Schwangerschaft

  • Meine unterschiedlichen Schwangerschaften

    Die Erste – unbeschwert ist nie verkehrt

    Von meinem großen Sohn erfuhr ich erst in der achten Schwangerschaftswoche, denn die Ärzte überzeugten mich mehr oder weniger davon, dass ich nicht schwanger sein konnte. Ein sogenanntes PCO-Syndrom wurde bei mir diagnostiziert. Es hieß daraufhin, dass ich mich mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Kinderwunschklinik vorbereiten solle. Zehntausend Untersuchungen folgten – klar Privatpatient olè olè. Im Januar war ich schließlich bei einem Endokrinologen, also ein Arzt, der sich mit Hormonen wunderbar auskennt – denkt man zumindest. Drei Mal wurde mir Blut abgenommen, ebenso Urin. Was er mir verschreiben wollte, waren irgendwelche Tabletten für Diabetes Typ I Patienten, als Experiment!!! Was er nicht feststellte, war meine bereits existierende Schwangerschaft in der sechsten Woche. 

    In meinem Leben habe ich mittlerweile eins gelernt, ich kann viele Sachen sicherlich nicht, aber was ich kann, das ist, mich auf mein Gefühl zu verlassen. Mein Innerstes schrie mich die ganze Zeit an: „Sue, du hast 15 Jahre die Antibabypille genommen! Es ist normal, dass du nicht in den ersten drei Monaten schwanger werden kannst. Lass dir keine Krankheiten einreden, die du nicht hast. Die verdienen nur an dir!!!“.

    Gott sei Dank haben wir im Freundeskreis einen Arzt, den ich um Rat fragen konnte. Ohne ihn, der mir dringend vor der Einnahme der rezeptierten Tabletten abriet, wäre mein Sohn heute wahrscheinlich nicht auf der Welt. 

    Nachdem ich den Valentinstag 2018 mal wieder verschwitzt hatte, ich aber hörte, wie mein Mann unten irgendetwas für mich vorbereitete, überkam mich, wie gefühlt jedes zweite Jahr (inklusive aller vergessener Jahrestage) ein unglaublich schlechtes Gewissen. „Wie schleiche ich mich jetzt an ihm vorbei und besorge noch fix etwas, ohne dass er mich sieht?“, fragte ich mich – Mission impossible, musste ich mir dabei eingestehen. Aber auch hier half mir meine Intuition weiter, denn ich spürte seit Wochen, dass etwas anders war. Mein Lieblingswein schmeckte plötzlich nicht mehr. Die Zigarette, die ich mir hin und wieder dabei gönnte, war widerlich. Und der Welpe, der nicht hören wollte und lieber im Schnee oder zu den Nachbarn verschwand, war mir unter meinen plötzlichen Spuckanfällen kurzzeitig auch völlig egal. „Ja, Sue, bestimmt etwas eingefangen. Ist ja schließlich Winter“, so redete ich mir die deutlichen Anzeichen aus, immerhin war ich ja beim Arzt, also beim Facharzt…

    Dennoch überkam mich an jenem Mittwochmorgen das unglaubliche Gefühl, dass mich ein Schwangerschaftstest aus der Misere retten könnte. Fix noch ein: „Guten Morgen Schatz, komme gleich, mach‘ mich nur kurz frisch“, nach unten posaunt und schon war ich mit dem Schwangerschaftstest, der auch vor wenigen Tagen instinktiv in meinem Einkaufswagen landete, im Bad verschwunden. Diese Minuten, die dieses Ding braucht, um sich zu verfärben, können einen schon ziemlich lang vorkommen, obwohl man gerade einmal Zähne geputzt hatte. Gefühlt alle zehn Sekunden schaute ich darauf und ja, es wurde immer deutlicher: SCHWANGER. 

    Kurzzeitig war ich völlig überfordert und musste mich erst einmal auf die Badewanne setzen, dabei aber aufpassen, dass ich nicht hinein plumpste. Klar, auf der einen Seite hatte ich nun auch endlich eine Überraschung zum Verknutschtentag, ohne noch einmal losfahren zu müssen, auf der anderen Seite war ich schwanger – ich, die sich erst in zwei Jahren mit dem Thema befassen wollte, da ich ja angeblich extrem schwer auf natürlichem Weg schwanger werden konnte.

    Zwei Dinge gingen mir sofort durch den Kopf: 1. Du hast neulich noch mit deinen Freunden Kuba befreit, 2. Du wurdest an deine absolute Wunschschule zurückversetzt und jetzt bist du schwanger.

    Egal! Nachdem ich mich einige Minuten gesammelt hatte, war mir klar, dass mein Freund und ich das schon alles hinbekämen, das Baby pudelgesund sein wird und meine Feier-Eskapaden mit Eva und Uli keinerlei Auswirkungen auf die Gesundheit des Neugeborenen haben werden. Woher ich das wusste? Das kann ich wie immer nicht beantworten. Ich hatte es im Gefühl oder auch im Urin, wie man manchmal so schön sagt.

    Nachdem auch mein Schatz, auf den in ein Küchentuch eingewickelten Test mit: „Coolio“ reagierte, war die Sache geritzt und ich erlebte 39 Wochen die unbeschwerteste Schwangerschaft aller Zeiten. Ich sorgte mich nicht, es zwickte nirgendwo (ich strich sogar in der 39.SSW noch ein komplettes Zimmer allein in unserem Haus) und wir waren als Paar einfach nur HAPPY – Liebe + Baby + Hund + Haus mit Garten = glückliche Familie.

  • Zweite Schwangerschaft

    Die Vorahnung

    Im Gegensatz zu meiner ersten Schwangerschaft wusste ich dieses Mal sofort, dass wir noch einmal das Glück hatten, Eltern zu werden. Aber dieses Mal war alles anders… Eine ganz komische Vorahnung beschlich mich von Anfang an. Immer wieder sagte ich zu meinem Mann, ich sei nicht sicher, ob es bliebe. Natürlich bekommt man da als Antwort, man solle sich nicht verrückt machen, denn was wird schon sein? Doch ich kenne meine tiefen Bauchgefühle leider immer besser und weiß, wann ich mir Dinge temporär einbilde und wann nicht.

    Mein erster Termin beim Frauenarzt verstärkte diese Empfindungen nur umso mehr. Zehn Minuten lang suchte die Gynäkologin nach dem Fötus, der einfach nicht zu finden war. Sie meinte schon: Es tut mir leid Frau L, aber es handelt sich hierbei wahrscheinlich um ein sogenanntes „Windei“ – an dieser Stelle wäre ich Ärzten immer ganz dankbar, wenn sie noch ein paar Worte zu ihren Diagnosen verlieren könnten, denn es gibt sicherlich auch andere Menschen wie mich, die nicht alles in ihrer hypochonder Vorahnungspanik ergooglen, was es alles so gibt… 

    Nach weiterem ewigen Gefummel in meinem Körper hieß es plötzlich doch: „Ach, hier hast du dich versteckt. Mh, du bist aber verdächtig klein, kann eigentlich nicht ganz sein in der 7.SSW.“ Ok, da war es wieder mein unglaublich schlechtes Gefühl…

    Zuhause angekommen, konnte ich mich auch nicht wirklich freuen. Mein Mann natürlich schon, er war total im Glück und versuchte mich weiter zu beruhigen. „Wird sicherlich ein Mädchen, da beginnt das Sorgen machen halt schon ziemlich früh“, so seine Weissagung. „Vielleicht ist da ja etwas dran“, versuchte ich mir einzureden, aber die dunklen Gefühle verschwanden einfach nicht völlig.

  • Termine ohne Diagnosen

    Alles doch nur Einbildung?

    Die nächsten Termine bei meinem Frauenärzte-Team in der Landeshauptstadt gestalteten sich dann sehr positiv. Der Fötus entwickelte sich plötzlich ganz normal und auch die Nackenfaltenuntersuchung in der 13.SSW war völlig unauffällig. 

    „Ok Sue, du hast dir also doch die ganze Zeit etwas eingebildet!“, dachte ich mir nach und nach. Als ich dann noch träumte, dass mein Mann ohne mein Einverständnis nach der Entbindung unserem Mädchen den Namen „Bettina“ gab, war mein Kopf bereit zu glauben, dass ich mir alle negativen Emotionen nur eingebildet hatte und eine Schwangerschaft mit einem weiblichen Wesen deutlich mehr von Ängsten geprägt sei. Auch mein Umfeld bekräftigte diese Annahme immer wieder. Fortan wuchs also meine kleine Bettina in meinem Bauch heran und ich versuchte, schlechte Stimmungen wegzudiskutieren. Auch mein Großer machte mittlerweile Vorschläge für sein Geschwisterchen: „Lisa, Elisa, Manu, Ella, Lilly, Tina“. Woher er diese Ideen hatte? Ich weiß es nicht… Wir hatten ihn noch nicht einmal auf ein Mädchen eingestimmt. Wahrscheinlich war er mit dem Papa im Gespräch.

