriff mich. Innerlich versuchte ich dennoch ruhig zu bleiben. „Was soll schon Schwerwiegendes sein?“, versuchte ich mir noch einzureden. „Ärzte und ihre Theatralik bei Dingen, die dann gar nicht so schlimm sind…“.

„Ich sehe keine rechte Hand bei Ihrem Kind“, riss mich der Arzt aus meinen Gedanken. „Wie keine rechte Hand?“, fragte ich nach. Mir blieb die Luft weg. Hätte ich nicht auf dem Gynäkologenstuhl gelegen, hätte es mir nicht nur sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich kämpfte mit den Tränen, wollte aber professionell bleiben – was für ein unglaublich dämlicher Gedanke in so einer Situation. Aber so bin ich, wenige Menschen möchte ich in meine Seele sehen lassen.

„Er täuscht sich sicher. Eine Zweitmeinung! Ich will sofort eine Zweitmeinung!“, schoss es mir durch den Kopf, obwohl ich in diesem Moment genau wusste, dass es das war, was mich die ganze Zeit nicht losgelassen hatte.

Sichtlich betroffen, versuchte der Arzt mir zu erklären, dass er mir leider dahingehend keine Hoffnung machen kann, dass sich noch irgendetwas entwickelt. „Zwischen dem 24-50ten Tag entwickeln sich die Gliedmaßen. Alles, was bis dahin nicht angelegt wurde, wächst auch nicht mehr.“, erklärte er mir. Die Armknochen seien gleich lang, eventuell gebe es einen Daumen, aber er sehe keine Mittelhand oder Finger, maximal Fingerknospen. Woher das käme, sei zu wenig erforscht. Ich solle mir aber auf keinen Fall Vorwürfe machen, dafür sei die Zellteilung zu komplex und es gebe sehr unterschiedliche Ursachen, für die ich absolut nichts könne.

Mein Gehirn lief auf Hochtouren und viele Fragen umgaben mich: „Warum wir? Was habe ICH falsch gemacht? Stimmt etwas mit MEINER Genetik nicht? Hätte ICH nicht zum Friseur gehen dürfen? Habe ICH zu enge Hosen in der Frühschwangerschaft getragen? Wieso bekommen drogen- oder alkoholabhängige Frauen gesunde Kinder und ICH nicht? Wie wird mein Mann reagieren? Wie meine Familie?“…

„Frau L, ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Ihnen mein Kollege etwas anderes sagen wird, aber wenn Sie wollen, kann ich Ihnen einen Termin für eine Zweitmeinung bei einem Pränataldiagnostiker vereinbaren.“, holte mich Dr. K aus meiner Gedankenwelt. „Ja, das wäre gut“, stammelte ich und rang wieder mit den Tränen. „Es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen das mitteilen musste. Bitte bleiben Sie stark. Ich werde Sie bezüglich des Termins umgehend telefonisch kontaktieren.“ Daraufhin drückte mir Dr. K noch seine Karte in die Hand, auf der auch seine Handynummer stand. „Bitte rufen Sie mich jederzeit an, wenn Sie Fragen haben“, sagte er. Den Umgang mit mir als Patientin hätte ich mir in diesem Moment natürlich besser nicht wünschen können. Sicherlich hatte der Arzt mir keine frohe Kunde gebracht, aber was hätte er machen sollen? Es verheimlichen? Dennoch muss ich natürlich an dieser Stelle loswerden, dass es Zeitalter gab, wo es für den Boten nicht gut endete ;-).

Die Untersuchung, die mein Leben veränderte

Vier Wochen später bestätigte sich nun das, was mein Innerstes immer versucht hatte, mir mitzuteilen: Mit meinem Baby war etwas anders.

Es war Mittwoch, der 02.09.2020 und ich war mal wieder in der Landeshauptstadt, um den sogenannten Fehlbildungsultraschall durchführen zu lassen. Die Coronazahlen waren zwar zu diesem Zeitpunkt rückläufig, dennoch durften keinerlei Begleitpersonen mit in die Praxen. „So verpasst mein Mann alles“, dachte ich mir nur und war deshalb schon ganz betrübt, denn bei meinem Großen war das ein tolles Erlebnis alle Organe, Händchen und Füßchen gezeigt zu bekommen. Der nette Dr. K versuchte mich noch aufzumuntern und erklärte mir erneut, dass es doch Wurscht sei, Hauptsache der Junge sei gesund. Ich lächelte nur und bat lediglich um ein Foto von Bettinerich für den Papa.