    Meine Freundin Jacky setzte noch einen drauf (wohlwissend, wie toll ich den Namen Bettina fand…): „Mega Sue, Bettina Dörte – das wäre doch ein toller Name, oder? Bettina und dann noch eine Mischung aus Döner und Torte.“ – Ja, weltklasse!

  • Die dunklen Gedanken lassen sich nicht abschütteln

    Am 05.08.2020 veränderte sich meine Welt wieder. Aus rosarotem Glitzer, den ich mir habe einreden lassen, wurden wieder dunkle Vorahnungswolken. Ich war mittlerweile in der 17.SSW und bei der Untersuchung stellte der Gynäkologe lediglich fest, dass aus Bettina ein Bettinerich wurde. „Ist doch egal, Hauptsache der Junge ist gesund“, scherzte mein Arzt noch. „Wenn Sie ein Mädchen wollen, müssen sie halt noch einmal ran!“. 

    Es gab keinerlei Anzeichen, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, es sei alles normal wurde mir versichert. Keinerlei Auffälligkeiten. Doch meine negativen Emotionen im Hinblick darauf, dass etwas nicht stimmte, nahmen wieder zu.

  • Die Untersuchung, die mein Leben verändert

    Vier Wochen später bestätigte sich nun das, was mein Innerstes immer versucht hatte, mir mitzuteilen: Mit meinem Baby war etwas anders.

    Es war Mittwoch, der 02.09.2020 und ich war mal wieder in der Landeshauptstadt, um den sogenannten Fehlbildungsultraschall durchführen zu lassen. Die Coronazahlen waren zwar zu diesem Zeitpunkt rückläufig, dennoch durften keinerlei Begleitpersonen mit in die Praxen. „So verpasst mein Mann alles“, dachte ich mir nur und war deshalb schon ganz betrübt, denn bei meinem Großen war das ein tolles Erlebnis alle Organe, Händchen und Füßchen gezeigt zu bekommen. Der nette Dr. K versuchte mich noch aufzumuntern und erklärte mir erneut, dass es doch Wurscht sei, Hauptsache der Junge sei gesund. Ich lächelte nur und bat lediglich um ein Foto von Bettinerich für den Papa.

    Nun wusste ich ja aus meiner ersten Schwangerschaft, dass dieser Ultraschall schon einige Zeit in Anspruch nimmt, aber keine 1,5h!!! Nach ca. einer Stunde wurde mir dann klar, dass hier etwas anders war. Es lag in der Luft, man konnte die Anspannung des Arztes förmlich spüren. Ich denke, dass er lange mit sich ringen musste, wie er es mir nun beibringen sollte. Bereits während der Untersuchung war Dr. K auffällig ruhig gewesen, sehr konzentriert und nicht mehr so zu Scherzen aufgelegt, wie ich es normalerweise von ihm kannte. Nun musste es gesagt werden….

  • Die Gewissheit

    „Frau L , ihr Kind scheint von allen Organen her gesund, auch das Wachstum ist altersentsprechend. Allerdings habe ich etwas festgestellt…“. Absolute Panik ergriff mich. Innerlich versuchte ich dennoch ruhig zu bleiben. „Was soll schon Schwerwiegendes sein?“, versuchte ich mir noch einzureden. „Ärzte und ihre Theatralik bei Dingen, die dann gar nicht so schlimm sind…“.

    „Ich sehe keine rechte Hand bei Ihrem Kind“, riss mich der Arzt aus meinen Gedanken. „Wie keine rechte Hand?“, fragte ich nach. Mir blieb die Luft weg. Hätte ich nicht auf dem Gynäkologenstuhl gelegen, hätte es mir nicht nur sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich kämpfte mit den Tränen, wollte aber professionell bleiben – was für ein unglaublich dämlicher Gedanke in so einer Situation. Aber so bin ich, wenige Menschen möchte ich in meine Seele sehen lassen.

    „Er täuscht sich sicher. Eine Zweitmeinung! Ich will sofort eine Zweitmeinung!“, schoss es mir durch den Kopf, obwohl ich in diesem Moment genau wusste, dass es das war, was mich die ganze Zeit nicht losgelassen hatte.

    Sichtlich betroffen, versuchte der Arzt mir zu erklären, dass er mir leider dahingehend keine Hoffnung machen kann, dass sich noch irgendetwas entwickelt. „Zwischen dem 24-50ten Tag entwickeln sich die Gliedmaßen. Alles, was bis dahin nicht angelegt wurde, wächst auch nicht mehr.“, erklärte er mir. Die Armknochen seien gleich lang, eventuell gebe es einen Daumen, aber er sehe keine Mittelhand oder Finger, maximal Fingerknospen. Woher das käme, sei zu wenig erforscht. Ich solle mir aber auf keinen Fall Vorwürfe machen, dafür sei die Zellteilung zu komplex und es gebe sehr unterschiedliche Ursachen, für die ich absolut nichts könne.

    Mein Gehirn lief auf Hochtouren und viele Fragen umgaben mich: „Warum wir? Was habe ICH falsch gemacht? Stimmt etwas mit MEINER Genetik nicht? Hätte ICH nicht zum Friseur gehen dürfen? Habe ICH zu enge Hosen in der Frühschwangerschaft getragen? Wieso bekommen drogen- oder alkoholabhängige Frauen gesunde Kinder und ICH nicht? Wie wird mein Mann reagieren? Wie meine Familie?“…

    „Frau L, ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Ihnen mein Kollege etwas anderes sagen wird, aber wenn Sie wollen, kann ich Ihnen einen Termin für eine Zweitmeinung bei einem Pränataldiagnostiker vereinbaren.“, holte mich Dr. K aus meiner Gedankenwelt. „Ja, das wäre gut“, stammelte ich und rang wieder mit den Tränen. „Es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen das mitteilen musste. Bitte bleiben Sie stark. Ich werde Sie bezüglich des Termins umgehend telefonisch kontaktieren.“ Daraufhin drückte mir Dr. K noch seine Karte in die Hand, auf der auch seine Handynummer stand. „Bitte rufen Sie mich jederzeit an, wenn Sie Fragen haben“, sagte er. Den Umgang mit mir als Patientin hätte ich mir in diesem Moment natürlich besser nicht wünschen können. Sicherlich hatte der Arzt mir keine frohe Kunde gebracht, aber was hätte er machen sollen? Es verheimlichen? Dennoch muss ich natürlich an dieser Stelle loswerden, dass es Zeitalter gab, wo es für den Boten nicht gut endete ;-).

  • Umgang mit der Nachricht

    Und die ständige Frage nach dem WARUM

    Auf der einen Seite war ich total erleichtert, dass ich nun wusste, was 22 Wochen mit mir nicht stimmte, auf der anderen Seite hatte ich einen riesen Kloß im Hals, denn jeder würde natürlich fragen, ob alles ok sei mit Bettinerich. Was antwortet man darauf? „Ja, ja passt schon, fehlt aber ne Hand?“ – ich hatte keine Ahnung. Ich schleppte mich irgendwie zum Auto, das Gott sei Dank in der Tiefgarage geparkt war und heulte erst einmal los. Eine Viertelstunde stand ich da noch, bevor mir einfiel, dass ja mein entwertetes Ticket Probleme machen könnte. Also schnell die Tränen einigermaßen wegwischen und durch die Innenstadt quälen. Nur raus aus der Stadt. Auf die Schnellstraße, auf der keiner mehr Notiz von einem nimmt, und auf der man super erneut losplärren kann. Irgendwie schaffte ich es auf die Nachricht meines Mannes, ob alles okay sei, mit: „Nein, wir müssen reden!“, zu antworten. Auch einer Freundin tippte ich schnell auf ihre Nachfrage, dass mit Bettinerich nicht alles 100% tippi toppi sei. Aber WIESO??? Denn schließlich rauchte ich nicht, konsumierte keinen Alkohol mehr, kiffte mich nicht zu oder führte sonst irgendwie ein Leben auf der Überholspur. Gelang es mir tatsächlich in meinem Leben mein ständiges Pech und meinen ständigen Kampf in Sachen Gesundheit auch noch auf meinen Nachwuchs zu übertragen? Nach wie vor würde ich ALLES von mir geben, wenn mein Kind gesund zur Welt kommen könnte, aber dies liegt ja leider nicht in menschlicher Hand.

    Zuhause angekommen, fiel ich nur meinem Ehemann in die Arme und heulte noch einmal wie ein Schlosshund. Gott sei Dank war mein Großer im Kindergarten. „Steht es so schlimm um Bettinerich?“, frug mich mein Mann und ich hörte seine Verzweiflung in der Stimme. Als ich ihm mitteilte, dass eine Hand fehlte, hatte ich den Eindruck, dass er erleichtert war. Wahrscheinlich hätte er mit noch einer viel schlimmeren Nachricht gerechnet. „Das kriegen wir schon hin“, hörte ich ihn zwischen meinem Schluchzen sagen. „Das kriegen wir hin??? Wie kann man denn so etwas sagen?“, dachte ich mir. Meine Welt war zusammengebrochen. Jeder denkt immer, gesunde Kinder zu bekommen, sei völlig normal, bis das Schicksal zum miesen Verräter wird. Und es blieb die Frage nach dem WARUM?

  • Tagelange Ohnmacht

    Ich konnte mich überhaupt nicht beruhigen und bewunderte meinen Mann, wie er in den nächsten Stunden und Tagen alles regelte. Er versorgte meinen noch nicht einmal Zweijährigen, kümmerte sich um unseren vierbeinigen Freund und Mitbewohner und ließ mich einfach still vor mich hinvegetieren. Ich wollte niemanden sehen, niemanden hören oder geschweige denn irgendwelche Fragen beantworten. Natürlich riss ich mich hin und wieder zusammen, wenn meine kleine Maus zu seiner Mama wollte, aber sobald er durch Opa und Oma bespaßt wurde, die glücklicherweise nebenan wohnen, heulte ich wieder in meine Kissen und hoffte, dass dies einer dieser furchtbar realen Albträume ist, aus denen man panisch erwacht und von denen man sich den halben Tag erholen muss.

    Doch ich wachte nicht auf, im Gegenteil, ich erwachte Tag für Tag aufs Neue und mir wurde immer bewusster, dass ich mich von meiner total irrationalen Hoffnung verabschieden musste, dies alles nur geträumt zu haben. Also begann ich mich einzulesen in die Thematik „Handfehlbildung“. Ich las und las und habe wohlmöglich in zwei Tagen ein wissenschaftliches Studium in diesem Bereich absolviert. Dies wurde mir bei dem Pränataldiagnostiker, bei dem ich am Freitagmorgen einbestellt war und zu dem mich gnädigerweise mein Mann begleiten durfte, bewusst. Meine allergrößte Hoffnung war dabei natürlich, dass eine Zweitmeinung zu einem völlig anderem Ergebnis führt oder zumindest zu einem abgemilderten. Da ich absolut JEDES Bild zur Symbrachydaktylie, dass im Internet veröffentlicht wurde, kannte, hegte ich vorsichtigen Optimismus, dass die Handwurzelknochen, die Mittelhand und vielleicht doch einzelne Finger wie beispielsweise der Daumen vorhanden sein könnten. Inwiefern diese Erwartung zerstört werden würde, sollten die nächsten zwei Tage zeigen.

  • Die Zweitmeinung

    Ich hatte mich Gott sei Dank einigermaßen stabilisiert, sodass ich zwei Tage später den Termin in der 40km entfernten Stadt bei Herrn Dr. T wahrnehmen konnte. Ein Aufzug fuhr meinen Mann und mich in eine gehobenere Praxis, die einem den medizinischen Hintergrund völlig vergessen lässt. Man fühlte sich eher wie in einem großen, teuren Wohnzimmer. Schon die Sprechstundenhilfe nahm uns allerdings sofort dieses Wohlbefinden, denn in einem harschen Ton wurden ganz klare Ansagen erteilt: „Mutterpass! Ausfüllen! Hinten Platz nehmen!“.

    Da saßen wir nun im teuren Wartezimmer als Wohnzimmer getarnt und warteten bis Herr Dr. T uns empfing. Dieser kam, begrüßte uns höflich, aber knapp (sah dabei übrigens nicht aus wie ein Arzt, sondern wie ein Dozent – gut ist er ja auch, aber wir befanden uns ja gerade nicht in einer Vorlesung) und geleitete uns in sein Büro. Kurze Vorbesprechung… Sie sind da, weil… Bla bla… Überweisung durch den Kollegen… Bla bla… Ab ins Untersuchungszimmer, bitte.

    Ja, von Untersuchungszimmer kann man irgendwie auch nicht richtig sprechen. Es gab nur eine Liege, keinen Gynäkologenstuhl. Es wurden keine Papiertücher verwendet, wie in der „Holzklasse“, sondern Stoffhandtücher wie bei Emirates. Auch der Bildschirm, auf den man meinen kleinen Jungen sehen konnte, glich einer Leinwand. Dafür war die Untersuchung wenig einfühlsam und alle Fakten monoton runtergeleiert. Ich weiß nicht, ob mir das in dem Moment geholfen hat, einen kühlen Kopf zu bewahren, aber ich hatte mich bei Dr. K deutlich wohler gefühlt. „Ja, der Kollege hat recht. Ich bespreche aber gleich alles noch einmal genauer mit Ihnen. Trocknen Sie sich bitte ab und warten Sie in meinem Büro, ich werte die Ergebnisse gleich mit Ihnen aus.“, wurde uns sachlich, aber äußerst nüchtern mitgeteilt.

    So nahmen wir also wieder im „Vorzimmer“ Platz und warteten und warteten und warteten. Erneut stieg Panik in mir auf. „Wieso dauert das so lange? Hat er noch weitere Dinge festgestellt?“. Dabei hat die kleine Maus doch fröhlich durch meinen Bauch geturnt, das Herzchen geschlagen und der Mund Fruchtwasser geschnappt (sah übrigens aus, als würde er mit mir sprechen und mitteilen wollen: „Mama, mach dir nicht allzu viele Sorgen, mir geht es gut!“). Also wieso Gott verdammt noch ‚mal kam der Arzt nicht aus dem Untersuchungszimmer???

    Als Dr. T nach einer Ewigkeit zu uns kam, setzte er sich an seinen Schreibtisch und richtete seinen Laptop so aus, dass wir seine Bilder mit ansehen konnten. Und nicht nur die Bilder entdeckte ich, sondern auch jede Menge Suchanfragen über das Internet. Der liebe Doktor hatte sich also in der endlosen Zeit ebenfalls erst einmal ein Bild von Handfehlbildungen machen müssen. Das hatte also so lange gedauert. Zumindest machte er keinen Hehl daraus und erklärte uns, wo die Spezialisten dafür ansässig seien, nämlich in Hamburg – ja, nach meinem Intensivstudium auch nichts Neues für mich. Dann zeichnete er uns noch auf, was seiner Meinung nach von der Hand da sei: Daumen, Mittelhand, einzelne Fingerknospen. „Mittelhand, sind Sie sicher?“, frug ich nach. Fünf Mal bestätigte Dr. T, dass er Mittelhandknochen angelegt sehe, was ich sehr komisch fand, denn Dr. K hatte dies ausgeschlossen mit der Begründung, dass man dann weiße Punkte im Ultraschall erkennen müsse. Irgendwie sagte auch hier meine innere Stimme bereits, auf wen ich vertrauen konnte, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Selbstverständlich wurde noch ein Termin vereinbart, um noch einmal „genauer“ zu schauen – klar bin ja auch Privatpatient und die Abrechnungen solcher Praxen sind immer gepfeffert. Ob diese immer besser sind, als die Normalen, lasse ich an dieser Stelle mal dahingestellt.

  • Termin im Genetikum…

    …neue aufschlussreiche Fakten?

    Einige Tage vergingen und ich erhielt eine E-Mail meines Gynäkologen. Er schickte mir die Kontaktdaten des Genetikums in unserer Landeshauptstadt; nur falls ich eben noch Beratungsbedarf hätte. Eigentlich nicht, aber man nutzt es dennoch. Die Angst vor Aussagen, die man nicht hören will, ist vor so einem Termin unglaublich groß. Aber mein Mann und ich gingen hin.