Nun wusste ich ja aus meiner ersten Schwangerschaft, dass dieser Ultraschall schon einige Zeit in Anspruch nimmt, aber keine 1,5h!!! Nach ca. einer Stunde wurde mir dann klar, dass hier etwas anders war. Es lag in der Luft, man konnte die Anspannung des Arztes förmlich spüren. Ich denke, dass er lange mit sich ringen musste, wie er es mir nun beibringen sollte. Bereits während der Untersuchung war Dr. K auffällig ruhig gewesen, sehr konzentriert und nicht mehr so zu Scherzen aufgelegt, wie ich es normalerweise von ihm kannte. Nun musste es gesagt werden….

Die dunklen Gedanken lassen sich nicht abschütteln

Am 05.08.2020 veränderte sich meine Welt wieder. Aus rosarotem Glitzer, den ich mir habe einreden lassen, wurden wieder dunkle Vorahnungswolken. Ich war mittlerweile in der 17.SSW und bei der Untersuchung stellte der Gynäkologe lediglich fest, dass aus Bettina ein Bettinerich wurde. „Ist doch egal, Hauptsache der Junge ist gesund“, scherzte mein Arzt noch. „Wenn Sie ein Mädchen wollen, müssen sie halt noch einmal ran!“. 

Es gab keinerlei Anzeichen, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, es sei alles normal wurde mir versichert. Keinerlei Auffälligkeiten. Doch meine negativen Emotionen im Hinblick darauf, dass etwas nicht stimmte, nahmen wieder zu.

Termine ohne Diagnosen

Alles doch nur Einbildung?

Die nächsten Termine bei meinem Frauenärzte-Team in der Landeshauptstadt gestalteten sich dann sehr positiv. Der Fötus entwickelte sich plötzlich ganz normal und auch die Nackenfaltenuntersuchung in der 13.SSW war völlig unauffällig. 

„Ok Sue, du hast dir also doch die ganze Zeit etwas eingebildet!“, dachte ich mir nach und nach. Als ich dann noch träumte, dass mein Mann ohne mein Einverständnis nach der Entbindung unserem Mädchen den Namen „Bettina“ gab, war mein Kopf bereit zu glauben, dass ich mir alle negativen Emotionen nur eingebildet hatte und eine Schwangerschaft mit einem weiblichen Wesen deutlich mehr von Ängsten geprägt sei. Auch mein Umfeld bekräftigte diese Annahme immer wieder. Fortan wuchs also meine kleine Bettina in meinem Bauch heran und ich versuchte, schlechte Stimmungen wegzudiskutieren. Auch mein Großer machte mittlerweile Vorschläge für sein Geschwisterchen: „Lisa, Elisa, Manu, Ella, Lilly, Tina“. Woher er diese Ideen hatte? Ich weiß es nicht… Wir hatten ihn noch nicht einmal auf ein Mädchen eingestimmt. Wahrscheinlich war er mit dem Papa im Gespräch.

Meine Freundin Jacky setzte noch einen drauf (wohlwissend, wie toll ich den Namen Bettina fand…): „Mega Sue, Bettina Dörte – das wäre doch ein toller Name, oder? Bettina und dann noch eine Mischung aus Döner und Torte.“ – Ja, weltklasse!

Zweite Schwangerschaft

Die Vorahnung

Im Gegensatz zu meiner ersten Schwangerschaft wusste ich dieses Mal sofort, dass wir noch einmal das Glück hatten, Eltern zu werden. Aber dieses Mal war alles anders… Eine ganz komische Vorahnung beschlich mich von Anfang an. Immer wieder sagte ich zu meinem Mann, ich sei nicht sicher, ob es bliebe. Natürlich bekommt man da als Antwort, man solle sich nicht verrückt machen, denn was wird schon sein? Doch ich kenne meine tiefen Bauchgefühle leider immer besser und weiß, wann ich mir Dinge temporär einbilde und wann nicht.

Mein erster Termin beim Frauenarzt verstärkte diese Empfindungen nur umso mehr. Zehn Minuten lang suchte die Gynäkologin nach dem Fötus, der einfach nicht zu finden war. Sie meinte schon: Es tut mir leid Frau L, aber es handelt sich hierbei wahrscheinlich um ein sogenanntes „Windei“ – an dieser Stelle wäre ich Ärzten immer ganz dankbar, wenn sie noch ein paar Worte zu ihren Diagnosen verlieren könnten, denn es gibt sicherlich auch andere Menschen wie mich, die nicht alles in ihrer hypochonder Vorahnungspanik ergooglen, was es alles so gibt… 

Nach weiterem ewigen Gefummel in meinem Körper hieß es plötzlich doch: „Ach, hier hast du dich versteckt. Mh, du bist aber verdächtig klein, kann eigentlich nicht ganz sein in der 7.SSW.“ Ok, da war es wieder mein unglaublich schlechtes Gefühl…

Zuhause angekommen, konnte ich mich auch nicht wirklich freuen. Mein Mann natürlich schon, er war total im Glück und versuchte mich weiter zu beruhigen. „Wird sicherlich ein Mädchen, da beginnt das Sorgen machen halt schon ziemlich früh“, so seine Weissagung. „Vielleicht ist da ja etwas dran“, versuchte ich mir einzureden, aber die dunklen Gefühle verschwanden einfach nicht völlig.

Meine unterschiedlichen Schwangerschaften

Die Erste – unbeschwert ist nie verkehrt

Von meinem großen Sohn erfuhr ich erst in der achten Schwangerschaftswoche, denn die Ärzte überzeugten mich mehr oder weniger davon, dass ich nicht schwanger sein konnte. Ein sogenanntes PCO-Syndrom wurde bei mir diagnostiziert. Es hieß daraufhin, dass ich mich mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Kinderwunschklinik vorbereiten solle. Zehntausend Untersuchungen folgten – klar Privatpatient olè olè. Im Januar war ich schließlich bei einem Endokrinologen, also ein Arzt, der sich mit Hormonen wunderbar auskennt – denkt man zumindest. Drei Mal wurde mir Blut abgenommen, ebenso Urin. Was er mir verschreiben wollte, waren irgendwelche Tabletten für Diabetes Typ I Patienten, als Experiment!!! Was er nicht feststellte, war meine bereits existierende Schwangerschaft in der sechsten Woche. 

In meinem Leben habe ich mittlerweile eins gelernt, ich kann viele Sachen sicherlich nicht, aber was ich kann, das ist, mich auf mein Gefühl zu verlassen. Mein Innerstes schrie mich die ganze Zeit an: „Sue, du hast 15 Jahre die Antibabypille genommen! Es ist normal, dass du nicht in den ersten drei Monaten schwanger werden kannst. Lass dir keine Krankheiten einreden, die du nicht hast. Die verdienen nur an dir!!!“.

Gott sei Dank haben wir im Freundeskreis einen Arzt, den ich um Rat fragen konnte. Ohne ihn, der mir dringend vor der Einnahme der rezeptierten Tabletten abriet, wäre mein Sohn heute wahrscheinlich nicht auf der Welt. 

Nachdem ich den Valentinstag 2018 mal wieder verschwitzt hatte, ich aber hörte, wie mein Mann unten irgendetwas für mich vorbereitete, überkam mich, wie gefühlt jedes zweite Jahr (inklusive aller vergessener Jahrestage) ein unglaublich schlechtes Gewissen. „Wie schleiche ich mich jetzt an ihm vorbei und besorge noch fix etwas, ohne dass er mich sieht?“, fragte ich mich – Mission impossible, musste ich mir dabei eingestehen. Aber auch hier half mir meine Intuition weiter, denn ich spürte seit Wochen, dass etwas anders war. Mein Lieblingswein schmeckte plötzlich nicht mehr. Die Zigarette, die ich mir hin und wieder dabei gönnte, war widerlich. Und der Welpe, der nicht hören wollte und lieber im Schnee oder zu den Nachbarn verschwand, war mir unter meinen plötzlichen Spuckanfällen kurzzeitig auch völlig egal. „Ja, Sue, bestimmt etwas eingefangen. Ist ja schließlich Winter“, so redete ich mir die deutlichen Anzeichen aus, immerhin war ich ja beim Arzt, also beim Facharzt…

Dennoch überkam mich an jenem Mittwochmorgen das unglaubliche Gefühl, dass mich ein Schwangerschaftstest aus der Misere retten könnte. Fix noch ein: „Guten Morgen Schatz, komme gleich, mach‘ mich nur kurz frisch“, nach unten posaunt und schon war ich mit dem Schwangerschaftstest, der auch vor wenigen Tagen instinktiv in meinem Einkaufswagen landete, im Bad verschwunden. Diese Minuten, die dieses Ding braucht, um sich zu verfärben, können einen schon ziemlich lang vorkommen, obwohl man gerade einmal Zähne geputzt hatte. Gefühlt alle zehn Sekunden schaute ich darauf und ja, es wurde immer deutlicher: SCHWANGER. 

Kurzzeitig war ich völlig überfordert und musste mich erst einmal auf die Badewanne setzen, dabei aber aufpassen, dass ich nicht hinein plumpste. Klar, auf der einen Seite hatte ich nun auch endlich eine Überraschung zum Verknutschtentag, ohne noch einmal losfahren zu müssen, auf der anderen Seite war ich schwanger – ich, die sich erst in zwei Jahren mit dem Thema befassen wollte, da ich ja angeblich extrem schwer auf natürlichem Weg schwanger werden konnte.