    Hier saßen wir nun Dr. X gegenüber, ein älterer Mann, der sehr sympathisch und einfühlsam war. Er dröselte in mühevoller Kleinstarbeit unsere Verwandtschaft und deren Erkrankungen auf. Am Ende stand eigentlich das Ergebnis, dass eine einseitige Handfehlbildung oft keinerlei genetische Ursachen hätte fest – die Angaben sind selbstverständlich ohne Gewähr; man hat jedoch die Möglichkeit dies genauer herauszufinden, aber oft auf private Rechnung. Nun, will man das? Wir entschieden uns dagegen. Denn was hätte es gebracht? Ich war mittlerweile in der 24.SSW und auch eine Fruchtwasserpunktion oder eben diese genetische Untersuchung kann folgende Tatsache nicht aus dem Weg schaffen: Sollte das Kind weitere Einschränkungen, Defizite oder wie auch immer man das nennen will, haben, kann ein Schwangerschaftsabbruch nicht mehr wirklich stattfinden. Außer das Kind sei nicht allein lebensfähig, so wurde es uns erklärt. Und selbst dann hätte ich den kleinen Wurm auf natürliche Weise gebären müssen, um ihn dann sterben zu lassen? Hat ein Mensch dazu die Kraft? Kann man wirklich in so einer Situation Gott spielen und über ein Lebewesen entscheiden, dessen Herz man schlagen sah und dessen Mündlein so aussah, als könne es sprechen? Wir als Paar mussten das ganz klar mit NEIN beantworten. Er ist wie er ist und wir werden Bettinerich auch so liebhaben, dafür haben wir uns entschieden.

    Wie ich mich in der elften Woche entschieden hätte, kann ich im Nachhinein nicht sicher beantworten. Früher lag mir nichts ferner, als ein „behindertes“ Baby auf die Welt zu bekommen. Mittlerweile haben sich meine Ansichten dabei sehr stark verändert. Vor allem handelt es sich bei uns „nur“ um eine Hand, während ich viele andere tolle Familien bei der Facebook-Ahoi-Gruppe sah, die deutlich schlimmere Schicksale mit ihren Mäusen erleiden und dennoch als Familie zusammenstehen und glücklich zu sein scheinen. Genau aus diesem Grund hat mich auch die Aussage des Dr. X total schockiert, als er uns frug, ob wir jetzt noch über Abtreibung nachdächten, denn in Deutschland ginge dies nicht mehr ohne Weiteres. „Ähm, hallo? Hast du das gerade wirklich gefragt? Wir reden hier von einem sonst völlig gesunden Fötus (zumindest wurde nichts weiter festgestellt), den man aufgrund einer fehlenden Gliedmaße töten soll? Leben wir eigentlich noch im Nationalsozialismus?“, schoss es mir durch den Kopf. In diesem Moment wurde der liebe, nette Opi von gegenüber ebenfalls zu einem Arzt ohne Gefühl. Er wollte mir in diesem Moment sicher nichts Böses und nur die Tatsachen aufzeigen, aber ich hatte sofort das Bedürfnis zu flüchten und mein Ungeborenes in Sicherheit zu bringen. Rationalität kann man von werdenden Müttern in solchen Momenten nicht erwarten, aber vielleicht wäre es dennoch möglich, die Dinge etwas vorsichtiger zu formulieren, Fragen anders zu stellen oder ein Gespür dafür zu bekommen, welche Familien gewisse Möglichkeiten absolut absurd finden.

    Ehrlich gesagt hatte ich ab diesem Zeitpunkt sowas von die Schnauze voll von Spezialisten oder Beratungsstellen. Am wohlsten fühlte ich mich bei Dr. K. Er gab mir immer ein Gefühl von Sicherheit, Zuversicht und war dabei stets vorsichtig ehrlich, ohne Hoffnungen zu verbreiten, die sich dann wie Seifenblasen in Luft auflösten. Leider entschieden wir uns, die letzten drei Termine bei ihm abzusagen, um die Schwangerschaftsvorsorge von meiner Geburtsklinik übernehmen zu lassen, denn eine 180 Grad-Drehung in der 29.SSW, die mit einer Blaulichtfahrt und viel Panik endete, sorgte dafür, dass mein Mann mich nicht mehr allein die 40km fahren lassen wollte. Also stand erneut ein Arztwechsel an. Wieder Untersuchungen, wieder die Geschichte erzählen, wieder die innerlichen emotionalen Abstürze erleben.

  • Neuer Arzt, neuer Befund?

    Im Dezember wechselte ich mit meinen Terminen in die Geburtsklinik . Damit ich allerdings nicht wieder alles vis a vis erzählen musste, informierte ich Frau Dr. E per E-Mail vorab. Das war ganz gut, denn so wurde gleich beim ersten Aufeinandertreffen eine Handchirurgin hinzugezogen.

    Auch bei diesem Termin gab es nicht viele Neuigkeiten für mich: Daumen eventuell angelegt, Mittelhand fehlt (dies musste übrigens auch Herr Dr. T beim zweiten Termin in seiner luxuriösen Wohnzimmerpraxis einräumen), vier Fingerknospen rudimentär vorhanden. Was ich bei dieser Untersuchung gut fand, war, dass sich die Ärztin auch die Mühe machte, alle gesunden Gliedmaßen auf ihre einzelnen Finger und Zehen zu überprüfen. Ebenso erleichterte mich, dass sonst alles gesund erschien (Gehirn, Organe, etc.). Die Handchirurgin konnte mir allerdings auch nichts Neues mitteilen, nur dass ein angelegter Daumen gut wäre und dass man sich das genauer nach der Geburt ansehen müsste bzw. dann in Hamburg spezielle Untersuchungen und Gespräche stattfänden. Eventuell würde man eine Zehentransplantation vorschlagen, um einen Pinzettengriff herzustellen. Die Vorstellung gesunde Gliedmaßen entfernen zu lassen, gefällt uns bis heute nicht und wir schließen das aktuell auch noch für uns aus, zumal wir auch Kinder kennenlernen durften, die mit anderen Schicksalen im Leben trotzdem ganz gut klarkommen. Dennoch ist es eine sehr schwierige Entscheidung, die wir aber erst einmal nicht treffen mussten. Denn wie der kleine Betterinerich nun zur Welt kommen wollte, sollten wir ja erst noch erfahren.

  • Langes Warten auf Bettinerich

    Es fehlten nach dieser Untersuchung noch zwei Termine bis zum Entbindungstermin im Januar. Beim Ersten wurde mir eigentlich schon irgendwie zwischen den Zeilen angedeutet, dass Kind könne wohl auch zu Weihnachten kommen…

    Es wurde kein Christkind. Auch tippte Frau Dr. E wieder andere Diagnosen in ihren Computer. Aus Daumen plus Fingerknospen wurden plötzlich fünf Fingerknospen. Sie sagte mir das nicht, dummerweise konnte ich es aber auf dem Stuhl nebendran mitlesen und wir Frauen sind halt nun einmal geringfügig neugierig. Ich beschloss ab diesem Zeitpunkt, dass ich bis zur Geburt nichts mehr zum Thema hören, lesen oder sehen wollte, denn man nimmt den kleinen Spatz doch an, wie er ist, ändern kann man es sowieso nicht mehr. Also wartete ich bis zur Entbindung ab und versuchte mich nicht mehr verrückt machen zu lassen.

    Das Einzige, was ich ehrlicherweise zugestehen muss, ist, dass ich wieder Angst verspürte. Angst, wie das Klinikpersonal auf ein scheinbar nicht 100% perfektes Baby reagiert. Angst, dass noch etwas anderes mit dem Kleinen nicht stimmt und Angst tatsächlich vor mir selbst, dass meine Muttergefühle nicht so ausgeprägt sein könnten und das überschwängliche Glück nicht so vorhanden sein wird, wie bei meinem Großen – klingt verrückt, fühlte ich aber so und das, obwohl ich das Ungeborene im Vorfeld schon wie eine Löwin bei allen und jedem verteidigte und beschützte…

  • Ängste vor der Geburt. Wäre Unwissenheit besser gewesen?

    Die ganze Schwangerschaft über hatte ich Angst, dass es nicht bei dieser einen Nachricht bleibt. Meine Freundin, deren zehnjährige Tochter ebenfalls von einer Symbrachydakytlie betroffen ist, sagte mir, dass sie es damals erst nach der Geburt sah. Oft frage ich mich, ob dies nicht auch für mich besser gewesen wäre, denn so habe ich mir die ganzen Wochen wirklich extreme Sorgen gemacht. Zumal ich im Facebook Ahoi e.V. auch immer wieder gelesen hatte, dass eine Dysmelie mit anderen Erkrankungen wie Trisomie, Organproblemen oder anderen Syndromen einhergeht. Wenn ich die Pots der Eltern las, war ich immer unglaublich traurig und musste weinen. Sie schienen aber oft viel positiver als ich an die Sache heranzugehen. „Woher nehmen die betroffenen Familien diese unglaubliche Kraft?“, frug ich mich dann oft.

    Natürlich bietet ein „Vorwissen“ auch gewisse positive Aspekte. So ist man in vielen Hinsichten besser vorbereitet, hat sich beispielsweise schon mit den unterschiedlichen Formen der Handfehlbildungen auseinandergesetzt, kennt die Adressen der Ärzte und weiß, welche Anträge ggf. zu stellen sind. Zusätzlich ist man bei der Geburt schon auf ein Baby mit kleiner Einschränkung vorbereitet. Was soll ich also sagen, ich weiß nicht, ob es so oder so besser für mich war… Wahrscheinlich hätte mich mein inneres Gefühl eh nie losgelassen, wenn ich keine Aufklärung erhalten hätte. Es blieb aber die Angst. Angst die mich nicht los ließ. Angst, die mich im Schlaf verfolgte. Unendliche Angst, die mich bis zur Geburt begleiten sollte…

  • Die Geburt rückt näher und damit noch mehr Fragen…

    Es ist für viele Leser jetzt wahrscheinlich überhaupt nicht verständlich, welche Gedanken ich mit den nächsten Zeilen äußern werde, dennoch habe ich hier versprochen, ehrliche Emotionen wiederzugeben und nichts von meinen Empfindungen zu verschleiern. Vielleicht ging es einigen Betroffenen ähnlich, vielleicht auch nicht…

    Während ich bei meinem ersten Sohn einen geplanten Kaiserschnitt hatte, und zwar aus gesundheitlichen Gründen, riet mir mein Bauchgefühl bei meinem Zweiten zu einer Spontangeburt. Warum ich das unbedingt spürte und wollte, kann ich wieder nicht erklären, denn eigentlich wäre auch hier ein Kaiserschnitt aufgrund ähnlicher Thematik viel ratsamer und logischer gewesen… Aber wenn sich die Sue einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, werden alle gut gemeinten Ratschläge in den Wind geschlagen. Doch werde ich meinen Dickschädel hierbei durchsetzen können?

    Was mich ebenso im Vorfeld beschäftigte, war die Frage, wie ich auf meine kleine Maus reagieren würde. Zwar verteidigte ich Bettinerich vor allen und jedem bereits seit Beginn der Schwangerschaft, aber wie reagiert man auf seinen kleinen Spatz direkt nach der Geburt? Denn dieses Mal waren ja sicherlich Schmerzen zu erwarten und nicht locker flockig Narkose rein und zack Baby raus. Wie werden also meine Emotionen sein nach einer solchen Strapaze, die am Ende nicht das „perfekte“ Baby als Resultat hervorbringt? Werde ich ihn genauso lieben wie meinen Ersten und zwar von Anfang an? Will ich ihn vielleicht vor der Außenwelt beschützen oder sogar verstecken? Wie wird es sein mit den involvierten Ärzten und Hebammen? Wird er viele Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen? Stimmt sonst alles mit dem Kleinen? Wie lange werde ich in der Klinik sein müssen?

    Ebenso war für mich natürlich ganz und gar nicht klar, wie mein Zweijähriger auf seinen kleinen Bruder reagieren wird. Kann er ihn so annehmen? Wie ist es generell mit zwei Kindern und Hund? Wird er auch feststellen, dass sein Bruder keine Hand hat, wie er das bereits bei seinem Hundling immer anmerkt? Und wie werde ich darauf reagieren? Weinen? Wie ihm erklären?

    Außerdem interessierte mich natürlich sehr, wie meine Familie und Schwiegerfamilie den Kleinen das erste Mal empfangen und betrachten werden. Wird es Fragen geben? Kommentare? Wird man darüber reden oder schweigt man einfach? Werden alle Bettinerich so akzeptieren wie er ist? Wird man ihn wie seinen Bruder behandeln?

    Fragen über Fragen, die vielleicht im Nachhinein lächerlich erscheinen, aber die ich mir tatsächlich alle im Vorfeld mehrfach stellte und die mir große Sorgen bereiteten.

  • Der Entschluss zur Nabelschnur- und Gewebeeinlagerung

    Ich weiß nicht mehr, wie ich zu VITA34 gekommen bin. Ich glaube, dass ich durch Facebook auf diese Firma gestoßen war. Bei meinem Zweijährigen hat mich das Thema „Nabelschnur- und Gewebeeinlagerung“ überhaupt nicht interessiert. Irgendwie macht man sich bei gesunden Kindern viel weniger Gedanken um alles und lebt tatsächlich sehr viel unbeschwerter…

    Es ist auch hier wieder nicht plausibel zu erklären, warum ich diese Möglichkeit des medizinischen Fortschritts überhaupt in Betracht gezogen und mich damit näher beschäftigt habe, denn eins ist mir sehr genau bewusst: die Wissenschaft steckt hinsichtlich der Nachbildung von Organen oder Gliedmaßen mit eigenem Gewebe absolut in den Kinderschuhen, wenn man überhaupt davon schon sprechen kann; und die Hand ist so ein komplexes Gebilde…

    Dennoch sind natürlich bereits verschiedene Dinge möglich, u.a. die Heilung leukämiekranker Kinder durch Nabelschnurblut. Und wer hätte bitte vor zehn oder zwanzig Jahren mit ganz unterschiedlichen Dingen in unserer Gesellschaft gerechnet, die für jeden von uns heute total normal sind? Ich weise dabei nur auf das Smartphone hin…

    Fakt ist, dass auch hier meine innere Stimme sagt, dass es keine Fehlinvestition war. Und wer würde seinem Kind in zwanzig Jahren erklären wollen, dass es zwar jetzt die medizinischen Mittel gibt, man damals aber keine 3400 Euro investieren konnte. Verzocken wir nicht alle mal Geld an der Börse, bei einem Abend mit Freunden, im Urlaub oder auch sonst wo? Was sind da bitte knapp 11 Euro monatlich für ein Kind? Zugegeben mit einer sehr geringen Hoffnung auf Erfolg, aber wer hätte noch vor 50 Jahren Herztransplantationen für möglich gehalten? Richtig, niemand! Wir haben uns also dazu entschlossen. Was daraus wird, werden wir sehen. Denn Sue die kleine Hexe erfühlt und sieht zwar viele Dinge in der Gegenwart, aber eine medizinische Prophetin bin ich schließlich noch nicht…

  • Namensfindung

    Ich würde behaupten, wir sind eine Familie, die viele Dinge mit Humor sieht, manchmal auch mit schwarzem. Nachdem wir also unseren Schock überwunden hatten, überlegten wir, wie denn unser kleiner neuer Sonnenschein heißen soll. Dabei war plötzlich klar, dass er irgendetwas Bestärkendes im Namen haben sollte. Etwas, das Kampfgeist, Mut und Entschlossenheit ausdrückt. Obwohl wir bei unserem ersten Kind Doppelnamen kategorisch ausgeschlossen hatten, musste jetzt einer her…

    Wir überlegten wirklich lang, denn der Zweitname musste ja auch irgendwie zum ersten passen. Uns fiel spontan „Logan“ ein, denn so nennt sich der Marvel-Superheld (gespielt von Hugh Jackman, den wir nicht nur in seiner Rolle als „Wolverine“, sondern auch als Schauspieler sehr sympathisch finden). Aber ist der Name wirklich harmonisch mit: Lenny, Levi, Luca, Marc oder Marius? Es war irgendwie noch nicht richtig Liebe und zwar ausschließlich aufgrund der Kombinationsmöglichkeiten. Auch erschien uns die dreifache Alliteration Luca Logan Lorenz doch etwas übertrieben.

    Uns half dann tatsächlich die aktuelle Staffel von „The Voice of Germany 2020“. Wir schauen diese Sendung sehr gern an, zumal ja oft nichts mehr wirklich Sehenswertes im Fernsehen läuft oder man einfach zu müde ist, um einer komplexeren Handlung zu folgen. Die besten Coaches dabei waren für uns schon immer Samu und Rea. Egal, ob sie gegeneinander um Talente kämpften oder zuletzt zusammen auf dem Stuhl saßen, beide verursachen einfach immer gute Laune und wirken super sympathisch. And voila… Unser Name stand fest, denn mit einer kleinen Abänderung der Schreibweise wird aus: Samu Rea – Samu Rai, Letzteres sprechen wir dennoch englisch aus (Bedeutung: Samu= der von Gott Erhörte, Rai = Paradies und zusammen Samurai = der Krieger). Wir waren ehrlich gesagt gespannt, wer von unserer Familie oder unseren Freunden gleich erkennt, was mit dieser Kombination der beiden Namen im Gesamten entwickelt werden kann 😊. Letztendlich hoffen wir, dass unser kleiner Samu wie ein kleiner Krieger durchs Leben schreitet, sich von niemanden negativ beeinflussen lässt, seinen Weg geht sowie stark und mutig sein wird. Auch hoffen wir, dass ihn Gott oder ein höheres Wesen stets auf seinem Weg beschützt und er ein zufriedenes sowie erfülltes Leben führt, eins von dem man am Ende behaupten würde, es war dem Paradies sehr nahe…

  • Babybelly-Shooting

    Liebe Leserinnen und Leser, überlegt euch im Vorfeld ganz genau, wie viele Kinder ihr wollt. Denn eins ist klar, was man für das eine getan hat, muss auch für das andere/ die anderen erfolgen…

    So freuten wir uns Anfang September bei unserem Großen beispielsweise auf das Babybauchshooting. Dieses fand bei herrlichem Sonnenschein ein einem kleinen See mit tollem Schloss statt. Dabei hatten wir das Glück, dass unsere Fotografin Melly nicht nur fotografieren, sondern auch malen konnte. Es war ein wundervoller Tag. Wir hatten mega viel Spaß und auch die Wegstrecke von ca.80km war kein Problem. Ich liebte die alte Umgebung (viele Jahre hatte ich in der Nähe gewohnt) und war froh, ein Shooting an diesem tollen Platz ergattert zu haben.