Zwei Dinge gingen mir sofort durch den Kopf: 1. Du hast neulich noch mit deinen Freunden Kuba befreit, 2. Du wurdest an deine absolute Wunschschule zurückversetzt und jetzt bist du schwanger.

Egal! Nachdem ich mich einige Minuten gesammelt hatte, war mir klar, dass mein Freund und ich das schon alles hinbekämen, das Baby pudelgesund sein wird und meine Feier-Eskapaden mit Eva und Uli keinerlei Auswirkungen auf die Gesundheit des Neugeborenen haben werden. Woher ich das wusste? Das kann ich wie immer nicht beantworten. Ich hatte es im Gefühl oder auch im Urin, wie man manchmal so schön sagt.

Nachdem auch mein Schatz, auf den in ein Küchentuch eingewickelten Test mit: „Coolio“ reagierte, war die Sache geritzt und ich erlebte 39 Wochen die unbeschwerteste Schwangerschaft aller Zeiten. Ich sorgte mich nicht, es zwickte nirgendwo (ich strich sogar in der 39.SSW noch ein komplettes Zimmer allein in unserem Haus) und wir waren als Paar einfach nur HAPPY – Liebe + Baby + Hund + Haus mit Garten = glückliche Familie.

Warum dieser Blog

Inspiriert wurde ich durch einen anderen Blog, von dem ich durch die Facebook-Gruppe Ahoi e.V. erfuhr. Ich hatte zwar bereits angefangen zu schreiben, war mir aber nicht sicher, ob es richtig ist, meine Erfahrungen, Gefühle und privaten Dinge mit einer breiten Öffentlichkeit zu teilen. Julia (Juli’s Blog) machte mir diesbezüglich mit ihren Beiträgen Mut. Ein paar Monate verfolgte ich ihre Artikel, bei denen ich regelmäßig weinen musste.

Ich denke heute, dass es wichtig ist, sich auszutauschen, denn das Internet ist bezüglich unserer Geschichten noch ziemlich leer. Mittlerweile haben es immer mehr farbige Menschen ins Fernsehen geschafft, auch hinsichtlich der unterschiedlichen Religionen wird mehr Toleranz geübt – ein positiver Fortschritt. Menschen mit Einschränkungen hingegen sieht man selten, auch liest man zu wenig über sie.

Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, mein Privates mit Menschen zu teilen, die das gleiche Schicksal ereilt hat und uns damit vermutlich ähnliche Ängste, Sorgen, Wünsche, Hoffnungen sowie Erfahrungen verbinden und bewegen, aber auch Menschen Einblicke in ein Leben mit einem kleinen Kind zu gewähren, dass für die meisten in unserer Gesellschaft sicherlich als nicht 100% perfekt beschrieben werden würde. Ich will gerade im Hinblick darauf, vielen Betroffenen Mut machen.  Natürlich sind auch alle diejenigen herzlich willkommen, die sich einfach nur für meinen Blog interessieren. Ich denke heute, dass es wichtig ist, sich auszutauschen, denn das Internet ist bezüglich unserer Geschichten noch ziemlich leer.

Bloganfängerin

Da ich im Bereich das Bloggens blutige Anfängerin bin, bitte ich um Nachsicht – aber wie heißt es so schön: from zerotohero. Ich hoffe natürlich niemanden in irgendeiner Form zu nahe zu treten oder sie/ihn mit ehrlichen Erfahrungen und Emotionen zu verunsichern. Es ist nicht meine Intention mit dieser Seite Geld zu verdienen, weshalb ich einfach nur versuche, das wiederzugeben, was ich in den jeweiligen Situationen und Momenten für mich und mit meiner Familie erlebt und gefühlt habe. Dabei distanziere ich mich absichtlich von hochwissenschaftlichen Abhandlungen oder Fachbegriffen sowie vom unverständlichen und von vielen gehassten „Lehrer-Deutsch“.

Gern könnt ihr mir natürlich Kommentare, Hinweise, Ratschläge zusenden. Auch über positive Rückmeldungen oder Kontakte würden wir uns sehr freuen.

Namen von Ärzten habe ich nur mit einem Anfangsbuchstaben wiedergegeben, sodass keine Rückschlüsse ohne vorherige Einverständniserklärung gezogen werden können. Aus diesem Grund habe ich mich auch bemüht, auf die Nennung von Städtenamen zu verzichten. Dies betrifft nicht die Fachärzte, die auch auf zahlreichen Internetseiten im Hinblick auf die Handchirugie zu finden sind.