    Nun, was soll ich sagen… Das Karma hatte wieder einmal zugeschlagen (Beitrag dazu folgt zu 100%). Früher, als ich noch dumm und naiv war, sagte ich immer: „Ja, wer halt auch Ostern mit den Eiern spielt, hat Weihnachten die Bescherung. Selbst schuld, wenn man das nicht besser plant.“ Gut, wir hatten Ostern nicht mit den Eiern gespielt (oder doch auch lol?), aber ein Winterbaby wurde es dennoch. Obwohl ich auch im Januar geboren bin, behaupte ich heute steif und fest, dass ich direkt nach der Geburt geschrien habe: „Steckt mich wieder rein!“. Ich bin nicht der allergrößte Fan des Winters. Erst recht nicht des Matschigen, den wir in deutschen Gefilden oft genießen. Nun ist es wenig verwunderlich, dass ich nicht zu den Freaks gehöre, die nackt Langlauf betreiben, im Eis baden oder sonst irgendwelchen Unfug betreiben. Mich kann man eher in die Kategorie „einkuscheln, vor dem Kamin sitzen und jede Menge Glühwein trinken“ einsortieren. So, und nun hatte ich den Bauchsalat. Eigentlich fand ich Melly und ihre Bellykunst weltklasse, nur sprach nun einiges dagegen: ein Zweijähriger im Herbst an einem See – no! Sue halbnackt im bereits gefühlten Winter zwei Stunden sich den Kessel bemalen lassen? – absolutes no no go! Ich überlegte, und überlegte, und überlegte….

    Mir fiel eine Bekannte ein, die ich im Geburtsvorbereitungskurs bei der ersten Schwangerschaft kennengelernt hatte. Durch ihren Whatsapp-Status kannte ich ihre Fotos bereits. Als ich ihre Website ansah, verliebte ich mich in ihre Art der Fotografie. Blieb nur ein Problem… Wer malt???

    Na logo, das Ehemännchen. Wer denn sonst? Ist er doch hier mein kleiner Picasso, der sich immer heimlich in den Keller schleicht, um die zukünftigen teuren Werke zu produzieren – NICHT… Aber es ging nicht anders. Er musste ran. Mit Natalia Rau schnell die wichtigsten Basics abgeklärt, Termin ausgemacht und los ging es. Zeit zum Üben gab es leider nicht und ich gestehe, ich war mir nicht sicher, ob wir das Kunstwerk später unserer Nummer 2 präsentieren wollten…

    Aber wie schon oft im Leben überraschte mich mein Gatte auch hierbei. Wir hatten am Morgen unseren Quälgeist (ich liebe ihn über alles, da seid versichert, aber Zweijährige sind nicht immer leicht zu handeln) bei Oma und Opa abgeliefert, damit wir im worst case zumindest ein wenig hätten nachjustieren können. Es wurde allerdings bereits beim ersten Versuch ein Meisterwerk.

    Zusammen berieten wir uns über das Motiv. Es musste zu Bettinerich passen und es sollte nach Möglichkeit nicht zu schwer sein, damit es eben auch in der kurzen Zeit malbar war, immerhin hatte Melly damals fast drei Stunden gesessen (Motiv: Jamie, der fellige Bruder – zu sehen auf einem der Bilder der ersten Beiträge). Wir entschieden uns schließlich für einen Weihnachtsbaum. Zugegeben, es war Ende November und erst in drei Tagen beging man den ersten Advent, aber wir fanden das Motiv passend, da man uns bei Untersuchungen darauf vorbereitet hatte, dass der Kleine eben auch zu Weihnachten kommen könnte. Es blieb also spannend, kommt Bettinerich noch 2020 zur Welt oder doch erst 2021? In der Mitte ein Weihnachtsbaum, ein paar Kugeln dran, Geschenke drunter – fertsch.

    Natalia kam um 14 Uhr. Wir knipsten erst ein paar Bilder im Haus und wechselten dann nach draußen. Dabei entstanden so tolle Bilder, recht herzlichen Dank! Selbstverständlich war es total easy mit Kleinkind, aber Profi bleibt halt Profi… Eine kleine Auswahl dieses tollen Tages werde ich euch die nächsten Tage unter „News“ zusammengestellen.

  • Die letzten Untersuchungen vor der Geburt und interessante News

    Da ich bei den Untersuchungen im Dezember meines Erachtens nach darauf vorbereitet wurde, dass mein Baby wahrscheinlich noch im Jahr 2020 zur Welt kommt, begann nun die Zeit des gespannten Wartens. Eine Freundin versuchte dem Kleinen gut zuzureden, da sie bereits einen Body mit der Aufschrift „born in 2021“ gekauft hatte. Für mich waren die letzten Wochen auch anstrengend, denn mit Hund und Kleinkind im Lockdown wurden auch die Nächte nicht einfacher, denn Bettinerich zog immer mehr nach unten. Das Drehen von einer auf die andere Seite fiel mir immer schwerer. Aber wir sollten noch eine lange Wartezeit vor uns haben… Nichts mit „easy ein Kind zur Welt bringen“, während meine Eltern zwischen Weihnachten und Silvester zu Besuch da sind…

    Wir erreichten den 13.01.21, offizieller Entbindungstermin und die Spannung stieg von Tag zu Tag. Leider hieß es aber bei jeder Untersuchung: „Frau Lorenz, es tut mir leid, aber der Muttermund ist noch komplett verschlossen. Das Kind ist allerdings schon ziemlich schwer (3800g) und hat vermutlich einen Kopfumfang von 37cm – das sollten wir im Blick behalten“.

    Nun musste ich natürlich alle zwei Tage in die Klinik zur Kontrolle. Dort machte ich bei einem anderen Arzt im Kreißsaal eine interessante Erfahrung (die mich betreuende Ärztin war freitags und am We nicht zugegen, weshalb ich von jemanden anders untersucht werden musste).

    Herr Dr. S wusste zunächst weder, wer ich war, noch warum ich untersucht werden sollte – „Ähm, lass mich kurz überlegen… ich bin überm Termin, meine Daten und Diagnosen stehen alle in deinem PC und warum jemand da ist, erfragt man doch im Vorfeld der Untersuchung – oder bin ich jetzt doof?“, schoss es mir durch den Kopf, hielt aber die Klappe. Dr. S fuhr mir 20min über meinen Bauch, ohne ein einziges Wort zu sagen. Schlimm… Ich glaube manche Ärzte wissen gar nicht, was sie damit ihren Patienten antun, die ja dann immer mit weiteren schlimmen Hiobsbotschaften rechnen.

    Nach dieser unsäglich langen Zeit sprach Herr Dr. S nun endlich die erlösenden Worte: „Alles gut, Frau Lorenz. Ich kann allerdings nicht sehen diese Fehlbildung. Wer hat diagnostiziert?“. Wie, was, wo? Bin ich gerade bei der „Versteckten Kamera“? Bin ich vielleicht doch aus einem Albtraum erwacht und ein Engel flüstert mir jetzt zu, dass sich drei Ärzte davor massiv geirrt haben? Ich konnte diesen Satz nicht wirklich begreifen. Vor allem: „Wer die Diagnose gestellt hat??? Die Pränataldiagnostikern aus eurerKlinik. Steht ebenfalls im Computer!“, hätte ich am liebsten geschrien. Ich war auf jeden Fall realistisch genug, mir keine falschen Hoffnungen zu machen, sondern tat diese Untersuchung als: „Unter Ulk verbuchen!“ ab.

    Aller zwei Tage lief ich nun brav in die Klinik und hoffte auf die erlösende Nachricht: „Wehen vorhanden, Muttermund offen, es geht wahrscheinlich bald los.“ – leider wurden diese Worte nie ausgesprochen, ich wollte aber unbedingt die natürliche Geburt.

    Als ich nun am siebten Tag über dem Termin war und mal wieder zur Untersuchung in die Klinik schlappte, wurden meine Hoffnungen dann vollends zerstört und ich bekam es schon ein wenig mit der Angst zu tun. Frau Dr. E, die nun endlich wieder übernommen hatte, erklärte mir, dass der Föt (komischer Begriff für einen kleinen ungeborenen Menschen; Medizinerdeutsch halt) immer weiter in Richtung Bauchmitte abwandert und nicht, wie er soll, sich im Beckenboden einstellt. Aufgrund der geschätzten Kopfgröße (37cm) und des Gewichts (ca. 3800g) würde sie nicht mehr lange abwarten. Eine Einleitung könne ich schon erhalten, aber die Aussichten auf Erfolg seien wohl bei dieser Kindslage ziemlich schlecht. Zusätzlich könnte nicht so eingeleitet werden, wie bei „normalen“ Frauen, da ich bereits einen Kaiserschnitt erhalten hatte. Sprich, es liefe sicherlich am Ende dennoch auf einen Kaiserschnitt hinaus und ich solle mir das gut überlegen, denn dann hätte ich ggf. zwei bis fünf Tage gewartet, Wehen gehabt und mein Wunschergebnis trete dennoch nicht ein. Zusätzlich käme hinzu, dass mein Klinikaufenthalt unnötig in die Länge gezogen werden würde, was ich bei einem Kleinkind zuhause auch berücksichtigen müsse.

    Ehrlich gesagt, weiß ich im Nachhinein nicht, ob man mich in den nächsten Kaiserschnitt rein quatschen wollte oder ob es tatsächlich medizinisch notwendig und klug war. Mein Gefühl sagte mir immer, dass eine Spontangeburt schon möglich ist, aber mein Verstand appellierte an mich und sprach: „Sue, du wolltest nie eine natürliche Geburt erzwingen und dem Säugling auch keinen Stress oder eventuelle Komplikationen zumuten. Also reiß dich zusammen und willige in den nächsten Kaiserschnitt ein!“. Was soll ich sagen „Herz über Kopf“ hat hier leider nicht gesiegt. Ausschlaggebend war letztendlich die Ultraschalluntersuchung, die mir eindeutig zeigte, dass das Baby nicht im Beckenboden lag wie ein paar Wochen vorher und eine Geschichte einer Freundin. Die hatte exakt dieselbe Diagnose erhalten und erzielte die gewünschte Geburt in einer anderen Klinik, allerdings mit Bauchrütteltechnik über Stunden, Zange, Nabelschnur beim Säugling um den Hals und mit einem „Sternenguckerbaby“ – will man das alles? Ich wollte das dem kleinen Mann definitiv ersparen. Da können mir viele „Schischi-Hebammen“ erzählen, was sie wollen, aber dieser Stress kann auch nicht gesund sein fürs Baby… Also willigte ich schließlich ein und musste noch unendliche Vorgespräche und Wartezeiten über mich ergehen lassen (8h in einer Klinik sitzen zu Coronazeiten mit Maske ist eigentlich für eine Hochschwangere eine absolute Zumutung, aber gut… Warum geht dieser ganze Verwaltungsquatsch eigentlich im Notfall so schnell???). Auf Eins bestand ich dann allerdings doch, wenn schon Kaiserschnitt, dann wenigstens am 21.01.21 – ein Datum, von dem ich zu Weihnachten nie gedacht hätte, dass ich es jemals erreichen würde. Zusätzlich ist es der Hochzeitstag meiner Eltern, was hoffentlich als ein gutes Omen zu sehen ist…

  • 21.01.21 – Welcome little sunshine

    Am 21.01.21 war es schließlich soweit (hierbei muss natürlich kurz auf das mega bombastische Datum verwiesen werden, wenn auch bestellt). Kliniktasche dabei, VITA 34 Koffer, Sachen fürs Baby und jede Menge Aufregung. In meine Freude mischte sich halt leider auch die unendliche Panik, dass mein kleiner Schatz doch noch weitere Erkrankungen oder Fehlbildungen erlitten hatte, die vorher niemand feststellen konnte. Deshalb hatte ich natürlich ein ganz anderes Empfinden als bei meiner ersten Entbindung via Kaiserschnitt.

    Hinsichtlich der ganzen Vorbereitungen lief selbstverständlich alles gleich ab: Nadel setzen, Katheter legen, nettes OP-Hemdchen überziehen und letzte Bedenken runterschlucken. Auf dem Gang begegnete ich noch Dr. Love oder auch Dr. Hübsch, wie er von vielen Frauen in meiner Umgebung liebevoll genannt wird. Dr. P ist zusätzlich ein Freund meiner Freunde und ich verstehe natürlich auch warum… Wir sind nämlich alle lustig und um keinen Spruch verlegen. Schon bei meinem Großen damals wurde ich bei einer morgendlichen Visite mit dem Satz begrüßt: „Frau L., Sie sind also die Frau, die an mir vorbeioperiert wurde!“. Da schaut man erst einmal nicht schlecht und wenn mir die Worte fehlen, dann will das etwas heißen – kurzum: ein Arzt ganz nach meinem Geschmack und, das fiel mir jetzt ehrlich gesagt erst beim zweiten Kaiserschnitt auf, tatsächlich ganz gutaussehend. Ich war also insgeheim froh, dass mich als Privatpatient der Chefarzt operierte, so zumindest der Plan…

    Dr. P hielt mich auf dem Gang mit dem Satz auf: „Frau L., Sie sind also die Frau mit dem Kind, das so einen großen Kopf hat?“. „Ja, klar“, dachte ich. Frage mich doch einfach ehrlich, ob ich die Frau sei, dessen Kind mit nur einer Hand zur Welt kommt, schluckte aber meine Antwort runter, lächelte und entgegnete: „Jep, aber ich werde schon wieder an Ihnen vorbeioperiert. Wir haben da aber auch kein Glück.“ „Ja, da will der Chef wohl selbst ran“, sagte Dr. P. „Logisch, ist ja auch die Sensation.“, fuhr es mir erneut durch den Kopf. Wir plauschten noch ein wenig über unsere gemeinsamen Bekannten und verabschiedeten uns dann nett.

    10 Uhr war mein Termin zur Entnahme meines kleinen Stinkis angesetzt. Zwanzig nach neun holte mich bereits die Anästhesistin Dr. I aus meinem Zimmer. Diese Ärztin war ebenfalls genau mein Fall: nicht lange um den heißen Brei rumfaseln (Es ginge jetzt los, zack zack fertig werden 😉!), klare Ansagen, aber immer mit genügend Humor. Sie erinnerte mich schwer an die Hauptdarstellerin der Serie „Roseanne“, die in den 90ern auf Pro7 lief. Ich trabte also brav hinterher, während mein Mann in einen Vorbereitungsraum geführt wurde. Man versprach mir, man hole ihn, wenn alle Vorbereitungen abgeschlossen seien. „Kein Thema“, dachte ich. Alles war wie beim letzten Mal, nur eins nicht…

    Ich betrat den OP im Kreißsaal und dort lächelte mich breit grinsend Dr. P an, von Herrn Prof. Dr. T fehlte jede Spur. Dass der Chefarzt der Anästhesie mich mal wieder versetzte, war mir eigentlich schon vorher klar, mit dem habe ich schon gar nicht gerechnet, zumal „Roseanne“ ein super Ersatz war, aber dass nun Dr. Love hier stand, fand ich weniger lustig. Vor gutaussenden Männern willenlos die Beine zu spreizen, ungeschminkt und klatschen fett, fand ich so überhaupt nicht erquickend. Ich wäre ja aber nicht Sue, wenn ich meinen Unmut nicht in irgendeiner Form wieder kundgetan hätte. Ich weiß nicht mehr genau, was ich äußerte, aber ich hörte Dr. I nur sagen: „Ach Frau L., wenn man schwanger wird, muss man für neun Monate sämtliches Schamgefühl ablegen“. Wie recht sie damit hat.

    Nun gut, ich musste die Kröte schlucken, denn Herr Dr. P teilte mir mit, dass der Chef gleich käme und er heute assistieren dürfte. „Super“, dachte ich, „alle wollen mal gucken, wie der kleine Mensch ohne Hand so aussieht.“ Wie unrecht ich mit meinen ganzen Gedanken hatte, erfuhr ich erst am Ende.

    Bei den ganzen Vorkehrungen, die getroffen wurden, hatten wir Anwesenden im OP unendlich viel Spaß, worüber ich sogar mein armes wartendes Männle vergaß. Die Ärzte machten sich über Lehrer lustig und ich mich im Gegenzug über sie. Diese unbeschwerten Minuten waren klasse, denn sie nahmen mir meine Schwermut und die aufsteigende Angst. Dennoch waren diese Gefühle natürlich nicht weg und ließen mir kurzzeitig den Kreislauf runterfahren. „Bissle blass um die Nas, meine Liebe“, hörte ich es nur reden und zack hatte ich irgendeine Infusion drin und Sauerstoff-Tampons in der Nase. Just in diesem Moment kam auch der Chefarzt rein und mein Mann wurde dazu geholt. Ab diesem Zeitpunkt veränderte sich die Stimmung zum ersten Mal, das lustige Geflachse hatte ein Ende und plötzlich waren Maultaschen zum Mittagessen Thema. Nicht so gut für mich, denn dadurch stieg wieder die Panik in mir auf. Da ich mich allerdings darauf konzentrierte, nicht sofort los zu heulen, verging die Zeit sehr schnell. Ein lauter Schrei und ich wusste, Samu ist jetzt endlich da. Nur wurde es bis auf das Geschrei meines Kindes plötzlich totenstill im Raum, keiner sprach ein Wort. Mir wurde erneut kotzübel…

  • Erlösung

    Um Gottes Willen, welche Nachricht überbringt man mir gleich. Aber die kleine Maus schreit doch zumindest, also lebt er… Schon mal gut. Samu wurde an mir vorbei getragen und mein Mann mitgenommen. Ich schaute ihm mit panikerfülltem Blick hinterher. Wieder musste ich mich zusammenreißen, um nicht laut los zu plärren. Unendlich viele Minuten vergingen, dann kam mein kleines eingepacktes Bündel zu mir auf den Arm. Anstatt den Neuankömmling zu genießen, suchte ich ihn nach allen möglichen weiteren Schäden ab, konnte aber aufgrund des Handtuchs nicht viel erkennen. Das Gesichtchen erschien mir aber sehr normal, erneut ein gutes Zeichen. Selbstverständlich fragte ich sofort bei meinem Mann nach, ob sonst alles in Ordnung sei. „Sieht schon so aus“, antwortete er mir. Klar, in so einer hektischen Situation konnte er auch nicht mehr erfragen oder erkennen. Ich war vorerst beruhigt. Da die restlichen Personen im Raum natürlich unsere Kommunikation belauschen konnten, schienen diese nun auch erleichtert zu sein. Und plötzlich dämmerte es mir: sie wussten alle nicht Bescheid. Nur der Chefarzt war informiert, hatte aber das gesamte Team im Vorfeld nicht unterrichtet, von was ich ehrlich gesagt schwer ausgegangen war, denn sonst hätte ich angekündigt, dass unser kleiner „einhändiger Bandit“ mit dem Namen Samu Rai gleich Terror schieben wird.

    Ich mache natürlich niemanden einen Vorwurf. In so einem hektischen Klinikalltag geht sicher vieles unter, nur hat mir das OP-Personal in diesem Moment echt leid getan, denn sie schienen mit der Gesamtsituation wohl überfordert. Klar, wie sagt man auch einer frischgebackenen Mutter, dass ihr Kind nicht ganz „perfekt“ zur Welt gekommen ist? Ein kleiner Satz vor dem Kaiserschnitt hätte diese Unannehmlichkeiten für alle sicherlich entschärfen können, aber gut. Vor allem der Kinderarzt war wohl kreidebleich, bis ihm mein Gatte erklärte, dass die Fehlbildung der Hand bekannt sei. Erst dann habe er wohl wieder eine normale Gesichtsfarbe annehmen können.

    Nichts desto trotz muss ich sagen, dass alle Ärzte und das gesamte Pflegepersonal im Kreißsaal absolut top waren: super nett, lustig, professionell und sehr bemüht. Frau Dr. I machte sogar Fotos im OP – zur Erinnerung an die ersten Momente – weltklasse!!! Das gesamte Team im ersten Stock der Klinik kann ich ohne Bedenken jedem wärmstens empfehlen. Anders sieht es da mit dem Pflegepersonal auf der Wöchnerinnen-Station aus… Da erlebte ich in den nächsten drei Tagen das ein oder andere, dass mich schon wieder sprachlos werden ließ…

  • Drei Tage Klinikaufenthalt und erstes Kennenlernen

    Nachdem unsere kleine Maus 10:05 Uhr geboren wurde, schob man mich und das winzige Bündel Mensch in das Zimmer, in dem ich auch auf die OP vorbereitet wurde. Mein Mann konnte trotz Corona die ganze Zeit bei uns bleiben und dafür war ich schon unendlich dankbar. Das gesamte Kreißsaal-Team war auch unglaublich lieb und kam immer mal wieder nach uns schauen und fragte, ob alles okay sei. Hätte ich gewusst, was mich sieben Stockwerke weiter oben erwartete, hätte ich es sicherlich nicht so eilig gehabt, auf mein Familienzimmer verlegt zu werden…

    Zumindest das Einzelzimmer blieb mir nicht verwehrt. Ich habe auch darauf bestanden, auf keinen Fall vorher mit einer anderen Person und einem anderen Kind zusammengelegt zu werden. Aufgrund des kursierenden Virus hätte man dies aber wahrscheinlich eh nicht bei „Einzelzimmerkandidatinnen“ vorgehabt.

    Eigentlich bin ich alles andere als kontaktscheu, aber bei meinem Großen erlebte ich in derselben Klinik etwas, was ich für mich persönlich total schrecklich fand. Frisch vom Kaiserschnitt wurde ich damals in ein Zimmer geschoben, in dem sich vier mir völlig fremde Männer, zwei Kleinkinder, die andere Mutter und ihr Baby befanden. Und nun kam ich da an mit herabhängendem OP-Hemd und einem Säugling eingewickelt in einem Handtuch, dass gern gestillt werden wollte. Ich fand es schrecklich. Man fühlte sich so ausgeliefert, denn aufstehen, um den Raum zu wechseln, war nicht möglich. Dies musste also beim zweiten Kind unbedingt verhindert werden und ich bat deshalb bereits am Vortag mit Nachdruck darum. Es wurde mir gewährt, Gott sei Dank!

    Dennoch war ich natürlich total abhängig von fremden Personen, denn mein Ehemännchen verabschiedete sich irgendwann, da Juniore No.1 und der Hundling versorgt werden mussten; schließlich wurden diese auch schon fast zehn Stunden von Oma und Opa sowie meiner Schwägerin betreut.

    Schon am ersten Abend hatten die Schwestern 20:30 Uhr eine Überraschung parat… Samu sollte dem Kinderarzt vorgestellt werden. „Bitte was???“, dachte ich mir. „Um diese Uhrzeit?“, frug ich nach. Im ersten Moment ging ich davon aus, dass dies mit der Hand zu tun haben muss, aber als ich später auch andere Frauen sah, war dies wohl eine Fehleinschätzung. Gut, nun war ich am Morgen operiert worden und eigentlich beim letzten Kaiserschnitt am selbigen Tag gerade einmal zwei Schritte gelaufen, bevor es mir den Kreislauf verspulte, aber dieses Mal musste alles anders laufen, denn mit meinem kleinen besonderen Samu geht niemand ohne mich irgendwohin.

    Als ich dies mitteilte, wurde das nicht unbedingt freudestrahlend aufgenommen. Klar, die Alte musste nun im Bademantel, mit Katheder und im Rollstuhl mitgeschleift werden und dafür benötigt man Personal, das heute in fast jeder Klinik Mangelware ist. Ich sage es sehr ungern und ich habe es bei meinem großen Sohn nie ausgespielt, weil es mir aufgrund seines Gesundheitszustandes völlig wurscht war, aber dieses Mal spielte ich mich auf, wie man es wahrscheinlich schon hin und wieder auch von Privatpatienten erwartet… Ich wurde zur Diva oder zur Löwenmama oder zur Mozilla oder zu was auch immer, aber mein Sohn geht ohne mich nirgendwo hin. Ich glaube da war ich schon das Gesprächsthema der Station und bei vielen unten durch. War mir völlig egal. Nun ja, ich setzte meinen Dickkopf durch und wurde zur Untersuchung kutschiert, schön im Schlepptau meines Sohnemannes. Angekommen bei einer Wald- und Wiesen-Kinderarztassistentin erlebte ich die nächste geile Sache…